Halb Afritz war von den Muren betroffen

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Chronik | Österreich
09/11/2016

400.000 Gebäude stehen in gefährdeten Bereichen

In Afritz geht es an das Wiederaufbauen.Wetterextreme mit schweren Schäden dürften zunehmen.

"Die Emotionen fahren Karussell", beschreibt Birgit Kahlhofer. Die 45-jährige Sozialpädagogin wohnt in Afritz, genauer: im Ortsteil Kraa. Zwei Muren binnen einer Woche verwüsteten Gärten und Gebäude. Kahlhofers Haus lag bis zum ersten Stock in Schlamm und Geröll. Mittlerweile ist das Gebäude weitestgehend wieder freigelegt. "Es lichtet sich", seufzt die Besitzerin.

Die Kärntner Gemeinde ist schwer in Mitleidenschaft gezogen, doch sie ist nur eine von vielen, die extreme Unwetter treffen könnten: In ganz Österreich stehen 400.000 Gebäude in gefährdeten Gebieten, sei es durch Muren, Hangrutschungen, Hochwasser, Lawinen oder Steinschlag. Das ist ein Fünftel aller Bauwerke im Land.

Sie sind großteils "Altbestand": Häuser, aber auch Stallungen oder Firmenanlagen, die vor 1975 errichtet wurden. Seit 41 Jahren gibt es die Einteilung der Grundfläche in rote Zonen (stark gefährdet, Benützung nach Unwetter nicht oder nur unter hohem Aufwand möglich) oder gelbe Zonen (Beschädigungen möglich).

Bauverbote

Bis 2005 jedoch wurde in den Gebieten auch noch fleißig gebaut. Seit elf Jahren ist das in den Bauordnungen aber strikt untersagt. "Wir möchten auf jeden Fall verhindern, dass es in den rote Zonen zu Neubauten kommt", betont Andreas Pichler vom Lebensministerium, in dem die Fäden der Lawinen- und Wildbachverbauung zusammen laufen. "Die Bundesländer haben in den vergangenen Jahren aber durch die Ereignisse gelernt."

Gemeint sind damit Wetterextreme, die nicht nur den betroffenen Hausbesitzern Leid brachten, sondern sie und die öffentliche Hand viel Geld kosteten. Pro Jahr gibt es einer Studie des Forschungsprojektes "Coin" zufolge alleine durch Hochwasser Schäden von 200 Millionen Euro. Innerhalb von 50 Jahren könnte diese Summe auf 400 Millionen bis 1,8 Milliarden Euro steigen.

In Kraa stehen weniger als die Hälfte der betroffen Gebäude in einer Gefahrenzone. Jenes von Birgit Kahlhofer liegt außerhalb – dennoch ist ihr Haus massiv beschädigt. "Meine Ahnen haben schon gesagt: ,Passt auf den Bach auf‘", sagt sie frei von Schuldzuweisungen.

Klimawandel

Kurze, aber heftige Unwetter nehmen zu. 12.000 registrierte Wildbäche gibt es im Land, ein Drittel von ihnen gefährdet Siedlungsraum erheblich. "Die Ereignisse verdichten sich. Das nehmen wir wahr", bestätigt Pichler. "Nicht von der Anzahl her, aber von der Schadensanfälligkeit." Forscher der Uni Graz untersuchen derzeit, ob und wie das mit dem Klimawandel zu tun hat. Ausgangspunkt des Projektes war jenes Unwetter, das 2010 das Sölktal verwüstete. "Man sollte sich darauf einstellen, dass solche Ereignisse häufiger werden", sagt Uni-Professor Oliver Sass.

Niemand kann gezwungen werden, aus gefährdeten Gebieten wegzuziehen, betont Andreas Pichler. "Aber es gibt Möglichkeiten, das durch Förderungen von Bund und Land zu unterstützen." Darüber hinaus bleiben nur Schutzmaßnahmen: Pro Jahr investieren Bund und Länder, aber auch Private in Verbauungen. 2014 waren es 135 Millionen Euro, 2013 165 Millionen Euro. Alle zehn Jahre werden die Maßnahmenpläne adaptiert.

In Afritz ist die Gefahr aber noch nicht gebannt. Größere Niederschläge könnten erneut Muren auslösen. "Wenn man weiß, dass es Sonntag wieder gewittert, denkt man nach", sagt Kahlhofer. "Aber beim Eigentum hängt man mit dem Herz dabei." Sie will bleiben, ein Umzug kommt nicht infrage. "Ich habe Hoffnung. Es wird weitergehen. Aber ich weiß noch nicht, wie."

In Österreich wird man nicht allein gelassen

"Es ist eh wieder alles ganz fesch", freut sich Armin Torggler. Etwas kleiner vielleicht als früher fielen Stall und Wirtschaftsgebäude aus, aber das Haus, das ist wieder picobello.

Vor vier Jahren sah es in dem 400 Jahre alten Bauernhaus ganz anders aus: Bis zum ersten Stock voll Wasser und Schlamm, die Fenster aus der Verankerung gerissen, beinahe alle Möbel und sämtliche Kleidung kaputt. Die 400 Einwohner von St. Lorenzen, einer kleinen Katastralgemeinde von Trieben, haben im Sommer 2012 das Gleiche durchlitten, das jetzt die Bevölkerung in Afritz in Kärnten mitmacht: Eine Mure, zehn Meter hoch, hundert Meter breit, wälzte sich durch den Ort, verwüstete die Hälfte der Häuser, riss eines sogar mit. Autos, die im Ortskern geparkt waren, ragten danach 250 Meter weiter aus Dreck und Schlamm.

Wie in Afritz war es auch in St. Lorenzen ein Bach, der überging und Geröll mitriss. Die danach nötigen Investitionen in privates und öffentliches Gut wurden später mit 85 Millionen Euro beziffert. Die meisten Gebäude lagen in Zonen, die als gefährdet gelten. Doch St. Lorenzen ist ein alter, gewachsener Ort. Diese Häuser standen schon, bevor die Zoneneinteilung in den 1970er-Jahren überhaupt gemacht wurde.

Ebenso wie in Afritz war die Hilfsbereitschaft in der Obersteiermark groß. "Es ist viel Geld über Spenden gekommen", erinnert sich Armin Torggler. "Natürlich auch über den Katastrophenfonds. Zum Glück leben wir in Österreich, da wird man nicht allein gelassen." Freilich hat die Familie selbst viel Zeit, Arbeit und Geld in den Wiederaufbau investiert. "Wir haben sicher den Wert eines neuen Einfamilienhauses reingesteckt."

Auffangbecken hielten

Auch im Ort selbst wurde viel für die Schutzmaßnahmen getan. Gefährdete Hänge wurden abgesichert, für den Bach gab es Schutzbauten. Die hielten: Vor knapp einem Monat gab es ein heftiges Unwetter, das die Bewohner von St. Lorenzen an den verheerenden 21. Juli 2012 erinnerte. "Das Auffangbecken war voll, aber es hat gereicht", schildert Torggler. "Es hat alles tadellos gehalten. Sonst hätten wir sicher wieder Scherereien gehabt."

Weggezogen ist wegen der Naturkatastrophe niemand. Auch für Armin und seine Frau Ute war das nie ein Thema. Angst habe er keine, versichert Armin. "Aber das ist wahrscheinlich individuell. Meine Schwiegermutter hat bei Gewittern sicher noch gewisse Ängste. Aber so eine Mure bringt uns nicht weg."

Hohe Kosten für Betroffene

Haushaltsversicherungen decken vieles ab, aber gerade nach Naturkatastrophen gibt es nicht sehr viel Geld für die Betroffenen. Bei der Wiener Städtischen etwa sind Schäden durch Hochwasser oder Muren zwar automatisch mitversichert, allerdings nur bis zu einer Höchstsumme von 4000 Euro.

Erweiterungen auf 8000 bis 16.000 Euro seien möglich, betont Vertriebsvorstand Hermann Fried. So könnten für das Gebäude selbst und auch den Inhalt wie Mobiliar höhere Zusatzversicherungen abgeschlossen werden. Das kostet zwar mehr an Prämien, brächte dann im Ernstfalls bis zu 32.000 Euro Entschädigung.

Nicht im Risikogebiet

Allerdings gibt es auch hier Ausnahmen. "Das gilt nicht in Risikozonen", beschreibt Fried. Darunter fallen Gebiete, in denen das sogenannte HQ30 und mehr gilt. Dort ist alle 30 Jahre Hochwasser prognostiziert.

Anders wiederum sieht das Versicherungsmodell bei Fahrzeugen aus. Hier decken Voll- oder Teilkasko auch Schäden durch Muren oder Hochwasser zur Gänze ab.

Bleibt noch der Katastrophenfonds des Bundes. Mit diesen Mitteln werden privaten Haushalten die finanziellen Schäden abgegolten. In der Regel gibt es 20 bis 30 Prozent der Summe für die Betroffenen, in Härtefällen sind bis zu 80 Prozent möglich. 2014 wurden rund 400 Millionen Euro ausbezahlt, 2015 423 Millionen Euro. Darin enthalten sind aber auch Gelder für Landwirte, etwa nach Dürrekatastrophen.