Chronik | Oberösterreich
25.03.2018

„Wir fürchten Amazon nicht“

Heinrich Schaller. 200 Jahre nach Raiffeisens Geburt sehen sich die Giebelkreuzler gut für die Zukunft aufgestellt

Heinrich Schaller (58) ist seit 1. April 2012 Generaldirektor der Raiffeisen-Landesbank Oberösterreich.

KURIER: Raiffeisen feiert kommenden Freitag den 200. Geburtstag ihres Gründer Friedrich Wilhelm Raiffeisen. Die Motivation für sein sozialpolitisches Handeln war sein in der Bibel gegründeter Glaube. Er schrieb: „Wir betonen ausdrücklich die christliche Nächstenliebe, welche in der Gottesliebe und in der Christenpflicht wurzelt, daraus ihre Nahrung zieht und, je mehr geübt, umso kräftiger, umso nachhaltiger wirkt.“ Wo ist diese Nächstenliebe bei Raiffeisen spürbar?

Heinrich Schaller: Man kann das, was Raiffeisen gesagt hat, nicht eins zu eins auf die Gegenwart übertragen. Der Grundgedanke von Raiffeisen hat sich weniger im religiösen, sondern im ethischen Sinn weiterentwickelt. Es geht uns um Nachhaltigkeit und um die Entwicklung der Regionen, denen wir uns verpflichtet fühlen. Das wiederum kommt den Menschen zugute.

KURIER: Aber die kleinen Raiffeisenbanken werden weniger und fusionieren sich zu größeren Verbänden.

Das eine hat mit dem anderen nicht unmittelbar etwas zu tun. Raiffeisen Oberösterreich ist der wichtigste finanzielle Nahversorger und es gibt kein Konzept, dass man sich aus der Region verabschieden will. Im Sinne der Effizienz und einer besseren Zusammenarbeit, von der auch unsere Kunden profitieren, sind Zusammenlegungen durchaus sinnvoll. Wenn sich selbstständige Banken zusammenschließen trägt dies auch dazu bei, ein bewährtes Modell aufrecht zu erhalten und zu stärken. Zu berücksichtigen ist weiters, dass die Mobilität der Menschen eine wesentlich größere geworden ist.

KURIER: Die Landesbanken arbeiten auf Österreichebene ebenfalls zusammen. Wie weit ist diese gediehen?

Wir machen gemeinsame Projekte, die für eine einzelne Landesbank sehr teuer wären. Es geht beispielsweise um eine gemeinsame Plattform bei der Digitalisierung. Wir arbeiten daran, die IT Schritt für Schritt zu harmonisieren.

KURIER: Können die Landesbanken in der langen Frist selbstständig bleiben?

Ja, wenn die Kosten im Griff sind. Das geht aber nur gemeinsam.

KURIER: Die Raiffeisenlandesbank Oberösterreich machte im vergangenen Jahr mehr als 500 Millionen Euro Gewinn. Was machen Sie mit diesem Geld?

Wir stärken unser Eigenkapital. Denn sie ist die starke Basis für unsere Kundenorientierung, unser Agieren am Markt im Sinne der Kunden. Nach den vorläufigen Zahlen für das Jahr 2017 werden wir beim harten Kernkapital einen Wert von 15,7 Prozent erreichen. Das ist eine sehr gute Basis. Damit sind wir für unsere Kunden ein starker und verlässlicher Partner.

KURIER: Keine Ausschüttungen?

Von der RLB OÖ an ihre Eigentümer schon. Denn die Raiffeisenbanken haben auch Kapital in die Raiffeisenlandesbank investiert. Die oberösterreichischen Raiffeisenbanken sind erfolgreich und es ist wichtig, dass sie gute Ergebnisse erwirtschaften. Vor allem deshalb, damit sie von externen Faktoren nicht angreifbar sind.

KURIER: Was heißt das?

Die Anforderungen an Regionalbanken sind inzwischen so hoch, dass sich jeder anstrengen muss. Dazu braucht man Kapital. Man muss hier anführen, dass die Raiffeisenbanken für die Regionen viel tun: durch Finanzierungen von Unternehmen, Privatpersonen und Institutionen, aber auch durch die Unterstützung von Vereinen und Verbänden oder Veranstaltungen. Die Werte von Friedrich Wilhelm Raiffeisen werden also weiterhin gelebt.

KURIER: Der amerikanische Online-Händler Amazon will seinen Kunden nicht nur Produkte verkaufen, sondern ihnen auch Kredite zur Verfügung stellen. Das bedeutet Konkurrenz für die Banken.

Ich sehe das relativ gelassen. Hier geht es um Konsumfinanzierung. Das machen wir auch, aber bei uns geht es primär um die Finanzierung von Wohnraum, von Firmen, es geht um Eigenkapitalunterstützung für Unternehmen. Wir werden das, was Amazon online macht, in Kürze auch online anbieten. Ich fürchte mich nicht wirklich davor.

KURIER: Sie wollen am Europaplatz auf dem derzeitigen Gelände von Lutz neu bauen, Lutz soll an die Hafenstraße übersiedeln. Warum?

Das Gebäude wurde zu Beginn der 1970er Jahre errichtet. Es ist also in die Jahre gekommen und entspricht auch nicht mehr dem Standard eines modernen Bürogebäudes. Es gibt also die Möglichkeiten einer Generalsanierung oder eines Neubaus. Wir lassen momentan einen Neubau am Lutz-Gelände prüfen. Die Prüfungen der Behörden laufen, der Ausgang ist offen.

KURIER: Was machen Sie mit der derzeitigen Zentrale?

Das ist noch nicht entschieden.

KURIER: Wann soll der Neubau bezogen werden?

Es wird mindestens fünf bis sechs Jahre dauern. 2023 wäre ein theoretischer, möglicher Bezugstermin.

KURIER: Sie wurden als Vorsitzender des Universitätsrates der Johannes-Kepler-Universität wiedergewählt. In welche Richtung soll es gehen?

Wir wollen den Weg, den das Rektorat eingeschlagen hat, fortsetzen. Wir müssen international sichtbarer werden, wir müssen die Attraktivität für Studenten, auch aus anderen Ländern, erhöhen. Wir müssen die Interaktivitäten zwischen den Fakultäten intensivieren, insbesondere zwischen der medizinischen und der technischen Fakultät. Wir müssen die Anzahl der Absolventen erhöhen. Wir müssen unseren Studenten größere Möglichkeiten schaffen, Erfahrungen an Auslandsuniversitäten zu machen. Die Prüfungen, die im Ausland abgelegt werden, sollten hier anerkannt werden.

KURIER: Rektor Meinhard Lukas möchte 40 zusätzliche Universitätsinstitute, davon 25 im technischen Bereich. Entspricht das auch Ihren Vorstellungen?

Die technisch-naturwissenschaftliche Fakultät hat einen ausgezeichneten Ruf. Sie soll definitiv gestärkt werden. Die Absolventen werden in Industrie und Wirtschaft benötigt.

KURIER: Lukas überlegt noch, ob er nochmals für das Rektorat kandidieren soll.

Ich hoffe, dass er wieder zur Verfügung stehen wird. Ich empfinde die Richtung, die er eingeschlagen hat, als sehr gut.

KURIER: Auch wenn er damit da oder dort auf der Universität auch Widerstand stößt?

Ich stehe voll hinter ihm. Es ist jetzt extrem wichtig, die Bestrebungen der Linzer Universität bei der Leistungsvereinbarung mit dem Wissenschaftsministerium stark zu unterstützen. Es ist wichtig, dass wir die entsprechenden Mittel zur Verfügung haben. Es darf nicht passieren, dass die Linzer Universität aufgrund von Faktoren aus der Vergangenheit geschwächt wird. Ich bin zuversichtlich, dass das Rektorat das schaffen wird. Ich empfinde es auch als sehr positiv, dass es dem Rektor gelungen ist, den Campus baulich zu attraktivieren. Er konnte zusätzliche Mittel lukrieren.

KURIER: Die Wirtschaft läuft auf Hochtouren. Sehen Sie Schwachpunkte?

Derzeit nicht. Wenn man sich die Situation der Industrieunternehmen des Landes ansieht, gewinnt man den Eindruck, dass auch das Umfeld stimmt. Gefahren sehe ich eher globaler Natur, weniger im österreichischen Umfeld. Die Ankündigungen der USA, Zölle einzuheben und von den Freihandelsabkommen abzuweichen, sind für mich völlig unverständlich. Sie könnten den Schwung der Konjunktur etwas bremsen.

KURIER: Es gibt nicht nur Trump, sondern auch Wladimir Putin. Manche behaupten, die EU-Sanktionen seien wirkungslos. Andererseits kann man Putins kriegerische Akte nicht ungestraft durchgehen lassen.

Da gibt es nur eins: Miteinander reden. Abschotten, isolieren hat in der Geschichte noch selten zu Erfolg geführt. Vielleicht hat man in der jüngeren Vergangenheit auch zu sehr auf den amerikanischen Einfluss gehört.

KURIER: Soll sich Europa stärker auf die eigenen Füße stellen?

Definitiv ja.

KURIER: Wie beurteilen Sie die Entwicklung Chinas? Es ist sehr aktiv, zum Beispiel mit der Wiedererrichtung der Seidenstraße. Chinesische Firmen kaufen zunehmend europäische Top-Unternehmen.

China ist für Europa wirtschaftlich eine Riesenchance. Wir haben immer noch einen technologischen Vorsprung, den wir uns nicht nehmen lassen sollten.

KURIER: Die Chinesen kopieren alles und schaden uns damit.

Das stimmt, aber keine Kopie ist so gut wie das Originial. Wir sollten den Know how-Vorsprung nutzen und auch generell die Handelsbeziehungen weiter ausbauen. So einen Riesenmarkt findet man sonst nirgends. Die österreichischen Exportbetriebe sind dafür gut gerüstet.