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Chronik Oberösterreich
09/14/2012

„Sag mal, hörst du das auch?“

Sie wollen nicht geheilt werden, sondern lernen, ihre Halluzinationen zu kontrollieren. In Linz trafen einander Stimmenhörende.

von Raffaela Lindorfer

Im Halbdunkeln sitzt ein Mann mit geschlossenen Augen, doch seine Lider zucken unruhig, während er sich rhythmisch das Knie krault und geräuschvoll durch die Nase atmet. Ansonsten ist es still im Festsaal des Wissensturms, in dem am Donnerstagabend fast 100 Gäste Platz genommen haben. In den Köpfen vieler dürfte es aber umso lauter zugehen. „Ich höre Stimmen. Sie sind heute hier bei mir und wir vertragen uns sehr gut", sagt eine Frau in gelber Warnweste, als sie sich aus dem Publikum erhebt. „Recovery", also Genesung, ist das Thema der diesjährigen Tagung Stimmen hörender Menschen in Linz.

Reizlos

„Der Hörvorgang funktioniert über einen äußeren Reiz, der im Gehirn interpretiert wird. Bei Stimmenhörern wird dieser Reiz übersprungen und es kommt zu einer akustischen Halluzination. Schuld kann ein Überschuss an Dopamin sein – wie es auch beim Konsum von gewissen Drogen passieren kann", erklärt Hans Rittmannsberger, Leiter der Psychiatrie in der Landesnervenklinik Wagner-Jauregg.

Als psychisch krank bezeichnet zu werden, stößt den Stimmenhörern sauer auf. Viele kritisieren daher auch den Titel der Veranstaltung, da er die Option auf Heilung suggeriert. „Die gibt es für die meisten leider nicht", erklärt der Psychiater. Man müsse lernen, damit umzugehen – Weghören sei ohnehin zwecklos.

Optimismus

Betroffene, für die das Prinzip Hoffnung funktioniert, meinen: „Hör auf deine innere Stimme" und arrangieren sich mit ihrer besonderen Wahrnehmungsfähigkeit.
So meldet sich ein älterer Herr zu Wort, der „die Möglichkeit, auf diese Art mit dem Inneren zu kommunizieren" als etwas Erfreuliches interpretiert.

„Das kann schon sein", relativiert der Psychiater das empathische Plädoyer, „aber es ist nicht so, wie wenn man sich eine interessante Radiosendung anhört. Es ist eher ein Familienstreit. Laut, chaotisch und mitunter beängstigend." Die Stimmen seien nicht immer freundlich – vor allem nicht, wenn sie einem einflüstern, man solle aus dem Fenster springen.

Klar ist für Christian Lang vom Veranstalterverein EXIT-sozial eines: „Es ist ein Phänomen." Fünf Prozent der Menschen sollen schon mindestens einmal akustische Halluzinationen gehabt haben, sagt er. Auslöser seien oft traumatische Erlebnisse wie der Tod einer geliebten Person oder sexueller Missbrauch.

"Armutschgerl"

Woher weiß man, dass die Geräuschquelle nicht eine reale ist? „Was sie sagen, ist sehr persönlich. Außerdem kennt man sich mit der Zeit", erklärt Suzanne Engelen, eine Stimmenhörerin aus Holland. Ab und zu müsse sie aber doch ihre Freunde fragen: „Sag mal, hörst du das auch?"

Mit Psychopharmaka vollgepumpt und als „Freak" oder „Armutschgerl" belächelt zu werden, kennt die 36-Jährige nur zu gut. Selbstbewusst trägt sie ein T-Shirt mit der Aufschrift: „Do the voices in my head bother you???" Alleine ist sie nie, sagt sie, denn ihre Freunde – darunter ein kleines Mädchen und ein Mann, der nur in Filmzitaten spricht – begleiten sie in jeder Lebenslage.

Den Ansatz, das Stimmenhören heilen zu wollen, lehnt Engelen ab. Das Stichwort sei Kontrolle. „Ich setze mich täglich eine Stunde hin, höre bewusst zu und stelle Fragen. Die restlichen 23 Stunden ignoriere ich die Zwischenrufe. Sie haben nur so viel Macht über mich, wie ich ihnen gebe."

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