Chronik | Oberösterreich
09.09.2018

„Volle Sympathie für das Konzept der Kepleruni“

Heinz Faßmann. Der Wissenschaftsminister hält den Ansatz der Landesregierung für richtig, dass sich die Uni an den Erfordernissen der Wirtschaft orientiert.

Heinz Faßmann ist Universitätsprofessor an der Universität Wien für Angewandte Geographie, Raumforschung und Raumordnung. Seit 8. Jänner dieses Jahres ist der 63-Jährige parteiloser Minister für Bildung, Wissenschaft und Forschung.

KURIER: Die oberösterreichische Landesregierung möchte die technisch-naturwissenschaftliche Fakultät der Johannes-Kepler-Universität stark ausbauen und erwartet sich vom Bund mehr Geld. Wie stehen die Chancen für eine verstärkte Finanzierung?

Heinz Faßmann: Wir sind derzeit im Verhandlungsprozess. Deshalb kann ich die Positionen des Bundes nicht völlig offen darstellen. Die Johannes-Kepler-Universität hat ein sehr gutes Konzept über die weitere Entwicklung abgegeben. Sie wird sich verstärkt den regionalen ökonomischen Strukturen zuwenden. Und mehr für Oberösterreich im technisch-naturwissenschaftlichen Bereich tun. Das findet meine volle Sympathie. Und das entspricht genau dem, was man im europäischen Jargon die smarte Spezialisierung der Universitäten bezeichnet. Sie sollte mit den wirtschaftlichen Notwendigkeiten einer Region Hand in Hand gehen.

Das sind gute Voraussetzungen für unsere Verhandlungen, die auf Basis des Universitätsfinanzierungsgesetzes neu fair und ordentlich geführt werden. Aufgrund eines Verteilungsschlüssels gibt es einen Vorschlag. Dann kann man noch über besondere Initiativen der Universität reden.

Eva Blimlinger, die Präsidentin der Universitätenkonferenz, hat die Forderung des Landes als „Milchmädchenrechnung“ bezeichnet.

Reden wir dann darüber, wenn wir zu Ergebnissen gekommen sind. Stelzer hat auf die Notwendigkeiten des Landes und die wirtschaftlichen Voraussetzungen hingewiesen. Das ist eine andere Argumentation, als sie im Universitätsfinanzierungsgesetz enthalten ist. Aber ich verstehe die Argumentation von Stelzer sehr wohl, der sagt, wir wollen eine Universität haben, die für den Standort dienlich ist und dem Standort nützt.

Linz hat seit einige Jahren eine Medizinfakultät. Beobachten Sie ihre Entwicklung?

Ja, ich beobachte sie. Ich habe damals die politische Notwendigkeit verstanden, die ärztliche Versorgung der Bevölkerung, insbesondere im ländlichen Raum, sicherzustellen. Das ist ein generelles Problem aller Flächenbundesländer. Ich bin mir aber nicht ganz sicher, ob die Errichtung einer medizinischen Fakultät ausreichend ist, um dieses grundsätzliche Verteilungsproblem unserer Mediziner zu lösen. Es kann durchaus sein, dass die Absolventen gerne in Linz bleiben und das Problem der Versorgung bleibt.

Was braucht es?

Es braucht attraktive Angebote für die Absolventen.

Von den Gemeinden, von den Ländern?

Von den Gemeinden, Ländern, Gebietskrankenkassen. Man soll Möglichkeiten schaffen, Ärztezentren leicht zu errichten, damit die Ärzte nicht sieben Tage rund um die Uhr da sein müssen. Manche Länder geben Starthilfe, wenn Ärzte in den ländlichen Raum gehen.

Da kann es vieles geben, aber allein durch eine Erhöhung des Outputs an Medizinern wird sich das Problem nicht lösen lassen.

Sie waren am Freitag zu Gast bei der Feier 50 Jahre technisch-naturwissenschaftliche Fakultät der Kepleruniversität und Sie haben die Fachhochschule in Hagenberg besucht. Ihre Eindrücke?

Dem Besucher werden nur die besten Dinge gezeigt (lächelt). Aber selbst dann, wenn man dem Gezeigten etwas kritisch gegenübersteht, habe ich einen sehr positiven Eindruck. Die JKU weiß jetzt sehr genau, wohin sie möchte.

Hagenberg ist letztlich eine Erfolgsstory. Es gefällt mir sehr gut, dass es eine funktionierende Kooperation mit den Universitäten gibt. Es erscheint mir, dass es ein sehr vernünftiges Miteinander gibt.

Der Philosoph Konrad Paul Liessmann meint im Interview mit kurier.at, die Matura verliere dramatisch an Wert. Können Sie diese Kritik nachvollziehen?

Ich neige nicht zu den manchmal pessimistischen Einschätzungen, wie sie Kollege Liessmann anstellt. Die Matura hat ihren Wert. Wir erreichen heute bei der Matura einen viel höheren Prozentsatz eines Geburtsjahrganges als früher. Das ist eine gute Entwicklung, weil mehr Menschen damit auch über eine höhere Allgemeinbildung oder berufliche Qualifikation verfügen. Das ist auch eine Notwendigkeit, um den Herausforderungen einer Bildungs- und Wissensgesellschaft Stand halten zu können. Ich sage, das ist wunderbar. Und wenn nach der Matura noch ein Studium anschließt, ist das kein Malheur, sondern eine Bereicherung einer jeden Person, weil sie über mehr Bildung und Wissen verfügt.

Auf der anderen Seite beklagt die Wirtschaft, dass es zu wenig Lehrlinge und zu wenig Fachkräfte gibt. Wie kann man dem begegnen?

Wir haben leider auch eine Jugendarbeitslosigkeit, die nur knapp unter zehn Prozent liegt. Viele Jugendliche würden wahrscheinlich auch einen Lehrplatz annehmen. Ich glaube, es sollten sich beide Seiten aufeinander zu bewegen. Die Wirtschaft müsste bereit sein, Lehrlinge zu nehmen und noch zusätzlich auszubilden. Wir Organisatoren des Bildungssystems sollten uns ebenfalls überlegen, wie können wir die Jugendliche an jene Bedürfnisse heranführen, die die Wirtschaft hat. Es wird immer wieder geklagt, dass es Schwächen in den Grundkompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen gibt. Wir müssen versuchen die Grundkompetenzen zu heben. Und die Wirtschaft sollte bereit sein, die Jugendlichen mit zu formen. Und nicht gleich erwarten, dass sie aus dem Schulsystem heraus fix und fertige Persönlichkeiten bekommt.

Morgen ist in Oberösterreich Schulbeginn. Sie haben festgestellt, dass jeder fünfte Taferlklassler nicht für die Schule reif ist. Das ist doch ein erheblicher Anteil.

Wir haben insgesamt zu viele außerordentliche Schüler. Sie sind außerordentlich, weil sie dem Unterricht aufgrund mangelnder Sprachkompetenz nicht folgen können. Das würde ich gerne verbessert wissen. Zum Beispiel über eine verbesserte Sprachförderung im Kindergarten. Damit der Übergang in die Volksschule besser funktioniert. Das andere sind die Deutschförderklassen.

Die Kompetenzerhöhung der Unterrichtssprache Deutsch ist eine wesentliche Sache. Sonst verlieren sie Qualifikation und gehören vielleicht zu jenen, die später keine Lehrstelle finden. Das ist eine wichtige Sache in einer Gesellschaft, die zu einer Zuwanderungsgesellschaft geworden ist.

Wie reden Sie einem Taferlklassler zu, der morgen, Montag, mit vermutlich einiger Nervosität die Schule betritt?

Freu’ Dich über das Lernen. Du erschließt Dir eine neue Welt, eine Welt des Buches, manchmal eine Welt des Computers, eine Welt des Beobachtens von Natur und Umwelt. Du wirst Freunde finden in der Schule, das wird eine unglaubliche Bereicherung für Dich sein. Wenn es irgendwann einmal einen kleinen Rückschlag gibt und Du eine Note bekommst, die Du glaubst nicht zu verdienen, dann resigniere nicht, sondern mach’ weiter.

Bildung ist so unglaublich wichtig für uns alle. Für Dich, lieber Schüler, als Person, aber auch für die Gesellschaft.