Politikerin Zikmundova: Die grenzüberschreitende Landesausstellung 2013 ist eine tolle Chance, uns gegenseitig besser kennenzulernen.

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Krumau
02/16/2013

„Jugend denkt heute ganz anders“

Vizebürgermeisterin Jitka Zikmundova über das Verhältnis zwischen Tschechen und Österreichern.

von Josef Ertl

Jitka Zikmundova ist Vizebürgermeisterin der südböhmischen 13.000-Einwohner-Stadt Krumau, die Teil der diesjährigen Landesausstellung „Alte Spuren, neue Wege – Oberösterreich und Südböhmen“ ist. Die 42-Jährige ist Vertreterin einer Bürgerinitiative. Sie hat unter anderem in der Stadt Salzburg studiert und spricht ausgezeichnet Deutsch.

KURIER: Im tschechischen Präsidentschaftswahlkampf wurden von Milos Zeman die Benes-Dekrete und die Vertreibung der Sudetendeutschen hochgespielt. Wie haben Sie diese Debatte empfunden?
Jitka Zikmundova: Ich habe sie mit einem großen Bedauern verfolgt. Das war ein unwürdiger, bösartiger Kampf. Das Thema sollte zukunftsorientiert gesehen werden und zum gegenseitigen Verständnis beitragen. Ich habe mir gedacht, dass Präsidentschaftskandidaten ein gewisses Niveau hätten. Ich habe mich getäuscht. Ich habe in Berlin, München, Wien, Leipzig und Regensburg gearbeitet. Nie habe ich Hass oder Vorurteile mir gegenüber empfunden, weil ich von jenseits der Grenze komme. Wenn es zu einem Gespräch über diese heiklen Themen gekommen ist, haben wir darüber ganz offen, ruhig und ohne jede Polemik geredet.

Gibt es hier noch etwas aufzuarbeiten?
Auf jeden Fall. Bei der älteren Generation bin ich ein bisschen skeptisch. Es sind vielfach noch Vorurteile in den Köpfen eingegraben. Es sind noch viele Ängste da. Es fehlt auch die Kenntnis, wer unsere Nachbarn wirklich sind. Ich bin Anfang der 1990er-Jahre aus Iglau in Ostböhmen hierher gekommen. Im Präsidentschaftswahlkampf habe ich meine Eltern besucht. Eine Bekannte hat mir gesagt: Wenn die Deutschen zurück sind, fliegst du aus dem Rathaus und das Haus deiner Schwiegereltern wird beschlagnahmt. Ich war sprachlos, dass jemand es wagt, überhaupt so was Blödes zu sagen. Man muss noch viel erklären, speziell bei den Jungen.

Haben die Jungen eine andere Haltung?
Ja, davon bin ich überzeugt. Sie sind anders. Sie haben nicht die alten Verletzungen im Kopf. Sie haben nicht diese Vorurteile, sie denken nach vorne. Es tut mir leid, dass die deutsche Sprache bei den Jungen nicht in ist. Sie finden Deutsch nicht cool. Englisch ist hingegen beliebt. Die Sprache ist aber der Schlüssel zu den Köpfen und Herzen. Ohne Deutsch hat man in dieser Region nur die Hälfte der Chancen. Es ist wunderbar, dass die UNESCO Krumau zum Weltkulturerbe erklärt hat. Was bedeutet UNESCO? Kultur, Toleranz, Verständnis und Bildung.

Welche Bedeutung kommt der oberösterreichisch-südböhmischen Landesausstellung zu?
Die Landesausstellung ist eine tolle Chance, uns gegenseitig kennenzulernen. Ich habe hier einen gemeinsamen Katalog, der von Oberösterreich und Südböhmen gemeinsam gestaltet und produziert wurde. Nun müssen wir die Region gemeinsam vermarkten, damit das auch geschäftlich ein Erfolg wird. Der Katalog zeigt das Beste, was die Region zu bieten hat. Wir bewegen uns auf gleicher Augenhöhe. Das ist ein wunderbares Ergebnis, obwohl wir unterschiedliche Strukturen und unterschiedliche Arbeitsweisen haben.

Krumau wird jährlich von einer Million Touristen besucht.
Wir verstehen die Landesausstellung als Chance, das Publikum aus Österreich zu gewinnen. Wir haben in den vergangenen Jahren die österreichischen Gäste verloren. Anfangs gab es den Einkaufstourismus, das billige Benzin. 2008 kam die Krise. Wir waren ein bisschen hochnäsig und haben gemeint, zu uns kommen die Gäste aus aller Welt. Wir haben die Österreicher marketingmäßig vergessen. Aber das sind doch unsere Nachbarn. Sie sind um die Ecke. Um sie muss man sich genauso kümmern. Der österreichische Gast ist anspruchsvoll und erwartet gute Qualität. Er will eine persönliche Ansprache. Die Landesausstellung bietet die Chance, die Österreicher wiederzugewinnen. Die meisten Gäste, die zu uns kommen, sind Tschechen. Es besuchen uns aber auch viele Asiaten. Wir haben pro Jahr zwischen 30.000 und 40.000 Japaner.

Was ist das Besondere an Krumau?
Das ist schwer zu sagen, weil es materiell nicht greifbar ist. Die Stadt hat eine bestimmte Aura und Energie. Ich fühle mich hier sehr wohl. Das sagen auch viele Gäste. Sie ist malerisch und romantisch, positiv und liebenswürdig. Der Charme der Stadt ist einzigartig. Als ich vor 20 Jahren hierher kam, war es schmutzig, dunkel und es stank. Aber ich wusste es. Hier kann man gut und schön leben.

Die Donau-Moldau-Region war früher ein gemeinsamer Kulturraum. Wie lange wird es dauern, dass sie wieder zusammenwächst?
Meine Großmutter hat immer gesagt, so tief der Boden ausgetrocknet ist, so tief wird es regnen. Man muss warten, bis es wieder regnet. Wenn die Trennung 45 Jahre gedauert hat, wird es mindestens ebenso lange dauern, dass sie wieder zusammenwächst. Das ist ein Prozess.

Wir stark sind die Tschechen Europäer?
Sie sind Europäer, aber sie geben es nicht zu.

Es gibt ja immer wieder nationalistische Tendenzen, auch in Österreich.
Absolut. Die Präsidentschaftswahlen haben das wieder bestätigt. Aber die Tschechen sind ganz bestimmt Europäer. Sie reisen sehr gerne. Unser Naturell ist, dass wir skeptisch sind. Die Leute sagen, ach die EU, was die uns wieder einbrockt. Das wird so gesagt, aber die EU wird geschätzt. Dass wir frei reisen können, dass wir überall mit der Kreditkarte zahlen können, dass wir so frei atmen. Wir zeigen auch unsere Fahne nicht so demonstrativ. Ich bewundere das übrigens bei eurem Landeshauptmann Josef Pühringer, mit welchem Stolz er sagt, ich bin Oberösterreicher.

Wie sehen die Tschechen die Österreicher?
Als gemütlich. Wir schätzen die wirtschaftliche Stärke und die Geschicklichkeit. Was die Österreicher zusagen und versprechen, das halten sie auch ein. Manchmal ist es schwierig, mit den Österreichern zu verhandeln. Es wird viel gesprochen, bis man zum Punkt kommen. Die Deutschen sagen von Anfang an klar, was sie wollen.

Gibt es in Tschechien einen wirtschaftlichen Aufbruch?
Ich bin sehr optimistisch. Es geht uns gut. Wir hatten in unserer Geschichte noch nie bessere Zeiten. Es gibt so viele neue Autos, so viele neue Einfamilienhäuser und hohe Ausgaben für Bio-Lebensmittel und Urlaube im Ausland. Die andere Seite ist, dass unsere Landsleute leichtfertig mit Schulden umgehen. Aufgrund der Vergangenheit fehlt vielen der richtige Umgang mit dem Geld. Das Bildungsministerium überlegt seit einiger Zeit Maßnahmen, die Kinder in der Schule zu lehren, wie man eigentlich einen Haushalt richtig führt.