Welser ins Umland, Migranten in die Stadt

Der Stadtkern von Wels hat schon bessere Zeiten gesehen. Einst eine Bauernstadt, dann ein Einkaufs-Eldorado und nun ein multikul… © Bild: PICTURENEWS.AT PETSCHENIG

Das Wachstum der Umlandgemeinden und Migration stellen die einstige Bauernstadt vor enorme Herausforderungen.

Hermann Göring fährt beim Einmarsch der Nazis 1938 in Österreich durch das jubelnde Wels.
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Wels ist noch immer eine Bauernstadt“, ist Alois Brandstetter, Buchautor und Germanistik-Professor aus Pichl bei Wels, überzeugt und gibt zu, dass die Welser das gar nicht gerne hören. „Es gibt eine lange Tradition an Handel und Landwirtschaft. Die agrarische Welt hat sich radikal verändert, aber im Bewusstsein der Leute ist das Bäuerliche fest verankert.“ Den Begriff „Bauernstadt“ hält der Stadtarchivar Günter Kalliauer für fragwürdig. Die Nationalsozialisten haben ihn ideologisch besetzt.

Während Linz, Steyr und Braunau vom Industrialisierungsschub im Dritten Reich profitierten, sei Wels „ein bisschen unterbelichtet“ geblieben. Ein wichtiger Termin für die Welser Wirtschaft war die Eröffnung der „Reichsnährstandshalle“ im September 1938. „Die Leute kamen aus ganz Österreich herbei. Mit dem Volksfest und der Landwirtschaftsmesse konnte sich die Bauernschaft profilieren.“ In der NS-Zeit erfuhr Wels einen Wachstumsschub. Randgemeinden wie Puchberg und Lichtenegg wurden bei der Gebietsreform 1938 angeschlossen. Die Stadtfläche verzehnfachte sich schlagartig auf 45 .

Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb der Schwerpunkt Landwirtschaft erhalten und der Handel florierte. Bundespräsidenten und Bundeskanzler kamen regelmäßig zur Eröffnung der Welser Landwirtschaftsmesse. Da viele Leute vom Land ihre Einkäufe in Wels tätigten, erlangte die Stadt den Ruf als Einkaufsmetropole. Mit der Entstehung von Zentren wie der Pluscity und den Supermärkten an den Rändern der Bezirksstädte verblich dieser Glanz allmählich und auch die Welser Messe verlor ihren Sonderstatus.

Suburbanisierung

Im Jahr 1908 war Wels noch ein kleines Landstädtchen.
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In den vergangenen Jahren setzte in Wels der Prozess der Suburbanisierung ein. Die Städter entdeckten den Reiz der günstigen Baugründe und der Natur in den Umlandgemeinden. Von 2002 bis 2010 zogen 425 Personen ins acht Kilometer entfernte Gunskirchen und 406 nach Thalheim bei Wels, das am südlichen Ende jenseits der Traun liegt (siehe Grafik Seite 5).

 

Migration

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Mit 1. Jänner 2012 zählt Wels 62.731 Einwohner mit Haupt- und Nebenwohnsitz. Davon haben 11.843 keine österreichische Staatsbürgerschaft. Die stärksten Zuwanderernationen sind Staatsangehörige des ehemaligen Jugoslawien wie Kroaten, Serben und Slowenen (6297 Personen). Dieser hohe Migrantenanteil sorgte in den vergangenen Jahren für kontinuierliches Bevölkerungswachstum.

„Die Gebärfreudigkeit ist bei Migrantinnen wesentlich höher als bei Österreicherinnen. Wels bleibt auch eine beliebte Zuwanderungsgemeinde“, erklärt der Stadtarchivar Kalliauer. Brandstetter hält diese Entwicklung für „merkwürdig, aber verständlich“, da Wels und das Umland Arbeitsplätze und ein attraktives Lebensumfeld bieten

Viele Gesichter

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Dem Wandel von der Bauern- zur Einkaufs- und Migrationsstadt schließt sich ein weiterer an, weiß Kalliauer: „Wels ist heute am Dienstleistungssektor stark. Baugewerbe und Industrie nehmen ab, dafür gibt einen guten Branchenmix. Die geografische Lage im Herzen des Landes und das gute Verkehrsnetz sprechen weiterhin für eine positive Entwicklung.“

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( Kurier ) Erstellt am 07.01.2012