Recht auf körperliche Zuwendung: „Ich fühle mich wieder wie ein Mensch“

Eine Sexualbegleiterin aus dem Innviertel hilft Behinderten, mit ihrer erotischen Energie umzugehen.

Christian hatte noch nie eine Freundin. Er sei einfach zu schüchtern, sagt der 45-Jährige. Außerdem leide er seit 20 Jahren an einer schweren Darmerkrankung. Oft gehe es ihm psychisch so schlecht, dass er es kaum bis zum Postkasten schafft.

Zuwendung, Zärtlichkeit und Berührungen, die über eine freundschaftliche Umarmung hinausgehen, kannte er nur vom Hörensagen – bis er Makia traf. „Dank ihr fühle ich mich wieder wie ein Mensch“, sagt er über seine „Sexualbegleiterin“.

Lebenskraft

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© Bild: Karl Lindorfer
Makia heißt eigentlich Jutta und ist eine gelernte Wellnesstrainerin und Tantrikerin aus Ort im Innkreis. 2008 hat sie sich – man könnte sagen – spezialisiert und beim Sozialdienstleister „ Alpha Nova“ in Graz eine Ausbildung zur Sexualbegleiterin gemacht. Sie ist eine von 15 Absolventen in ganz Österreich, die Menschen mit Behinderung einen Zugang zu ihrer erotischen Seite lehren.

Ihr Arbeitsraum ist ein kleines Zimmer, üppig dekoriert mit Buddha-Figuren, bunten Tüchern und Kissen. Der Raum ist in Kerzenlicht getaucht, die Luft geschwängert vom Duft der Räucherstäbchen. „Das hilft, den Alltag und Hemmungen loszulassen“, sagt die 49-Jährige. Auf einer dicken Matte am Boden liegen Federn und Seidenschals bereit – andere hilfreiche Utensilien hat sie in einer asiatischen Kommode verstaut.

Keine Prostituierte

Ihr Repertoire geht von Gesprächen über Streicheleinheiten bis hin zu tantrischen Massagen. Alles ab einem Zungenkuss ist aber tabu – so schreibt es ihr Berufsstand vor. „Sexualbegleiterinnen werden oft als ,bessere Prostituierte’ dargestellt, dabei haben wir einen ganz anderen Ansatz“, kritisiert sie.

Sexualität sei schließlich nicht immer nur Geschlechtsverkehr. „Es geht nicht ums Rammeln, sondern auch um ein gutes Körpergefühl“, erklärt sie und nennt als Beispiel ein Pärchen mit Down-Syndrom, dem sie half, die gegenseitige Zuneigung in die richtigen Bahnen zu lenken. „Sexualität ist eine Lebenskraft, die jeder in sich hat und auf die auch jeder ein Recht hat“, sagt sie.

Viele könnten mit dieser Energie nicht umgehen, weil sie es nie gelernt haben. „Teenager experimentieren und machen ihre Erfahrungen. Was tut aber jemand, der dazu keine Chance hat?“
Ihre Klienten werden oft von Sozialarbeitern oder Angehörigen geschickt, wenn es zu Vorfällen wie Aggressionen oder Entblößungen in der Öffentlichkeit gekommen ist. Oft aber auch auf Wunsch der Betroffenen selbst.

Wunsch nach "mehr"

Neu ist, dass sich die Sexualbegleiterin um Opfer von Vergewaltigungen kümmert, die nicht mehr in der Lage sind, Intimität zuzulassen. Ihre Klienten müssen die Begegnungen mit der „Sinnesmagierin“ aus der eigenen Tasche bezahlen. Der Erfolg sei sein Geld wert, meint Christian.

Nach zwei Jahren bei Makia gibt er zwar zu, den Wunsch nach „mehr“ zu verspüren, betont aber, ihm fehle nichts. „Es ist unendlich wertvoll, wie menschlich sie mit mir umgeht. Bei einer Prostituierten, die nur an das Geschäft denkt, würde ich mich nicht wohlfühlen.“
Ob er sich zutraut, eines Tages eine echte Freundin zu haben? „Ich wüsste nicht, wie ich zu einer kommen soll“, sagt er, „aber wenn es sich ergibt, wäre es schön.“

„Einsamkeit ist viel schlimmer“

„Der Bedarf an sexueller Zuwendung ist bei Menschen mit Behinderung zweifellos da, obwohl es noch immer ein großes Tabu ist“, bestätigt Werner Schöny, Psychiater und Vorstandsvorsitzender von pro mente.

Behinderte hätten zum Teil große Schwierigkeiten mit ihren Trieben – vor allem dann, wenn sie unterdrückt werden. „Die Lebensqualität ist natürlich eingeschränkt.“ Oft sei es aber auch das andere Extrem, nämlich der Verlust der Libido als Nebenwirkung von Medikamenten.

Ob die Sexualbegleitung, wie Jutta aus Ort im Innkreis sie durchführt, eine Hilfe ist, kann er nur mit Vorbehalt mit einem Ja beantworten: „Kurzfristig bringt es den Betroffenen sicher eine Beruhigung, aber der langfristige Effekt ist schwierig einzuschätzen. Die Technik alleine ist zu wenig.“ Bei den Wohngruppen von pro mente versucht man stattdessen die Ängste, die oft mit Sexualität verbunden sind, in der Psychotherapie aufzuarbeiten.

Die größte Sorge sei aber die emotionale Komponente einer Beziehung, die vielen fehlt, betont der Psychiater. „Der Geschlechtsakt an sich ist nicht das große Thema. Viel schlimmer wird die Einsamkeit empfunden.“

( Kurier ) Erstellt am 10.01.2013