Gudrun Wiesner arbeitet seit 46 Jahren auf der Urologie

© /Jürgen Pachner

Oberösterreich
05/31/2016

"Wenn Busen oder Po angegriffen werden, sage ich nichts mehr"

Aggression und Gewalt gegen Pflegekräfte nimmt zu. Betroffene erzählen von ihrem Arbeitsalltag.

von Jürgen Pachner

Gudrun Wiesner ist die dienstälteste Krankenschwester im Med Campus III (ehemaliges AKH) des Kepler Universitätsklinikums in Linz. Seit 46 Jahren arbeitet sie auf der Urologie-Station, wo sie den Pflegedienst leitet. Im Berufsalltag sehen sich die 63-Jährige und ihre Kollegen leider immer wieder mit Übergriffen – verbaler, körperlicher und sexueller Natur – konfrontiert. "Ich hab’ den Eindruck, dass das zunimmt", glaubt Wiesner.

Einer der Gründe sei, dass die Zahl der an Demenz leidenden Patienten stark im Steigen begriffen sei. "Diese haben häufig einen Stock oder Rollator, mit dem sie mitunter auch auf das Pflegepersonal losgehen", sagt Wiesner. Auch selbst sei sie schon vielfach Opfer derartiger Attacken geworden: "Die Verletzungen waren zum Glück nie so, dass ich in Krankenstand gehen musste."

Dass Spitalspersonal beschimpft, gekratzt und bespuckt werde, sei inzwischen leider Alltag: "Besonders belastend sind aber nicht die verbalen und körperlichen Übergriffe, sondern die sexuellen", betont Wiesner.

Ein im Med Campus III installierter arbeitspsychologischer Dienst hilft Betroffenen, das Erlebte zu verarbeiten. "Mit den sexuellen Übergriffen können wir am schwersten umgehen, dafür gibt es dann Einzeltherapien oder Supervision", bestätigt die 63-Jährige. Aus Zeitmangel würden ohnehin nur die ärgsten Vorfälle dokumentiert: "Wenn Busen oder Po angegriffen werden, sage ich schon gar nichts mehr", sagt Wiesner. Greift ihr ein Patient in den Schritt, melde sie das.

Diskriminierung

Schmerzhaft sei auch, wenn Patienten Pflegekräfte aufgrund ihres Geschlechts degradieren. "Etwa, wenn sich jemand aus kulturellen oder religiösen Vorbehalten nicht von mir betreuen lassen will, nur weil ich eine Frau bin."

Derartiges könne man nicht so leicht wegstecken. Wichtig sei, sich über das Vorgefallene mit Kollegen auszutauschen. "Früher hatten wir dafür nicht einmal einen Raum im Krankenhaus zur Verfügung, jetzt ist es besser."

Trotz ständiger Deeskalationsversuche komme man manchmal auch nicht umhin, den Sicherheitsdienst zu alarmieren. "Es gibt schon bedrohliche Vorfälle, wo man es mit der Angst zu tun kriegt."

Das bestätigt auch Karin Krempl, Leitende Stationsschwester der Psychiatrie-Abteilung III im Salzkammergut-Klinikum Vöcklabruck: "Ich halte mich für relativ robust, aber es gab schon Situationen, wo ich froh war, dass mir Kollegen beigestanden sind." Sie weiß auch von Mitarbeitern, die nach traumatischen Erlebnissen vorübergehend aus dem Arbeitsprozess genommen werden mussten.

Harald Freudenthaler, Betriebsratschef im Kepler-Med Campus III, kritisiert, dass das Thema Gewalt in Gesundheits- und Pflegeberufen allzu lang tabuisiert worden sei. "Übergriffe sind vielfach einfach verschwiegen worden." Wichtig sei, das Problem anzusprechen, die Mitarbeiter zu schulen und gemeinsam mit den Spitalsträgern Verbesserungsmaßnahmen umzusetzen: "Das Thema explodiert."

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