Chronik | Österreich
26.05.2018

An Allah glauben und Österreich beim Bundesheer dienen

Der Islam hat einen festen Platz beim Heer. Serkan E. lebt vor, wie der Glaube unter der rotweißroten Fahne gelebt werden kann.

Der Grenzübergang Nickelsdorf wurde 2015 wie kein anderer zum Mittelpunkt der Flüchtlingskrise in Österreich. Tausende Menschen – überwiegend Muslime – betraten dort im Burgenland zum ersten Mal österreichischen Boden. Auch heute noch wollen Asylsuchende jenseits dieser Grenze nach Österreich gelangen. Auf der anderen Seite steht das Bundesheer. Rund 30 Mann befinden sich dort unter dem Kommando von Garde-Soldat Serkan E. Der 38-Jährige hat türkische Wurzeln und ist selbst praktizierender Moslem. Im Sommer 2015 war er plötzlich mit viel Interesse konfrontiert: „Natürlich kamen von meinen Kameraden viele Fragen zur Religion. Was erlaubt ist, und wo die Unterschiede zum Christentum liegen. Ich erkläre das auch gerne und gehe darauf ein. Das kommt auch heute noch regelmäßig vor“, sagt Serkan E.

Der Berufssoldat lebt seinen Glauben auch im Bundesheer aus. Er fastet während des Ramadans, er isst kein Schweinefleisch und versucht so oft es geht am Freitagsgebet teilzunehmen. Vorrang hat in seinem Leben aber der Dienst beim Heer: „Die Umsetzung der Aufträge hat für mich höchste Priorität, erst danach kann man die Religion ausleben. An Tagen, an denen das Fasten bedingt durch die Hitze oder hohe dienstliche Herausforderungen nicht möglich ist, setze ich aus und faste später nach.“ Mit dem Essen gäbe es kein Problem. Als der KURIER Serkan E. in der Container-Stadt in Nickelsdorf besucht, zeigt er das Mittagsbuffet. „Es gibt immer gute Beilagen. Das reicht mir aus, wenn es für die anderen Schweinefleisch gibt.“

Selbstüberschätzung junger Rekruten

Unter Serkan E.s Kommando waren schon mehrere hundert muslimische Rekruten. „Bedingt durch den hohen Migrationsanteil unter Wehrpflichtigen in Wien gibt es sehr viele Moslems. Ich habe sicherlich schon zig davon in meiner Einheit ausgebildet.“ Der Soldat lebt den jungen Männern vor, wie der Dienst beim Bundesheer und der muslimische Glaube zu vereinen sind. Beten können die Rekruten in Pausen oder sie holen versäumte Gebete am Abend nach.

Ganz so einfach ist die Kombination von Religion und den Aufgaben beim Bundesheer aber nicht immer. Vor allem während des Fastenmonats Ramadan: „Es gab schon Rekruten die versucht haben, entgegen meines Ratschlags und während einer Anstrengungsphase zu fasten. Sie sind dann an die Grenzen der körperlichen Leistungsfähigkeit gekommen und mussten einsehen, dass es eben nicht möglich ist.“

Ihn persönlich störe das Fasten nicht. Er könne mittlerweile gut einschätzen, was er seinem Körper zumuten kann. Aber: „Natürlich kann das nicht jeder so praktizieren. Es hängt von der Tätigkeit ab, die man macht.“

Mit Themen rund um den muslimischen Glauben ist das Bundesheer nicht erst seit einigen Jahren beschäftigt. Tatsächlich musste sich Österreich schon 1878 damit auseinander setzen, als Bosnien und Herzegowina okkupiert wurden und ein Großteil der neuen Soldaten muslimischen Glaubens waren. Die Integration des Islam hat beim Heer also eine über 100-jährige Tradition. Trotzdem müsse man mit dem Thema laut Serkan E. differenziert umgehen: „Ich bin und sehe mich selbst als Österreicher. Ich bin hier geboren, aufgewachsen, zur Schule gegangen und trage die österreichische Uniform aus Überzeugung. Natürlich gibt es aber gravierende Unterschiede zwischen Flüchtlingen der heutigen Zeit und Familien, die in den 70er-Jahren als Gastarbeiter nach Österreich gekommen sind, so wie meine Eltern. Die haben sich langsam integriert. Meine Eltern haben am Anfang nicht geglaubt, dass ich eine Karriere beim Bundesheer schaffen würde, und sind heute sehr stolz auf mich.“

„Würde meine Töchter unterstützen“

Der 38-Jährige ist mit seiner Berufswahl nach über zwei Jahrzehnten noch glücklich. „Ich habe mich schon lange vor meiner Grundausbildung für Sport und Waffen interessiert. Diese Interessen konnte ich beim Bundesheer vereinen. Ich wurde sowohl von meinen Kommandanten, als auch von den Kameraden von Anfang an voll akzeptiert und es gab durchwegs nur positive Reaktionen“, sagt Serkan E. Geht es nach ihm, dürften auch seine Kinder gerne Soldatinnen werden: „Ich habe zwei kleine Töchter. Wenn ich ein drittes Kind bekommen würde, würde ich mir wieder eine Tochter wünschen. Ich bin sehr stolz auf sie und würde sie auch voll unterstützen, wenn sie zum Bundesheer gehen wollen.“