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Chronik Oberösterreich
09/15/2021

„Wir müssen unsere Firmen ins Ausland schicken“

Sepp Hochreiter, der Paradeforscher für künstliche Intelligenz, benötigt für Linz 160 Millionen Euro. Andere EU-Länder investieren Milliarden.

von Josef Ertl

Künstliche Intelligenz (KI), auch Maschinenintelligenz genannt, ist ein entscheidendes Zukunftsfeld. Sie ist zum Beispiel notwendig für autonomes Fahren. Mit dem gebürtigen Bayer Sepp Hochreiter hat die Linzer Johannes Kepler Universität einen Professor auf diesem Gebiet, der international gefragt ist. Der 54-Jährige stammt aus Mühldorf am Inn.

KURIER: Ihre Kritik bzw. die Ihrer Kollegen an der KI-Strategie der Ministerinnen Eleonore Gewessler und Margarete Schramböck war vernichtend. Wie waren die Reaktionen auf Ihre Kritik?

Sepp Hochreiter: Der Minister aus Berlin-Brandenburg hat gerade angerufen, sie haben von unserer Kritik an der fehlenden KI-Strategie in Österreich gehört. Ich soll in Potsdam ein KI-Institut aufbauen. Wir sollen auch einen Ableger des Linzer KI-Studiums in Brandenburg machen. Wir haben bereits Ableger in Bregenz und in Wien.

Wie funktioniert das?

Die Studenten gehen in einen Hörsaal, die Vorlesung wird dorthin übertragen, sie geben ihre Hausaufgaben elektronisch ab und sie werden auch vor Ort betreut. Das sind KI-Bachelor- und KI-Masterstudenten. Nun hat eben Potsdam angefragt. Ich muss mir das noch überlegen, denn irgendwann wird es mir zu viel. Ich finde es aber gut, dass wir in Österreich so gut dastehen, dass die Deutschen auf uns in Linz zurückgreifen. Tesla, SAP und das Hasso-Plattner-Institut wollen auch noch einsteigen.

Sie sprachen in Ihrer Kritik an der Regierung von „bitterer Enttäuschung“ und „versäumten Chancen“.

Wir KI-Forscher haben uns vor zwei Jahren zusammengesetzt und eine Strategie entwickelt. Dann haben wir noch ein Papier für die Uniko (Universitätenkonferenz) entworfen. Inhalt: Man braucht in Österreich ein KI-Institut und eine Infrastruktur. Nicht nur für die Forschung, sondern auch für die Firmen. Wir haben seit zwei Jahren nichts mehr gehört. In einer Nacht- und Nebelaktion ist nun plötzlich die KI-Strategie der Regierung herausgekommen.

Die Entwicklung ist heute schon viel weiter. Jetzt kommen oberösterreichische Firmen und Start-ups zu uns und wir müssen ihnen sagen, wir haben keine Kapazitäten mehr, geht aus Österreich raus und sucht euch dort KI-Leute zur Unterstützung. Wir schicken sie nach München, Prag, etc. Die Konsequenzen des Nichthandelns sind bereits sichtbar, wir müssen die Leute wegschicken. Firmen bitten uns, dass wir ihre Daten durch unsere Rechner laufen lassen. Auch das können wir nicht mehr machen.

Dann kommt die Regierung mit der Strategie raus, obwohl bei uns schon alles zusammenbricht. Der zweite Punkt, der mich ärgert, ist, dass sie kein Geld in die Hand genommen hat. Deutschland investiert fünf Milliarden Euro in die KI, die Niederlande hat ihre KI-Strategie mit zwei Milliarden erneuert. Eine Milliarde kommt vom Staat, eine Milliarde von der Wirtschaft. Bosch ist in Amsterdam, Google Brain ist dort, Microsoft ist dort. In Kopenhagen kommt ein KI-Institut mit einer Investition von 100 Millionen. Finnland hat 200 Millionen in KI investiert, da bin ich im Board dabei. In den anderen Ländern wird etwas geschaffen.

Oberösterreich hat es noch am besten gemacht, das Land hat LIT-Lab finanziert, aber das ist halt viel zu klein. Bundesweit ist gar nichts, das ist eine Katastrophe. Wir in Österreich waren führend in der künstlichen Intelligenz für Klimaschutz. Speziell in Hydrologie. Google hat hier in Linz einen Studenten dafür finanziert, ohne dass sie etwas zurückhaben wollten. Nun ist der Betreffende zu Google gegangen, ich hätte ihn lieber hierbehalten. Dabei haben wir ein Klimaschutzministerium, das aber nichts tut, wenn uns in dem Bereich die Leute davonlaufen.

Im betreffenden Paper will die Regierung zudem etwas regulieren, was aber schon EU-weit geregelt ist. Das Papier ist nicht einmal an die neuen Gegebenheiten angepasst worden.

Was brauchen Sie an Infrastruktur, an Personal, an Geld?

Wir brauchen eine Rechenstruktur, damit wir das für die Firmen durchrechnen können. Und ein KI-Institut, an dem wir Firmen und Start-ups beraten und an dem wir Forschung machen können. Bei der künstlichen Intelligenz ist es so, dass Forschungsergebnisse bereits einige Monate später umgesetzt werden.

Wie viel Personal, wie viel Geld?

Das habe ich mir noch nicht überlegt. Nehmen wir an, Österreich macht etwas Ähnliches wie das Bundesland Baden-Württemberg. Das Land finanziert die KI in Tübingen mit 30 Millionen Euro pro Jahr. Ideal wären in Österreich 100 Millionen pro Jahr. SAP und Lidl haben Tübingen freiwillig nochmals 100 Millionen Euro angeboten. Dazu brauchen wir in Linz noch einmalig 60 Millionen für die Rechner, für die Hardware. diese Investitionen lohnen sich auf alle Fälle, weil es den Firmen zugutekommt.

Die 160 Millionen hören sich zwar viel an, aber das Geld geht über die Firmen rasch wieder an den Staat zurück.

Wenn man sich die vielen Milliarden, die für die Pandemie ausgegeben werden, vor Augen führt, ist das nicht viel Geld für ein wichtiges Zukunftsprojekt.

Es gibt sehr viel Industrie bei uns, die nicht weiß, ob sie KI benötigt oder nicht. Man muss sie an KI heranführen. Sie sind gut in ihren Bereichen, aber wenn sie den Anschluss verlieren, bloß weil sie nicht wissen, mit wem sie reden sollen, dann wäre das ein Schaden, denn gerade in ihren Bereichen sind sie ja wirklich stark. Es geht hier um Maschinen- und Anlagenbau, um Autozulieferer, da sind wir in Oberösterreich enorm stark. Wir haben aber nicht die Struktur, dass wir mit jeder Firma Kontakt aufnehmen können.

Und wir brauchen die Rechenressourcen. Und wir brauchen die Leute, die mit ihnen reden. Die Forscher und die Leute in den Firmen müssen heute zusammenarbeiten.

In Linz soll 2023 die Digital-Universität starten. Berührt Sie diese in irgendeiner Weise, ist hier eine Zusammenarbeit geplant?

Ich bin da nicht involviert gewesen und weiß nicht, was da kommen wird. Ich hatte einmal ein Gespräch mit dem Landeshauptmann. Ich weiß nicht, wer hier genaue Vorstellungen hat.

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