"Sex war sein Lieblingsthema"

In der Stube sollen die Frauen regelmäßig eingesperrt worden sein.
Foto: Petschenig / PICTURENEWS.AT

Keiner hat etwas gesehen oder gehört von dem jahrzehntelangen Missbrauch in der kleinen Innviertler Gemeinde.

Es ist still geworden in der kleinen Innviertler Gemeinde. Kaum jemand hält sich lange auf der Straße auf, und die wenigen Passanten werden sofort von Reportern zur Seite genommen. Seit publik geworden ist, dass der Straßenkehrer Gottfried W. 40 Jahre lang seine beiden geistig beeinträchtigen Töchter missbraucht hat, herrscht Entsetzen, aber auch Neugier .
Die älteren Einwohner reagieren gelassen auf den Schwall von Fragen, der seit Tagen auf sie einprasselt. Man ist sich einig: Keiner der 2400 Einwohner hat etwas gesehen, gehört oder gewusst. "Unauffällig." Dieses Wort fällt des Öfteren, wenn man nach der Familie W. fragt. Ihr Haus, das vor Jahren einmal ein prächtiges gewesen sein muss, liegt etwas abgelegen hinter dichten Bäumen. Im Gras zieht ein Huhn seine Kreise, während es ihm Reporter gleichtun, um einen Blick ins verfallene Innere zu erhaschen. Nur das Schlafzimmer ist sauber und aufgeräumt, was im Kontrast zur Umgebung fast unheimlich wirkt.

Ignoranz

Trotz der Isolation machte sich kaum jemand Gedanken über die Familie, geschweige denn über die Ängstlichkeit der Töchter. "Die beiden sind geistig behindert. Da ist es klar, dass sie nie alleine unterwegs sind und nicht mit den Leuten sprechen", sagen die Leute. Diese Ignoranz empört den 90-jährigen Alois Binder: "Hätte sich nur irgendjemand mit ihnen abgegeben, hätte man schon früher Bescheid gewusst."
Die Mutter soll sich selten in der Öffentlichkeit aufgehalten haben und hatte immer ein Auge auf ihre beiden Töchter. Der Vater jedoch pflegte sein Image nach außen sorgfältig. Er war ein angesehener Sportler im Stockschützenverein und sein erster Weg nach der Arbeit führte ihn zur Tankstelle auf ein Feierabendbier. Seine ehemaligen "Freunde" am Biertisch hüllen sich in Schweigen. "Er war ganz normal und mehr sage ich dazu nicht", wiegelt der Tankwart jegliche Nachfrage ab.
Als hilfsbereit, tüchtig, gesellig - schlicht "ganz normal" beschreibt Franz Heinzl seinen ehemaligen Stockschützenkollegen. "Wenn die Vorwürfe wirklich stimmen, bin ich schon sehr enttäuscht von Friedl." Gottfried W. sei einer, der auch nach einigen Gläsern Bier nie aus der Rolle gefallen wäre. Berta Hofbauer sieht das anders: "Sein Lieblingsthema war Sex. Da haben wir ihn einfach reden lassen, keiner hat ihn im Rausch Ernst genommen." Auffällig sei er erst geworden, als er seine beiden Töchtern mit einer Waffe bedroht habe. Die Aufmerksam legte sich aber allmählich, als Gottfried W. gesundheitlich geschwächt war und sich vollends aus dem Ortsleben zurückzog. Vor drei Jahren starb die Frau. Es heißt, sie habe ihren Töchtern am Sterbebett das Versprechen abgenommen, für immer über den Missbrauch zu schweigen, "sonst erschlägt er euch".

Nackt gefunden

Zuletzt war Gottfried W. mit seinen 80 Jahren schwach und pflegebedürftig. Die Hauskrankenpflegerin habe ihn nackt auf dem Boden liegend gefunden, als seine Töchter bei einem neuerlichen Übergriff endlich den Mut hatten, sich zu wehren. Gottfried W. streitet die Vorwürfe ab und ist in Untersuchungshaft in Ried. Indes zermartern sich Einwohner der Gemeinde die Köpfe. Warum die Mutter das zugelassen hat, warum die Frauen nie schwanger geworden sind und vor allem, wie ein netter, freundlicher Nachbar wie Gottfried W. zu so etwas imstande ist. "Alles, was wir wissen, wissen wir aus der Zeitung", sagt Franz Heinzl.

(kurier) Erstellt am
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