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Chronik Österreich
04/28/2019

100 Jahre Frauen in der Technik: „Ohne Schädigung der Männer“

1919 durften erstmals Frauen an Österreichs Technischen Universitäten studieren.

von Elisabeth Holzer

Als Edith Lohr ihre Diplomprüfung ablegen wollte, erwartete sie ein Kind. Gemeinsam mit einer ebenfalls schwangeren Studienkollegin wollte sie sich zu dem Examen anmelden, das noch zum Abschluss ihres Chemiestudiums fehlte.

Aber Lohr und ihre Kollegin wurden abgewiesen. „Na also, da müssen wir ja auch noch eine Hebamme engagieren!“, kommentierte der Dekan und schickte die Studentinnen wieder weg.

1951 war man(n) an der damaligen Technischen Hochschule Wien noch weit weg von Gleichberechtigung, wie sich Lohr in einem Gespräch mit dem Projektteam „100 Jahre Frauenstudium“ erinnerte. Seit 1919 durften sich Frauen in technischen Studien einschreiben, solange sie Männern keinen Platz wegnahmen oder gar das Inventar beschädigten.

Der Weg an die Uni

Unterstaatssekretär Otto Glöckel unterzeichnete den Erlass am 7. April 1919: „Es ist hiebei die selbstverständliche Voraussetzung, dass die Aufnahmewerberinnen den Anforderungen für die Aufnahme voll entsprechen, welche dermalen für die männlichen Studierenden in Geltung stehen sowie dass die Aufnahmewerberinnen ohne jede Schädigung und Beeinträchtigung der männlichen Studierenden nach den vorhandenen räumlichen und wissenschaftlichen Einrichtungen der einzelnen Hochschulen Platz finden können.“

Trotz seiner heute seltsam anmutenden Formulierung ermöglichte der „Glöckel-Erlass“ Frauen den Weg in die Technik. Pionierinnen mussten ihn jedoch ebnen. Als erste Frau inskribierte Hermine Wranitzky an der Technischen Hochschule Wien, sobald der Erlass des Ministeriums in Kraft war. 1924 legte sie die erste Staatsprüfung in Maschinenbau ab, mehr ist über Wranitzky heute nicht mehr herauszufinden.

Pionierinnen

Ganz im Gegensatz zu Helene Roth: Sie war 1926 als 22-Jährige die jüngste Frau, die das Architekturstudium in Wien abschloss. Roth emigrierte später nach Israel, arbeitete erfolgreich als Architektin und starb 1995 in Tel Aviv.

An der BOKU Wien legte Sophie Rumenovic de Jezerane im Juli 1922 als erste Frau eine Staatsprüfung ab, als erste Studienassistentin gilt Olga Beck. Die Montan Uni Leoben verzeichnet Friederike Veit als erste Studentin. 1930 legte mit Olga Maria Peter die erste Frau Staatsprüfungen im Hüttenwesen ab sie war Tochter eines Rektors.

Geprägt von den Eltern

Das passt zu dem Bild, das Bettina Paschke und Bernhard Reismann zeichnen, die für die TU Graz eine Ausstellung über „100 Jahre Frauenstudium“ gestalten. Die weiblichen Studierenden waren demnach vom Elternhaus geprägt. „Die Studentinnen entstammten dem akademischen, großbürgerlichen Milieu“, analysiert Paschke. „Sie waren Töchter von Hochschulprofessoren oder Unternehmern, die wegen fehlender männlicher Nachkommen für die Übernahme des väterlichen Betriebes vorgesehen waren.“

Die ersten Hörerinnen 1919 in Graz waren Martha Spiera und Barbara Gyöngyössy. Viel ist von ihrer Geschichte nicht mehr bekannt, Spiera war die erste Chemie-Absolventin (1923) und arbeitete bis 1936 als Chemikerin an einer Uni in Budapest. Anna-Lülja Praun war die erste Architektur-Absolventin.

Es gibt wenige Aufzeichnungen aus der Zeit, aber eines filterte Paschke heraus: Die Vorurteile gegenüber den Frauen von männlichen Lehrenden und Studierenden waren geringer als vermutet. „Es gab durchaus aufgeschlossene Professoren, die für die damalige Zeit sehr modern dachten und Frauen unterstützen“, sagt Paschke.

„Aber nichtsdestotrotz mussten sich Frauen ziemlich durchbeißen.“ Herta Frauneder-Rottleuthner, 1935 eine frühe Architektur-Absolventin, beschrieb das so: „Als Frau musst du immer bei null anfangen.“

Studentinnen - damals und heute

Erster Zugang 1878 Die Zulassung für  Technische Hochschulen kam 1919 relativ spät. Ab 1897 durften Frauen an philosophischen Fakultäten studieren, ab 1900 stand ihnen auch das Medizinstudium offen. Zuvor durften sie  seit 1878 in einigen Fachrichtungen als Hospitantinnen zuhören, allerdings gab es regionale Unterschiede:  An der Karl-Franzens-Universität Graz durften Frauen  schon ab 1870 Sprachprüfungen ablegen.

Wenig Absolventinnen In den 30 Jahren nach dem „Glöckel-Erlass“ haben nur 70 Frauen ein Studium an der TU Graz abgeschlossen: Von jenen Frauen, die inskribierten, kamen 80 bis 90 Prozent nicht bis zum Abschluss. In den 1920er- und 1930er-Jahren beendeten zwei bis drei Frauen pro Jahrgang das Studium.

Zuwachs ab den 1980er-Jahren Jahrelang blieben Frauen Exotinnen in technischen Studien. Auch durch   Förder- und Informationsprogramme für Mädchen schon in den Volksschulen  verbesserte sich das ab den 1980er-Jahren, zuvor lagen die Studentinnen- und Absolventinnenzahlen im einstelligen Prozentbereich.

Anteil schwankt enorm Derzeit beträgt  der Frauenanteil an der TU Wien 29 Prozent, an der TU Graz  24,7 Prozent. An der BOKU Wien sind 49,4 Prozent der Studierenden weiblich, an der Montanuni Leoben 24,5 Prozent, an der Fakultät für Technische Wissenschaften an der Uni Innsbruck 16,1 Prozent. Allerdings schwanken die Zahlen je nach  Fach extrem: Architektur oder Chemie studieren mittlerweile  oft mehr Frauen als Männer.

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