Roman Sandgruber hat ein lesenswertes Buch über die 929 reichsten Wiener im Jahr 1910 verfasst.

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Die reichsten Oberösterreicher
09/21/2013

"Boden war am besten abgesichert"

Roman Sandgruber über sein neues Buch „Traumzeit für Millionäre“.

von Josef Ertl

Roman Sandgruber ist Professor für Wirtchafts- und Sozialgeschichte an der Johannes Kepler Universität in Linz. Der 66-jährige Mühlviertler hat soeben ein neues Buch herausgebacht: Traumzeit für Millionäre – die 929 reichsten Wienerinnen und Wiener im Jahr 1910 (Styria-Verlag). Sie lesen den zweiten Teil des Interviews, der erste Teil erschien vergangenen Sonntag.

KURIER: Haben es die Reichen geschafft, ihr Vermögen über die Jahrzehnte bis heute zu sichern oder haben sie es verloren?

Roman Sandgruber: Großteils sind die Vermögen verloren gegangen. Es gibt nur mehr ganz wenige Familien von den 929 Reichsten, die noch ein nennenswertes Vermögen haben. Im Spitzenfeld sind einige Adelige: Esterhazy und Liechtenstein. Dazu kommen Industrielle wie Manner, Mayr-Melnhof, Meinl und die Wiener Handelsfirma Glatz. Höchstens 20 bis 30 haben es geschafft, ihren Reichtum über die hundert Jahre zu retten. Viel Vermögen ging verloren im Ersten Weltkrieg, einerseits durch Kriegsanleihen, die dann wertlos waren, und andererseits durch Beschlagnahmungen im Ausland. So wurden zum Beispiel Unternehmen im Osmanischen Reich, in Ägypten oder in England beschlagnahmt. Oder in Italien. Die Hyperinflation von 1923 hat auch viel aufgefressen. Der nächste Schub kam durch die Weltwirtschaftskrise. So hat Isidor Mautner 1910 an die 30 Fabriken gehabt. 1929 ging er bankrott. Ein Jahr später, 1930, ist er gestorben, sein Sohn wurde im KZ ermordet.

Es ist offensichtlich ganz schwierig, Vermögen über die Zeit zu retten.

Speziell in Österreich. Die gewaltigen Brüche waren nicht einmal in Deutschland so stark. Es gab dort prozentuell weniger jüdische Unternehmer. In den Niederlanden und den USA haben sich die Vermögen deutlich besser gehalten.

Die Menschen sind heute aufgrund der Krise des Euros, der Banken und der Verschuldung der Staaten verunsichert und investieren ihr Geld in Immobilien.

Am besten abgesichert war über lange Zeit hinweg land- und forstwirtschaftlicher Besitz. Die Hausbesitzer sind in der Zwischenkriegszeit durch den Mieterschutz ziemlich eingefahren, weil sie keine Einnahmen mehr hatten. Industrieunternehmen sind abhängig von der Konjunktur und vom technischen Wandel. Viele verschlafen ihn. Es hängt aber auch von den familiären Verhältnissen ab, ob zum Beispiel Kinder die Firmen weiterführen. Bei Industrieunternehmen ist die Kontinuität sehr gering. Bei den Ärzten, es waren 20 unter den 929 Millionären, gab es de facto keine Kontinuität.

Grundbesitz und Landwirtschaft werfen aber geringe Renditen ab.

Aber die Substanz wurde erhalten. Die Esterhazy, die Meyr-Melnhof und die Liechtenstein sind noch da. Der alte Meyr-Melnhof hat damals seine Industriebetriebe verkauft und in den 1880er-Jahren 30.000 Hektar Wald gekauft. Der war damals wenig wert, weil die Eisenindustrie von Holzkohle auf Mineralkohle umgestellt worden ist. Dieser Kauf war clever und weitsichtig. Aber Grund-besitz hat nicht allen etwas genutzt. Die Lamberg in Steyr haben auch 60.000 Hektar Wald gehabt. Aber sie haben nichts mehr. Es schützt nicht, wenn schlecht gewirtschaftet wird oder die Familien streiten.

Materieller Erfolg ist relativ.

Ja. Man kann nicht einmal ein Rezept angeben, wie man Millionär wird. Es gab tüchtige Leute, die ihren Reichtum innerhalb weniger Jahre erreicht haben. Es gab aber auch Menschen, die Glück gehabt haben wie Franz Haunzwickl, der zwei Mal den Haupttreffer im Lotto gemacht hat: 1902 und 1910. Er hat sein Geld in ein Bankhaus investiert, das 1929 in Konkurs ging. Ein Erbe der Überreste des Beteiligungsvermögens von Haunzwickl ist über seine Frau Ewald Nowotny, der Gouverneur der Notenbank.

Warum war der Anteil von Juden an den Millionren so hoch?

Das ist die schwierigste Frage ist. Ihr Anteil betrug 57 Prozent. Bei dem relativ geringen Anteil der Juden von rund zehn Prozent an der an der Wiener Bevölkerung. Waren sie mobiler, besser gebildet, international besser vernetzt, war es ihre Sprachgewandtheit, war es das Verbot, landwirtschaftlichen Grund zu besitzen, das sie in die modernen Branchen gedrängt hat, speziell in den Handel und das Bankwesen? Es spielen offensichtlich mehrere Faktoren für diese Erfolgsgeschichte zusammen , die auf der anderen Seite ungeheuer viel Neid erweckt hat.

Ich habe herausgefunden, dass es nicht die Bildung war. Der Akademikergrad war unter den jüdischen Millionären geringer als unter den nichtjüdischen. Die Söhne der Millionäre aber haben studiert und waren weltweit erfolgreich.

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