Nachtrag zu Bandion-Ortner
10/26/2014

Apropos Todesstrafe

Hinrichtungen wie in Saudi-Arabien wurden in Europa im Mittelalter praktiziert.

von Georg Markus

Auch wenn in Saudi-Arabien "nicht jeden Freitag geköpft" werden sollte, wie es Ex-Ministerin Claudia Bandion-Ortner so sensibel ausdrückte, zählt das Königreich zu den Ländern mit der höchsten Rate an Todesurteilen und wird diesbezüglich nur von China, dem Iran und dem Irak übertroffen. Saudi-Arabien ist eines von 58 Ländern, in denen heute noch Todesurteile gefällt werden. In drei Viertel aller Staaten wurde die Exekution als mit den Menschenrechten unvereinbare Maßnahme abgeschafft.

Auge um Auge

Hinrichtungen sind so alt wie die Menschheit, in der Frühzeit bedurfte es zur Vollstreckung nicht einmal gesetzlicher Grundlagen. In vielen Kulturen galt der Rache-Grundsatz "Auge um Auge, Zahn um Zahn", aber es gab schon in der Antike Phasen mit humanerem Strafvollzug, etwa in Griechenland, wo Täter des Landes verwiesen werden konnten. In späteren Epochen war es Kriminellen möglich, sich freizukaufen.

Massenweise Hinrichtungen setzten im Spätmittelalter ein und waren auf öffentlichen Plätzen zur Zeit der Hexenverbrennungen unter Beihilfe der katholischen und der protestantischen Kirche populäre Volksspektakel. Tötungsinstrumente wie Strang und das nach dem französischen Arzt Dr. Joseph Guillotin benannte mechanische Fallbeil haben eine Jahrhunderte alte Tradition und sind in manchen Ländern nach wie vor in Verwendung.

In Österreich wurde der Henker 1787 durch Kaiser Joseph II. abgeschafft. Die stattdessen verhängte lebenslange Zwangsarbeit war allerdings so grausam, dass man von einer "verlängerten Todesstrafe" sprach – etwa wenn Sträflinge zum Schiffeziehen entlang der Donau eingesetzt wurden.

"Blut-junger Monarch"

Nach der Ära des "Reformkaisers" konnten Mörder und Hochverräter wieder am Galgen landen. Sogar Kaiser Franz Joseph wurde noch am Beginn seiner Regentschaft als "blut-junger" Monarch bezeichnet, weil er so viele Exekutionen zuließ – so auch die des Schneiders Janos Libényi, der 1853 ein missglücktes Attentat auf ihn verübt hatte.

Doch je älter der Kaiser wurde, desto mehr verweigerte er die Zustimmung zur Vollstreckung: Die Zahl ging von rund 500 in den ersten vier Jahren des 20. Jahrhunderts auf zehn zwischen 1904 und 1910 zurück. Die letzte Amtshandlung seines Lebens war die Begnadigung einer zum Tod verurteilten Kindesmörderin, die Franz Joseph Stunden vor seinem Tod mit zittriger Hand unterzeichnete.

In Wien haben Exekutionen immer großes Aufsehen erregt, bekundet ein Ende des 19. Jahrhunderts erschienener Zeitungsbericht: "Wer zur Hinrichtung keine Karten bekam, der lässt sich schon für die nächste vormerken."

Mit dem Ende der Monarchie wurde der letzte k. u. k. Scharfrichter Josef Lang in Pension geschickt, doch ab 1934 kam es zu Vollstreckungen "politischer" Delinquenten, denen man Mord, Aufruhr oder schwere Militärdelikte vorwarf. Die Nationalsozialisten setzten dann (wie auch die Sowjets unter Stalin) Hinrichtungen nicht nur als Strafe ein, sondern töte-ten Millionen schuldloser Menschen ohne Gerichtsurteile. Das freilich hatte nichts mehr mit der Todesstrafe zu tun, sondern war blanker Massenmord.

Am 24. März 1950 wurde der zweifache Raubmörder Johann Trnka im Wiener Landesgericht als letzter Häftling nach österreichischem Recht gehängt, danach schaffte die Republik die Todesstrafe ab. Entgegen allen Befürchtungen nahm die Zahl der Blutverbrechen seither nicht zu.

Japan und USA

Fast alle Länder, in denen die Todesstrafe noch praktiziert wird, sind Diktaturen – mit Ausnahme von Japan und den USA. In Amerikas Todeszellen warten rund 3300 Menschen auf ihre Hinrichtung.

Von den weltweit geschätzten 10.000 Exekutionen im Jahr wird die bei weitem größte Anzahl in China vermutet – doch gibt es von dort keine gesicherten Zahlen. Drei Viertel aller bestätigten Hinrichtungen fanden laut "Amnesty International" im Iran, im Irak und in Saudi-Arabien statt. Man kann in diesen Ländern auch wegen Ehebruchs, Prostitution, Homosexualität, Alkohol- und Drogenhandels, der Abkehr vom islamischen Glauben und wegen "Hexerei" hingerichtet werden. Nicht, dass die in anderen Staaten praktizierten Exekutionen mittels Elektrischem Stuhl oder Giftspritze besonders human wären, aber in dem von Frau Bandion-Ortner verteidigten Saudi-Arabien wird man – wie in unseren Breiten im Mittelalter – auf besonders infame Weise hingerichtet: durch Enthauptung mit dem Schwert auf einem öffentlichen Platz, also vor Publikum. Im Vorjahr waren es mindestens 79 Menschen, die in dem Königreich solcherart ihr Leben ließen.

Krummschwert

Martin Gehlen, Korrespondent der deutschen Zeitung Die Zeit, schilderte erst am 13. Oktober 2014 die Hinrichtung zweier angeblicher Mörder an einem Freitagnachmittag am Al-Safah-Platz in Riad, der Hauptstadt Saudi-Arabiens: "Ihre Hände sind auf den Rücken gefesselt, über die Gesichter breite Tücher geknotet. Einen Moment mustert der Henker sein flach vor ihm kniendes Opfer, drückt mit dem Zeigefinger den Hals nach unten. Dann saust das Krummschwert herab – der Kopf fällt auf das Deckenlager, eine Blutfontäne spritzt aus dem Rumpf. Der Torso kippt nach vorne und schlägt auf den Boden."

Tod eines Schmugglers

So geschehen an einem Freitag im Oktober 2014 in Riad/ Saudi-Arabien. Auf den Tag genau eine Woche später, berichtet der Zeit-Reporter weiter, wurde laut saudischem Innenministerium auf dem selben Al-Safah-Platz ein Mann öffentlich enthauptet, "weil er eine große Menge an Haschisch und Amphetaminen ins Land schmuggeln wollte".

Also vielleicht doch jeden Freitag?

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