Sterne nur 0,5 % des Universums

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Foto: Josef Ertl „In der Astronomie finden wir extreme Laboratorien vor, an denen wir unsere physikalischen Gesetze prüfen können“: Saulder vor einer Abbildung der Milchstraße in der ESO-Zentrale in Santiago de Chile.

Der Sattledter Christoph Saulder arbeitet in der ESO-Zentrale in Santiago de Chile

Christoph Saulder   stammt aus Sattledt   und hat in Wien Astronomie studiert. Derzeit ist der 28-Jährige zu einem zweijährigen Studienaufenthalt an der ESO in Santiago de Chile. Die  ESO  (European Southern Observatory),  die Europäische Südsternwarte, ist eine Vereinigung europäischer Staaten  zur Erforschung  des Universums.  Sie betreibt in der chilenischen Atacama-Wüste mehrere  Teleskope, die zu den weltweit besten gehören.  Österreich ist seit 2009 Mitglied der ESO, die nun 50 Jahre alt wurde.

KURIER:  Was fasziniert Sie  an der Astronomie?
Christoph Saulder: Das ist schwer zu erklären.  Sie ist so umfassend und man kann trotzdem viel verstehen. Es ist nicht alles perfekt, aber das macht den Reiz aus.  Der Sternenhimmel fasziniert mich seit Kindheitstagen.
 
Was wissen wir?
Im Bereich des Kosmologie wissen wir, dass wir das meiste nicht  wissen. Wir wissen nur von vier Prozent des Universums, was es ist. Das meiste davon ist  im heißen Gas. Die Sterne machen nur  0,5 Prozent des ganzen Universums aus, die Dunkle Energie 73 Prozent und die  Dunkle Materie 23 Prozent.  Diese Dunkle Materie  kann  man schon etwas beschreiben.
Mit den Sternen kann man extrem viel  machen.  Denn da ist das Licht.  Hier kann man überraschend viel erfahren. Die Sterne sind nicht fix, sie bewegen sich in Galaxien.    

Die Dunkle Energie bläst unser Universum auf. Wo kommt hier die beobachtende Astronomie ins Spiel?
Sie hat  die Dunkle Energie entdeckt.  Durch diese Messungen von  Supernovä Typ 1 hat man nicht nur gesehen, dass  sich das Universum ausdehnt, sondern dass es sich beschleunigt ausdehnt. Die  Erklärung dafür  ist  noch immer eine große Frage.  
Ich  selbst beschäftige mich  auch damit. In meiner Doktorarbeit  geht es darum, ein spezielles Modell zu testen, das die beschleunigte Expansion des Universums ohne Dunkle Energie erklären kann. Wir wissen, dass die Materie im Universum nicht gleichförmig verteilt ist. Es gibt Galaxienhaufen und Elemente, wo nichts ist.

Die ESO betreibt in Chile das Very Large Telescope (VLT) und gemeinsam mit den USA, Kanada und Japan  66 weitere Teleskope (ALMA). Was können diese Teleskope  zur Lösung  der Frage der Dunklen Energie beitragen?
Eine Möglichkeit, Dunkle Energie zu studieren, sind weit entfernte Galaxien. Wenn man sie studiert, kann man die beschleunigte Expansion des Universums besser verstehen. Ist das jetzt wirklich eine konstante Beschleunigung oder gibt es ein zeitliches Verhalten? Eine Messung ist nicht hundertprozentig genau. Man  hat  immer einen Messfehler. Man muss viele Messungen durchführen, damit man eine gute Statistik bekommt. Man kann die Dunkle Energie auch durch die statistische Ausrichtung  von   Galaxien rückverfolgen.
Das ist alles „cutting edge science“, wie man das auf Englisch sagt.  Das ist zu erforschen wird noch Jahre dauern.  Deshalb geben wir uns auch nicht mit dem VLT zufrieden,  sondern bauen  das E-ELT,  das European Extremely Large Telescope,   das um mehrere Nummern größer ist (Es wird einen 39 Meter großen Spiegel haben, die bisherigen Spiegel haben acht Meter Durchmesser).

Die ESO-Mitgliedsländer zahlen Beiträge in zweistelliger Millionenhöhe. Was bringt den Menschen  diese Forschung?
Die Verwirtschaftlichung der Wissenschaft ist ein neues Thema. Vor 50 Jahren hätte man nicht danach gefragt.  Das sind neue Erkenntnisse  und deshalb kann man auch nicht alle Anwendungen vorhersagen. Als  Albert Einstein die Allgemeine Relativitätstheorie entwickelt hat, hat er auch nicht an die Anwendungen gedacht. Heute hat jedes Handy GPS (Global Positioning System, ein globales Navigationssatellitensystem zur Positionsbestimmung und Zeitmessung). Und das GPS braucht Korrekturen, die man nur berechnen kann, wenn man die Allgemeine Relativitätstheorie kennt, um die notwendige Genauigkeit zu erzielen.
Genauso ist es mit der Quantenphysik, wo man jetzt bessere Festplatten hat.  In der Astronomie testet man die Grundlagen der Physik und der Gravitationstheorie. Ist die Allgemeine Relativitätstheorie hundert Prozent  gültig oder gibt  es Erweiterungen?
Manche Sterne sind extreme Laboratorien, die wir auf der Erde gar nicht erzeugen können. Zum Beispiel die Neutronensterne, wo man kompaktestes Neutronengas hat. Oder hochenergetische Strahlung. Teilchenbeschleuniger versuchen jetzt von der Energie her an kosmische Strahlung heranzukommen, um zu studieren, was sich da abspielt. Aber sie sind noch immer nicht dort. In der  Astronomie finden wir  Extrem-Laboratorien vor, wo wir studieren können, wie genau unsere physikalischen Gesetze sind.  Das ist Grundlagenforschung. Diese rentiert sich nicht in zehn Jahren. Das  sind teilweise  Investitionen für 50 oder 100 Jahre.

Man hört immer wieder, dass erdähnliche Planeten gefunden wurden. Sie stoßen  auf großes Publikumsinteresse. Was  steckt da wirklich dahinter?
Erdähnliche Planeten sind eine weit gefasste Definition. Hier stößt man auf großes Interesse der Bevölkerung. Die Suche nach Exo-Planeten (Planeten außerhalb des Sonnensystems) ist auch die Suche nach  außerirdischem Leben. Hier geht es nicht um kleine grüne Männchen, sondern es wären bereits Bakterien  sehr aufregend. Wir sind bald in der Lage, Planetenatmosphären zu studieren. Ob zum Beispiel Kohlendioxid und Methan als Bioindikatoren vorhanden sind, um sagen zu können, dort ist Leben.

Dafür werden ja hauptsächlich Satelliten verwendet.
Die Satelliten machen viele Erstentdeckungen. Um diese zu bestätigen, braucht man bodengestützte Beobachtungen. Diese sind billiger als Satelliten. Ein Riesenteleskop und ein Satellitenteleskop  spielen in derselben Preisklasse,  nur ein Riesenteleskop ist wesentlich größer als ein Satellit. Man kann damit viel mehr Licht einsammeln und   mehr beobachten.

Sie beschäftigen sich in Ihrer Dissertation in erster Linie mit der Aufarbeitung von Daten.
Der moderne Astronom ist mehr ein Programmierer als ein Sterndl-Schauer. Kleine Planetoiden im Sonnensystem werden  noch häufig von  Amateur-Astronomen gefunden. Nur für die grundlegenden Erkenntnisse braucht man die wissenschaftliche Astronomie, wo man sich die Fragen stellt, wie das Universum  wirklich funktioniert. Hier geht es darum, der Wahrheit näher zu kommen.  

Die Wahrscheinlichkeit, im Universum Leben zu finden, ist heute höher ist früher.
Es wird aufgrund der fortgeschrittenen Technologie  immer leichter, Leben zu finden.  Die meisten  Astronomen sind sehr zuversichtlich, dass  wir zu Lebzeiten definitiv Hinweise auf anderes Leben finden. Wir haben zum Beispiel schon Alkohol in Molekülwolken gefunden. Die Bausteine für Leben sind überall da. Man braucht nur noch einen Planeten, wo die richtigen Bedingungen sind, und Bingo!  

Hinweis: In der Samstag-Ausgabe vom 5. Jänner 2013 lesen Sie im Freizeit-Magazin eine Reportage über die ESO-Teleskope in der chilenischen Atacama-Wüste.

(Kurier) Erstellt am
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