Chronik | Österreich
04.09.2018

Ärztekammer warnt vor Kollaps des Spitalssystems

Das komplexe Finanzierungssystem gehöre reformiert, meinen Mediziner und Gesundheitsökonom.

Die Ärztekammer schlägt Alarm: Die Spitäler seien durch zu viele Patienten belastet. Ärzte hätten kaum noch Zeit, sich ausreichend um jeden einzelnen zu kümmern. Als Hauptursache sieht die Kammer das Finanzierungssystem des Gesundheitswesens. Hier bedürfe es Änderungen, „um den Systemkollaps zu verhindern“.

Laut Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer sei das komplexe Finanzierungsmodell, das sowohl aus Steuer-, als auch aus Sozialversicherungsbeiträgen gespeist wird, „keine gescheite Idee“. Dadurch komme es automatisch zu Konflikten.

Die Folgen seien, dass es keinerlei Anreize gebe, eine ambulante der stationären Versorgung vorzuziehen. Denn während Leistungen in Spitälern über ein Punktesystem abgerechnet würden, gebe es im Ambulanzsektor pauschalierte Abgeltungen.

Darüber hinaus würden nicht nur einzelne Abteilungen, sondern ganze Kleinspitäler erhalten, obwohl sie versorgungstechnisch eigentlich nicht nötig wären. Diese wiederum müssten durch die Konkurrenzsituation Patienten „erzeugen“, so Pichlbauer. Das führe dazu, dass etwa Bronchitis-Erkrankte in manchen Regionen überdurchschnittlich oft im Krankenhaus behandelt werden, anderswo kaum. So liegen Wiener vergleichsweise selten im Spital, Salzburger und Oberösterreicher dagegen oft. Im Innviertel sei die Häufigkeit von Krankenhausaufenthalten sogar „absurd hoch“.

300 Ärzte zu wenig

Wien sei von der Entwicklung besonders betroffen, sagt Wolfgang Weismüller, Wiener Kammer-Vizepräsident und Obmann der Kurie angestellte Ärzte. Kleine Provinzspitäler würden erhalten, während Geld in den Ballungsräumen fehle. Er fordert folglich eine „Finanzierung aus einer Hand“.

Dazu komme, dass Ärzte in Wien kaum „Leerläufe“ haben. „Die Kollegen müssen am letzten Drücker arbeiten, die Zeit pro Patient sinkt. Das ist betriebswirtschaftlich gut, aber gesundheitsökonomisch ein Wahnsinn“, beklagt Weismüller. Für Mediziner gebe es kaum noch Anreize, im Spital zu arbeiten.

Weiters fehle es an Zeit, den Ärztenachwuchs angemessen auszubilden. Weismüller beziffert die Zahl der fehlenden Spitalsärzte in Wien mit 300. Zudem brauche man eigenes Personal zur Bewältigung der Bürokratie.