Der Täter gab rund 30 Schuss ab und hatte ein weiteres Magazin

© APA/RONALD VLACH

Amoklauf
05/25/2016

Amokläufer gestoppt: "Vier von unserem Club waren die Helden"

Vier Biker stellten den Amokläufer in Nenzing und verhinderten Schlimmeres.

von Christian Willim

Bereits am Sonntag nach der Bluttat von Nenzing gab es Augenzeugenberichte, dass sich mutige Männer dem Amokläufer Gregor S. in den Weg gestellt hatten. Am Dienstag berichtete der Obmann des Motorradclubs "The Lords", was sich in der Nacht auf Sonntag genau abgespielt hatte. Die Vereinigung organisierte die Veranstaltung, auf der sich die Tat ereignet hatte: "Vier Leute von unserem Club waren die Helden. Sie haben sich ihm entgegengestellt", erzählt Dietmar "Flash" H., der selbst im Kugelhagel stand.

Vier Biker haben demnach den Täter umzingelt, während dieser wild in ihre Richtung schoss. Einer der Männer sei Gregor S. mit seiner Taschenlampe entgegengetreten. "Er hat zu ihm gesagt: Lass die Waffe fallen und verschwinde." Daraufhin soll Gregor S. gedroht haben, den Biker zu erschießen, worauf dieser laut H. meinte: "Dann musst du mir in die Augen schauen."

Zweites Magazin

Daraufhin habe sich Gregor S. selbst gerichtet. Club-Obmann ist überzeugt, dass der Amokläufer weiter geschossen hätte, wenn die Biker ihn nicht aufgehalten hätten. Wie die Polizei bestätigte, hatte der Täter noch ein zweites Magazin. Mit dem ersten gab er rund 30 Schuss auf die Konzertbesucher ab.

Die mutigen Motorradfahrer sind laut ihrem Obmann jetzt in psychiatrischer Behandlung: "Ihnen ist erst jetzt richtig bewusst, was sie gemacht haben und was ihnen passieren hätte können", sagt H. Die vier Helden hätten zunächst gedacht, dass Gregor S. mit Platzpatronen schießt, weil sie nicht getroffen wurden. "Aber sie haben dann die Schüsse an ihren Ohren und Kutten gespürt", erzählt der 59-Jährige.

Bis zu dem Angriff aus dem Hinterhalt war das Fest der Biker friedlich. Den 27-jährigen Täter kannten die Veranstalter. Er lebte im nahen Bludenz, seine Familie stammt aus Nenzing. "Der war jedes Jahr auf unserem Fest und hat sich nie aufgeführt. Auch seine Freundin haben wir gekannt", sagt H. Niemand habe gedacht, dass so etwas passieren könne.

Amoklauf in Vorarlberg: Täter war in Neonazi-Szene aktiv

Der 27-jährige Gregor S., der am Sonntag bei einem Rockerfest im Vorarlberger Nenzing zwei Personen und sich selbst getötet hat, war Mitglied der Vorarlberger Neonazi-Szene. 2005 dürfte er erstmals einschlägig erwähnt worden sein.

Wie die Vorarlberger Polizei am Montag bei einer Pressekonferenz bestätigte, gehörte er bis 2010 dem Skinhead-Neonazi-Netzwerk "Blood and Honour" an. Er war dem Landesamt für Verfassungsschutz bekannt. Die Täter waren mit Baseballschlägern, Pfeffersprays und Gaspistolen bewaffnet. Nach einigen Attacken nahm sie die Polizei fest und erstattete wegen Körperverletzung Anzeige.

Nach Angaben der Sicherheitsdirektion Vorarlberg schoss der 27-jährige Mann wahllos in die Menge, tötete zwei Menschen und verletzte elf weitere. Anschließend begab sich der Täter zum nahe gelegenen Parkplatz und richtete sich selbst. Eine der verletzten Personen schwebt in Lebensgefahr, zwei weitere konnten das Krankenhaus bereits wieder verlassen. Bei den zwei Getöten handelte sich nach Angaben der Polizei um zwei Männer im Alter von 48 und 33 Jahren, die aus der Region stammten.

Tatwaffe war Nachbau einer Kalaschnikow

Der 27-jährige hat laut Auskunft der Polizei mit einem Nachbau einer Kalaschnikow geschossen. "Es handelt sich dabei um eine Kriegswaffe, die in Österreich verboten ist", sagte Chefinspektor Norbert Schwendinger bei der Pressekonferenz in Bregenz. Insgesamt habe der Mann mit rechtsextremem Hintergrund 30 Schüsse abgegeben.

Geschossen hatte er vom Parkplatz aus im Beisein seiner Lebensgefährtin. Die Polizei stellte am Tatort ein leeres Munitionsgehäuse sicher, das 30 Patronen fasst. Die Lebensgefährtin des Täters, mit der der 27-Jährige ein 17 Monate altes Kind hat, stand unmittelbar neben dem Mann, als dieser auf die Menschenmenge im Barbereich zielte. Laut Schwendinger flüchtete sie und meldete sich kurz darauf bei der Polizei und gab die Identität des Amokläufers bekannt. Sie sei psychisch sehr angeschlagen gewesen, konnte aber als erste einvernommen werden.

Massenpanik

Nach den Schüssen ist eine Massenpanik ausgebrochen. Viele der Festgäste seien in angrenzende Wiesen und Wälder und sogar auf die Autobahn geflohen, schilderte Nenzings Bürgermeister Florian Kasseroler (FPÖ) die dramatischen Ereignisse aus der Tatnacht. Die Betroffenheit in der 6.200 Einwohner-Gemeinde sei riesengroß, so das Gemeindeoberhaupt.

Seit 2010 sei der Mann - er arbeitete als Installateur und hatte mit seiner Partnerin ein 17 Monate altes Kind - nicht mehr aufgefallen, sagte der Stellvertretende Leiter des Landeskriminalamts, Stefan Schlosser. Zwischen 2005 und 2010 wurde er acht Mal rechtskräftig verurteilt. Es handelte sich dabei um die Delikte Körperverletzung und gefährliche Drohung, ebenso hatte er gegen das Waffengesetz verstoßen. Seit 2004 bestand gegen ihn ein Waffenverbot.

Beziehungsstreit

Laut Polizei soll der Täter zuvor mit seiner Freundin in Streit geraten sein. Anschließend holte der Mann das Gewehr aus seinem Auto und begann von einem Platz, wo Taxis auf Fahrgäste warteten, zu schießen. Zumindest zwei der Fahrzeuge wurden beschädigt. Einer der Verletzten im Alter zwischen 25 und 53 Jahren dürfte ein Taxifahrer sein.

Ein Exkurs: Das Skinhead-Neonazi-Netzwerk "Blood and Honour" wurde in den 80er-Jahren vom Sänger der britischen Nazi-Band Screwdriver, Ian Stuart Donaldson, gegründet. Überall auf der Welt entstanden seither "Blood and Honour"-Divisionen, die wiederum in Sektionen unterteilt sind. In Österreich existiert unter anderem eine Gruppierung in Vorarlberg.

Gleichsam der bewaffnete Arm von "Blood and Honour" war "Combat 18" (18 steht für den ersten bzw. den achten Buchstaben des Alphabets und ist somit ein Code für die Initialen Adolf Hitlers, Anm.). Auf das Konto der Gruppe gingen in Großbritannien mehrere Anschläge. 2003 wurde in Schleswig-Holstein eine Zelle gleichen Namens ausgehoben.
Die Vorarlberger Sektion verfügt schon seit längerem über gute Kontakten ins Ausland. Mehrere Gewalttaten dürften auf das Konto des Netzwerks in Vorarlberg gehen. 2009 gab es eine Massenschlägerei zwischen Mitgliedern des Motorradclubs "Outsider" und Nazi-Skinheads mit einem Toten und mehreren Schwerverletzten. Dreh- und Angelpunkt der Sektion war vor einigen Jahren die rechtsextreme Skinhead-Band Tollschock. Der kürzlich verstorbene Rechtsextremismus-Experte Wolfgang Purtscheller sagte 2007: "Die Vorarlberger haben konspirativ organisierte Konzerte mit bis zu 1.000 Besuchern auf die Beine gestellt."
Die Plattform "Stoppt die Rechten" beobachtete nun eine Neuorganisation der Vorarlberger Szene. Im November sollen Vorarlberger Neonazis an Demonstrationen in Spielfeld beteiligt gewesen sein und dort auch gewalttätige Aktionen gesetzt haben. Im Februar nahmen sie laut "Stoppt die Rechten" an den "Lichter für Österreich"-Kundgebungen von Asylgegnern in Dornbirn teil.
Anfang März gab es in Vorarlberg laut Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW) ein Konzert der ungarischen Neonazi-Band "Indulat". Dieses hätte eigentlich in Thüringen über die Bühne gehen sollen, wurde dort aber angeblich von den Behörden unterbunden. Ungarische "Blood and Honour"-Aktivisten berichteten danach im Web, dass sie auf dem Weg nach Vorarlberg in Braunau am Inn einen Stopp machen, "damit wir das Geburtshaus unseres Führers besuchen" - mit Foto. In Vorarlberg gab es neben einem "Kameradschaftsabend" auch einen "kleinen Schießwettkampf, wo wir mit den österreichischen und Schweizer Kameraden unsere Fähigkeiten gemessen haben". Ob auch Gregor S. daran teilnahm, ist unbekannt.
Dass der 27-Jährige Teil dieser Szene war, ist allerdings evident. Seine Gesinnung ist auch an seinem Facebook-Konto erkennbar. Unter "Freunden" findet man laut "Stoppt die Rechten" fast alle Größen der Vorarlberger Neonazi-Szene. Unter "Gefällt mir" sind unter anderem die Holocaust-Leugner Ursula Haverbeck und Horst Mahler, die mittlerweile unbetreute Facebook-Seite der Neonazi-Plattform "alpen-donau.info", Teilorganisationen der "Europäischen Aktion" und die "Nationale Front" vermerkt.
Das Mauthausen Komitee Österreich (MKÖ) warnte unterdessen am Montag erneut vor einem dramatischen Anstieg rechtsextremer Straftaten und forderte einen Aktionsplan: " Wie viele Tote brauchen wir in Österreich noch, bis endlich ein Nationaler Aktionsplan gegen Rechtsextremismus in die Tat umgesetzt wird?", fragte Willi Mernyi, Vorsitzender des MKÖ.
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