Erst 2010 flog der jahrzehntelang praktizierte Missbrauch im Stift auf. Seit dem Vorjahr erinnert eine Mahntafel an die Leiden  der Betroffenen.

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Stift Kremsmünster
03/27/2015

"Wäre zu verhindern gewesen"

Forscher sehen institutionelle Mängel als Ursache für jahrelangen Missbrauch.

von Jürgen Pachner

"Auf fahrlässige Weise hat es das Stift über Jahrzehnte nicht geschafft, die ihm anvertrauten Schüler ausreichend vor pädosexuellen und gewaltaffinen Tätern zu schützen", fasste Sozialforscher Florian Straus am Freitag den Abschlussbericht zur Causa Kremsmünster zusammen. Gemeinsam mit Kollegen des Münchner Instituts für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) präsentierte er im Wintersaal des Stifts eine wissenschaftliche Studie zu den Missbrauchs- und Misshandlungsfällen nach 1945. Sein Fazit: "Mit einer besseren Kommunikationsstruktur hätten sie verhindert werden können."

Drei Gewaltformen

Die Forscher sammelten 302 Berichte über 350 Vorfälle sexueller, körperlicher und psychischer Gewalt. Diese stammen von 94 Zeugen und Opfern. 24 Personen – darunter 20 Patres – wird vorgeworfen, in irgendeiner Form Gewalt auf schutzbefohlene Internatsschüler ausgeübt zu haben. Ein Drittel der Berichte bezog sich auf sexuelle Übergriffe. 64 Interviews – mit Absolventen, aber auch mit Klosterangehörigen und Erziehern – bildeten den Kern der Untersuchung. Ziel war, die noch im Dunkeln liegenden Teile der Stiftsgeschichte umfassend aufzuarbeiten. "Die Matura war der größte Tag meines Lebens – weil ich endlich diesen Wahnsinn loswurde", beschrieb ein Betroffener die qualvollen Umstände.

Die Forscher machten gravierende Defizite bei der Kommunikation aus, die auch dafür verantwortlich gewesen sein sollen, dass die Vorwürfe erst 2010 öffentlich wurden. Der Haupttäter, ein 81-jähriger Ex-Pater, verbüßt derzeit eine zwölfjährige Haftstrafe."Es gab Kreise des Schweigens", sagt Straus. Schüler hätten ihren Eltern aus Scham oder Angst nichts erzählt. Die Eltern waren zu wenig sensibel und die Mönche vertrauten auf die kirchliche Hierarchie, die allerdings versagte."Man fühlt sich schlecht und braucht Zeit, die Studie zu verdauen", sagt Prior Maximilian Bergmayr, der selbst auch Schüler im Stiftgymnasium war. Die Betroffenen seien damals zu wenig gehört worden. "Es ist beschämend und schmerzhaft, sich diesen Erkenntnissen zu stellen." Die ungeschminkte und transparente Darstellung des Geschehenen sei für die eigene Aufarbeitung und die des Klosters aber hilfreich. Eine Lehre für die Zukunft müsse sein, die Gesprächskultur weiterzuentwickeln und eingefahrene Strukturen zu hinterfragen. Studie in BuchformDer ehemalige Schüler Franz Staudinger legt Wert darauf, dass als Konsequenz der IPP-Studie nicht mehr von Einzeltätern gesprochen werden könne. "Es wurde ein System von sexueller Gewalt und Schwarzer Pädagogik installiert." Manche im Stift würden heute immer noch nicht wissen, welche Verbrecher hier tätig waren. "Ich erwarte mir daher, dass die Studie in Buchform erscheint und im Klosterladen zum Verkauf angeboten wird. Das wäre ein sichtbares Zeichen der Aufarbeitung." Für die Betroffenen verlangt Staudinger Entschädigungszahlungen, die über die Empfehlungen der Klasnic-Kommission hinausreichen. "Wenn das gelingt, bin ich zuversichtlich, dass eine Versöhnung möglich ist."Abt Ambros Ebhart betont, dass bisher alle Forderungen der Klasnic-Kommission – rund 670.000 Euro Entschädigung – vorbehaltlos beglichen worden seien: "Wir werden auch in Zukunft bezahlen, was sie uns vorgibt."