„Es geht um die Balance“

TEM hilft bei chronischen Krankheiten, indem sie Schwächen ausgleicht.

In Linz wurde in der Khevenhüllerstraße 23 ein Zentrum für Traditionelle Europäische Medizin (TEM) eingerichtet. Ein Gespräch mit dem Mediziner Martin Spinka (42), der auch ärztlicher Leiter der Kneipp-Kurbetriebe der Marienschwestern ist.

KURIER: Die TEM kennt vier Typen: Melancholiker, Choleriker, Sanguiniker und Phlegmatiker.
Martin Spinka: Die Mediziner haben vor 2500 Jahren die vier Elemente Feuer, Erde, Wasser und Luft, die von den Philosophen gekommen sind, übernommen. Sie haben vier Archetypen festgelegt und sie haben diese durch zwei Primärqualitäten bestimmt: Wärme und Feuchtigkeit. Treffen beide auf einen Menschen zu, dann ist er ein Sanguiniker. Geht ein Wirkprinzip verloren, dann ist das nicht schlecht. Kalt und feucht bedeutet Phlegma, Schleim. Die Menschen, die das zum Ausdruck bringen, die Phlegmatiker, sind Menschen mit einem langen Atem, aber ein bisschen zäh. Geht die Feuchtigkeit verloren, haben wir es mit dem cholerischen Prinzip zu tun. Das sind Menschen mit vermehrtem Antrieb. Einen Choleriker benötigt man, wenn man etwas weiterbringen will. Die sind vornehmlich Führungspersönlichkeiten.
Die Melancholiker haben beides verloren. Sie sind kalt und trocken. Wir alle gehen in diese Richtung, wenn wir sterben. Es ist ein wichtiges Prinzip, weil es das Begrenzende darstellt. Der Mensch braucht immer wieder Begrenzung. Ansonsten gäbe es hemmungsloses Wachstum. Melancholiker sind nicht auf jedem Fest, sie denken zuerst zu Hause mehrmals über die Dinge nach. Das ist nicht schlecht. Sich aber nur einzuigeln, bedeutet Einsamkeit.
Es geht um die Balance. Wenn jemand einen Archetypen zu sehr ausbildet, versuchen wir einen Ausgleich zu schaffen mit dem Ziel, dass alle vier Wirkprinzipien im Menschen walten.

Es gibt nicht die richtigen Speisen schlechthin, sondern sie sollten auf jeden Typus ganz individuell abgestimmt sein.
04.03.2013, Linz, TEM Zentrum Linz. Foto Alfred Reiter © Bild: foto-reiter.com | A. Reiter
Die Ernährung soll auf den jeweiligen Typus abgestimmt sein?
Wir versuchen, unsere Gäste und Patienten zu einer erhöhten Selbstwahrnehmung zu führen. Man soll das spüren, was einem guttut. Mein Schwiegervater ist ein ziemlicher Choleriker, aber ein guter Mensch. Er trinkt jeden Abend aus dem Kühlschrank heraus einen Liter kalte Milch. Gibt man das aber einem Phlegmatiker, kann man ihm schaden. Es gibt nicht gute und schlechte Nahrungsmittel, sondern passende oder nicht passende. Wenn Wärmeenergie durch Körperwinde abgeht, funktioniert die Verdauung nicht.
Diesen Menschen empfehlen wir, wärmende Speisen zu sich zu nehmen. Denn falls ich einen rohen Apfel esse, bedeutet das, einen anderen energetischen Aufwand für mich zu erwärmen und aufzuspalten, als wenn ich ein Apfelkompott esse, das warm und aufgekocht ist. Dagegen wird man jemandem, der zu viel Hitze in sich hat, kühlende Speisen empfehlen. Für den wird die Rohkost gut passen.

Ein wichtiger Bereich ist die Lebensordnung. Was ist das?
Hier gibt es drei Bereiche. Wie führe ich mein Leben. Wie ist mein Lebensstil? Esse ich drei Mal täglich oder nur ein Mal? Wie sieht es mit meiner Bewegung aus? Es heißt auch, die Rhythmen des Lebens zur respektieren. Das Zweite ist das psychosoziale Umfeld. Mit wem lebe ich, mit welchem Partner? Dazu kommt die Arbeit. Sie ist ganz wichtig. Sie ist etwas, was uns gesund erhält. Das Dritte ist die Spiritualität, die ganz persönliche Spiritualität. Für mich persönlich bedeutet das, die christlichen Werte Glaube, Hoffnung und Liebe zu leben. Mein Gegenüber als Geschöpf Gottes und damit als etwas Einzigartiges zu betrachten. Das All-Sein zu spüren ist etwas Wunderbares und das kann uns viel Kraft geben.

Hat fasten Sinn und wenn ja, in welcher Form?
Fasten bedeutet Karenz von den Dingen, die uns belasten. Es hilft, uns von den Abhängigkeiten zu befreien, zum Beispiel vom Konsum, vom Rauchen, vom Alkohol, vom Auto, von der Spielsucht. Die Fastenden werden frei im Kopf. Physiologisch kann man auch beobachten, dass die Leute besser sehen und besser hören. Es tut einfach gut, wenn man das Fasten in seinen Jahresrhythmus einbaut. Alle großen jahrtausendealten Traditionen machen das.

( Kurier ) Erstellt am 09.03.2013