"Warum schaut man nicht hin?"

Rösslhumer: Wenn Frauen merken, sie erhalten von außen keine Hilfe, ziehen sie sich immer mehr zurück.
Foto: Jürg Christandl

Warum bleibt sexueller Missbrauch oft so lange unentdeckt? Expertin Maria Rösslhumer sagt, man muss näher hinschauen.

Wie ist es möglich, dass ein Vater jahrzehntelang seine beiden behinderten Töchter in einer kleinen Gemeinde bei Braunau missbraucht, ohne dass es jemanden auffällt? Maria Rösslhumer, die Geschäftsführerin des "Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser", versucht Antwort zu geben. Die 50-Jährige ist gebürtige Oberösterreicherin und stammt aus Peuerbach.

KURIER: Als Sie von diesem Missbrauchsfall gehört haben, welche Gedanken sind Ihnen da durch den Kopf gegangen?
Maria Rösslhumer: Ich habe mir gedacht, das ist ein ähnlicher Fall wie der von Josef Fritzl in Amstetten. Wahrscheinlich haben wir in Österreich noch mehrere, ähnlich gelagerte Fälle mit schweren Gewaltdelikten in der Familie. Viele dieser Opfer wissen wahrscheinlich nicht, wo sie Hilfe bekommen können.

Ist das ein Spezifikum, das primär auf Österreich zutrifft?
Jedes Land hat seine schweren Fälle. Ich habe mit einer Schweizer Kollegin telefoniert, die mir von einem Mann erzählt hat, der, nachdem er von der Wohnung weggewiesen worden war, zuerst seine Frau und dann die Sozialarbeiterin am Jugendamt erschossen hat.
Nach dem Fall Fritzl gab es auch in Italien solche Fälle. Wir haben es immer wieder mit Männern mit patriarchalem Denken zu tun, die glauben, sie können über die Familie herrschen, sie kontrollieren und besitzen. Dieses Denken ist sicherlich noch in den Köpfen vieler Männer drinnen.

Das ist letzten Endes die Ursache?
Das ist eine der Ursachen, dass Männer glauben, sie haben das Recht über die Familie. Solange es von außen keine Grenzen gibt. In Oberösterreich hat es offensichtlich niemand gemerkt, dass da ein Patriarch ist, der die Familie terrorisiert und einsperrt. Es wurde ihm von außen nichts entgegengesetzt. Wenn gewalttätige Männer keine Konsequenzen spüren, wenn sie sehen, es passiert ihnen nichts und sie können nach außen hin den Anschein aufrechterhalten, fühlen sie sich bestätigt.

Die betroffene Innviertler Gemeinde ist relativ klein, wo die Menschen über ihre Nachbarn gut Bescheid wissen. Wie kann so ein jahrelanger Missbrauch unentdeckt bleiben?
Es ist ein Wahnsinn, dass beispielsweise die Lehrer nicht merken, dass die Kinder isoliert und misshandelt worden sind. Es gibt ja dort auch Behinderteneinrichtungen und das Jugendamt. Warum schaut man nicht näher hin?

Eigenartig war auch das Verhalten der Mutter. Sie hätte doch einschreiten müssen. Wieso nehmen Frauen Gewalt ihrer Männer so lange hin?
Ich habe gehört, dass sie ebenfalls Opfer von Gewalt war. Wir wissen aufgrund unserer Erfahrungen, dass es zwischen der Gewalt an Frauen und Kindern einen starken Zusammenhang gibt. Wenn Frauen misshandelt werden, werden auch Kinder misshandelt. Ich nehme an, dass die Frau schon von Beginn der Ehe an von Gewalt betroffen war und sich diese auf die Kinder ausgeweitet hat. Die Frau ist unter einem massiven Druck gestanden, dieses Geheimnis nicht nach außen zu tragen. Männern gelingt es oft, Frauen so zu isolieren, dass sie sich an niemanden wenden können und sie sich niemandem anvertrauen. Wenn Frauen merken, sie erhalten von außen keine Hilfe, dann ziehen sie sich immer mehr zurück. Und der Mann erhält immer mehr Macht, weil er weiß, sie hat sowieso keine Chance.

Welche Schlussfolgerungen sind aus der Causa zu ziehen?
Wir müssen mehr in Familien hineinschauen, die in irgendeiner Form auffallen, in der sich etwas ändert. Dass sich beispielsweise Menschen, die früher sehr lebenslustig waren, beginnen sich zurückzuziehen. Dass bei Kindern in der Schule die Leistung nachlässt. Oder dass sich Kinder extrem zurückziehen oder sehr aggressiv werden. Hier müsste man als Vertrauensperson, als Lehrer nachfragen, was ist mit dir, ich mache mir Sorgen. Genau hinschauen und sich um den anderen kümmern. Für die Betroffenen ist das wichtig, sie bekommen das Gefühl, es macht sich um mich jemand Sorgen. Das genaue Hinschauen gilt auch für die Behörden. Hier geht es nicht um Denunziantentum. Viele Menschen trauen sich das nicht, weil sie meinen, sie mischen sich in etwas ein, was sie nichts angeht. Wir aber sagen, es ist besser, sich einmal zu viel als sich einmal zu wenig einzumischen.

Kann man eine anonyme Anzeige machen?
Man kann auch eine anonyme Anzeige bei der Polizei machen. Das wissen viel zu wenig Leute. Die Polizei möchte einen Namen haben, aber sie ist verpflichtet, der Sache nachzugehen.

Sie beschäftigen sich mit Männergewalt gegen Frauen. Wie ist die Entwicklung? Hat sich die Lage verbessert oder verschlechtert?
Wir haben keine Statistiken, wir wissen nur, dass das Ausmaß der Gewalt in der Familie sehr hoch ist. Die Wegweisungsstatistik der Polizei gibt Auskunft. Im vergangenen Jahr waren es rund 6759 Wegweisungen von gewalttätigen Männern. Das sind pro Tag 17 bis 20 Einsätze. Stündlich wird ein Mann wegen Gewalt aus der Wohnung gewiesen. Tausende flüchten weiters in Frauenhäuser. 2010 waren es 3448. Die Frauen brauchen diese Schutzeinrichtungen. In Gewaltbeziehungen kämpfen Frauen permanent um das eigene Leben und auch um das Überleben der Kinder. Gewalttäter haben eine gewisse Strategie, nämlich auch wieder einmal nett und freundlich zu sein.
Frauen müssen sehr stark sein, weil sie sich permanent gegen die Attacken wehren müssen. Es nimmt die Häufigkeit und Schwere der Gewalt zu, wenn Frauen in langjährigen Beziehungen leben.

Wann sollten Frauen den Schlussstrich ziehen?
Nach der ersten Diffamierung, nach der ersten Ohrfeige, nach der ersten Bloßstellung vor Freunden. Das sind die ersten Zeichen, dass ein Mann die Frau nicht achtet. Wenn ein Mann die Frau nicht wertschätzt, ist das ein Zeichen dafür, dass die Beziehung nicht gut ist, dass die Frau verletzt wird.

Warum greifen Männer zu Gewalt?
Das hat sehr viel zu tun mit der Erziehung und der Sozialisation. Viele haben nicht gelernt, mit ihren Gefühlen umzugehen, ihre Bedürfnisse zu äußern, Konflikte auf einer partnerschaftlichen Ebene auszutragen. Statt miteinander zu reden, reagieren sie sich an der Partnerin ab. Sie glauben, sie haben das Recht Aggression auszuüben. Sie haben nicht gelernt, sich Probleme einzugestehen und mit den Problemen zu einer professionellen Einrichtung zu gehen. Entweder sie verweigern die Beratung, weil sie die Schuld nur beim anderen sehen oder oft gehen sie erst dann, wenn es zu spät ist. Aber jeder Mensch ist verantwortlich für sich selbst und wie er sich verhält.

(kurier) Erstellt am
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