Afghanistan: "70 Prozent sind Wirtschaftsflücht­linge"

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Foto: REUTERS/MOHAMMAD ISMAIL Eine schwere Explosion erschütterte  Dienstag das Diplomatenviertel in Kabul

Erst am Dienstag gab es ein Attentat in Kabul. Gleichzeitig steigt die Zahl der Rückführungen von Asylwerbern. Zu Recht, meint der Sachverständige Karl Mahringer.

Karl Mahringer hat viel gesehen. Der Steirer lebte von 2009 bis 2014 in Afghanistan, ist auch jetzt noch regelmäßig in dem Land – auch um die Angaben von Afghanen zu prüfen, die sie in ihren Asylverfahren gemacht haben. Mahringer ist gerichtlich beeideter Sachverständiger. In dieser Funktion arbeitet er auch für den Bundesverwaltungsgerichtshof.

Karl Mahringer Foto: KURIER/Gilbert Novy Der 64-Jährige hat viel zu tun – auch wenn die große Flüchtlingswelle längst abgeebbt ist. Bis einschließlich September stellten heuer 2953 Menschen aus Afghanistan einen Asylantrag in Österreich. Rund 43 Prozent wurden positiv bewertet. Gleichzeitig steigt die Zahl jener, die in ihre Heimat zurückkehren (müssen). 536 Afghanen betraf das in den ersten acht Monaten des Jahres. 83 wurden zwangsweise in ihre Heimat rückgeführt.

Herr Mahringer, der KURIER berichtete über den Fall eines Afghanen, der im Asylverfahren abgelehnt wurde. Seiner österreichischen Freundin richtete man aus, es sei zumutbar, dass sie mit ihm gehe. Sehen Sie das auch so?

Karl Mahringer: Grundsätzlich ja. Aber: Für eine moderne, europäische Frau sind die Lebensumstände eine Katastrophe. Wenn ihr Lebensgefährte aus dem Süden kommt, wo die Leute in Lehmbauten leben – dann sollte sie sich das vorher überlegen. Und sie muss in Kauf nehmen, dass man in Afghanistan als Frau keine Ansprüche hat. Wenn das aber eine meiner Töchter wäre, würde ich auf die Barrikaden steigen.

Wann waren Sie zuletzt in Afghanistan?

Vor 14 Tagen. Ich war in Kabul, in Masar-e Scharif und in Hera. Und ich kann zwischen 2009 und jetzt keinen Unterschied erkennen. Im Herbst gibt es immer die Herbstoffensive der Taliban, bei der Stützpunkte und Regierungsplätze angegriffen werden. Das wird über den Winter wieder abflauen und im Frühjahr wiederkommen. Dazu kommt der Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten, die gegenseitig Moscheen bomben, speziell zu Feiertagen.

Und dann gibt es noch sehr viele Minderheiten in dem Land.

Afghanistan ist das Land der Minderheiten. Es gibt Usbeken, Tadschiken, Belutschen, Nuristani, ... Innerhalb der großen Stämme gibt es noch Unterstämme. Es ist ein Land der vielen Strukturen. Ein Problem ist auch die Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan, die einfach willkürlich festgesetzt worden ist. Das Gebiet an dieser Grenze ist eine No-Go-Zone. Das ist ein Rückzugsort für alle Verrückten.

Aber aus Ihrer Sicht ist das Land trotzdem bereisbar?

Ja, wenn man die Sicherheitshinweise berücksichtigt. Wenn die Bewohner sagen: ,Du fährst da nicht hin, da sind momentan die Taliban oder andere Aufständische – daran hält man sich. Die Wahrscheinlichkeit, in Kabul von kriminellen Banden entführt zu werden, ist größer als von den Taliban. Man schiebt den Taliban oder auch dem IS vieles in die Schuhe, was eigentlich kriminelle Banden machen. Nicht alles ist politisch motiviert.

Gilt das nur für Ausländer oder auch für Einheimische?

Ausländer per se sind kein Ziel. Auch nicht Mitarbeiter von internationalen Organisationen.

Dann gibt’s ja keinen Grund, aus dem Land zu fliehen. Warum haben es dann so viele getan?

Weil Schlepper das noch ordentlich aufgebauscht und den Menschen erzählt haben, dass sie Frau Merkel freudig erwartet und sie ein Haus und ein Auto bekommen. Da haben sich die jungen Männer ganzer Dörfer nach Europa aufgemacht, und täglich sind bis zu 60 Busse an die iranische Grenze gefahren. Für die Schlepper war es ein sehr gutes Geschäft.

Amnesty International widerspricht Ihnen da. Es gab 2016 so viele Tote wie nie zuvor, 2017 schaut es nicht besser aus.

Dem kann man zustimmen. Aber wo passieren die Attentate? Im Regierungsviertel in Kabul. Bei militärischen Anlagen, beim Höchstgericht. Da nimmt man eben 10 Minuten Umweg in Kauf.

Vor allem junge Männer sind nach Europa gekommen. Mit dem Gedanken, die Familie nachzuholen?

Nicht unbedingt. Der Mindestlohn in der Verwaltung in Afghanistan beträgt 75 Dollar im Monat. Im Privatbereich 100 Dollar. Damit kommt eine Familie in der Regel aus. Jetzt überweisen sie einfach Geld in die Heimat. Eine Wahnsinnssache. Die Familie lebt wesentlich besser. Das wäre ja an sich kein Problem, wenn die alle Arbeit hätten. Unser Problem ist, dass wir viele Leute haben, die nicht arbeiten oder arbeiten können, weil sie keine Ausbildung haben.

Hat man die Möglichkeit, in Afghanistan überhaupt eine Schule zu besuchen?

Ja klar. Schulen gibt’s überall in Afghanistan.

Warum gibt es dann afghanische Analphabeten?

Die Mädchen wurden lange nicht in die Schule geschickt. Und das Bildungsniveau ist relativ gering. Es gibt auch ein Gefälle zwischen Land und Stadt.

Wie viele Afghanen werden aus Ihrer Sicht tatsächlich verfolgt?

Ich würde sagen, 70 Prozent der Leute, die von Afghanistan nach Österreich kommen, sind Wirtschaftsflüchtlinge.

Aber gerade hier hört man immer die Geschichten von getöteten Verwandten oder Drohungen.

Ich habe mich einmal mit einem Taliban-Führer getroffen, der eine Person bedroht haben soll. Der hat gelacht. Er konnte den Drohbrief gar nicht schreiben, er war Analphabet. Es gibt eine Straße in Kabul, in der die Schreiber sitzen. Ich bin dorthin gefahren und habe mir das selbst angesehen. Du kannst diese Briefe um 10 bis 100 Dollar kaufen.

Können Geflüchtete einfach zurückkehren?

Im Grunde ist es kein Problem, aber man darf sich bei der Beurteilung der Einzelfälle nicht so viel Zeit lassen. Dauert es Jahre, dann ist der Flüchtling weder in Österreich noch in Afghanistan integriert. Ein europäisches Konzept wäre dringend notwendig. Ein Großteil der Menschen aus der Flüchtlingswelle 2014 und 2015 kam nicht nur aus Afghanistan, sondern auch aus den Flüchtlingslagern in der Türkei, im Libanon und Jordanien. Davor hatten die Geberländer die Tagesrationen für die UNHCR gekürzt, und auf einmal konnte man in den Lagern nicht mehr leben.

Vor Kurzem war der afghanische Minister für Flüchtlingsfragen in Wien und hat appelliert, die unfreiwilligen Rückführungen zu stoppen, weil sich das Land das nicht leisten könne.

Das ist eine politische Aussage. Ich stimme ihm zu, dass viele kommen. Aber nicht, dass wir das stoppen sollen. Man muss das Land unterstützen. Man muss die Leute betreuen, die zurückgehen. Es nützt die ganze Investition in Bildung nichts, wenn du dort keine Jobs schaffst.

Welche Hilfe brauchen Rückkehrer?

Wir könnten sagen: Wir unterstützen dich beim Wohnen in den ersten Monaten, sorgen dafür, dass du Essen bekommst. Bei Interesse erstellen wir einen Businessplan. Laut Schätzungen gibt es bis zu 700 NGOs in Afghanistan. Jede rennt für ein Projekt. Wenn du das konzentrierst, kannst du den Leuten wirklich helfen.

Sie werden auch bei einzelnen Asylverfahren zurate gezogen. Wie lange brauchen Sie, um solche Asylfälle zu untersuchen? Wie einfach ist es, die Angaben von Flüchtlingen zu überprüfen?

Meine Gutachten und Recherchen basieren mindestens auf zwei unabhängigen Quellen und schließen in der Regel auch einen Vorort-Besuch mit ein. Ich versuche solche Fälle in 14 Tagen bis längstens einem Monat zu beantworten. Aber es gibt auch Fälle, die sich nicht prüfen lassen. Zum Beispiel wenn es um die Provinz Nuristan geht. Das war und ist noch immer die Provinz aller Troublemaker, und dorthin zu fahren, ist wirklich nicht empfehlenswert.

(kurier) Erstellt am
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