Carsharing in Berlin boomt: Einer der größten Anbieter von Leihautos und Leihfahrrädern ist die Deutsche Bahn.

© Hartmut Reiche

Deutschland
10/19/2014

"Privat-Pkw brauchen zu viel Platz"

Teilen und verknüpfen: Berlin präsentiert sich als Modellregion für die Mobilität der Zukunft.

von Christoph Weiermair

Braucht tatsächlich jede Familie zwei Autos oder reicht es aus, sich einen Wagen nur dann auszuleihen, wenn er wirklich benötigt wird? Was spricht eigentlich dagegen, den Weg zur Arbeit mit dem E-Bike und der U-Bahn statt mit dem Pkw zurückzulegen, zumal das schneller und kostengünstiger ist? Und: Ist das Nutzen von Verkehrsmitteln nicht viel sinnvoller als das Besitzen?

Mit Fragen wie diesen beschäftigt sich das Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ) in Berlin. "Es geht uns darum, herauszufinden, was der Mensch mit der Technik macht. Und ob diese Technik so flexibel sein kann, wie sie der Mensch braucht", sagt InnoZ-Sprecher Frank Wolter beim Besuch einer Delegation aus Oberösterreich.

Auch in der deutschen Hauptstadt wird versucht, den motorisierten Individualverkehr zu reduzieren und schrittweise durch Öffis, Fahrräder und mehr Elektromobilität zu ersetzen. "Es ist auch eine Frage der Flächengerechtigkeit. Autos brauchen unheimlich viel Platz", erklärt Wolter. Pkw würden in Berlin 60 Prozent der gesamten Park- und Verkehrsflächen in Anspruch nehmen, während ihr Anteil am Gesamtverkehr nur bei 30 Prozent liege. Das Fahrrad hingegen benötige nur drei Prozent der Fläche, obwohl damit 15 Prozent aller Wege zurückgelegt werden. Außerdem verfügt in Berlin nur die Hälfte der Autobesitzer über einen privaten Parkplatz. Pkw werden so zu einem regelrechten "Platzfresser" im öffentlichen Raum, zumal sie durchschnittlich nur eine Stunde pro Tag genutzt werden.

Zwei Drittel ohne Auto

Dabei ist Berlin eine Stadt mit einem ausgesprochen niedrigen Motorisierungsgrad: Zwei von drei Einwohnern verfügen über keinen eigenen Pkw, fast die Hälfte der Haushalte kommt ohne Auto aus. In Zukunft könnte ihre Zahl weiter steigen: Denn Carsharing, also das gemeinsame und bedarfsorientierte Nutzen von Fahrzeugen, wird in der Metropole an der Spree massiv vorangetrieben.

3600 "Pkw zum Teilen" – jeder sechste verfügt über Elektro- oder Hybridantrieb – stehen derzeit zur Verfügung. Im Durchschnitt werden die Autos 80.000-mal pro Woche gebucht. "Momentan ist die Nachfrage größer als das Angebot. Vor allem in den Außenbezirken", sagt Benno Bock, Datenanalyst im InnoZ.

Carsharing, in Zukunft ausschließlich mit Elektroautos, ist in Berlin nur ein Baustein für eine nachhaltige Verkehrsentwicklung. Die Stadt hat kürzlich den Auftrag für ein flächendeckendes Netz von Elektro-Ladestationen ausgeschrieben. In Zukunft könnten auch kommunale Fahrzeuge und städtische Busse elektrisch unterwegs sein. Die Konzepte verfolgen einen sehr pragmatischen Ansatz: Elektromobilität ist mehr als Klimaschutz. Sie soll sich vor allem auch wirtschaftlich rechnen.

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