13.02.2013, Linz, Bild zeigt Rudi Anschober, Foto Alfred Reiter

© foto-reiter.com | A. Reiter

Rudi Anschober
02/16/2013

„Neuer Sprecher ist nur eine Ergänzung“

Der Grüne Landesrat über sein Burn-out, die Wahlen und Ministerambitionen.

von Josef Ertl

Der Grüne Landesrat Rudi Anschober (52) ist nach seinem Burn-out seit Weihnachten wieder im Amt und nimmt seine Agenden Schritt für Schritt auch zeitlich wieder voll wahr.

KURIER: Wie geht es Ihnen?
Rudi Anschober: Viel besser als im Herbst. Danke der Nachfrage (lacht).

Wenn man Sie so sieht, schauen Sie eigentlich schon wieder ganz gesund aus.
Ich bin Schritt für Schritt am Weg zurück. Burn-out ist eine Krankheit, wo man nicht gleich wieder von Null auf Hundert zurückkehrt. Ich fühle mich jede Woche ein Stück stärker. Die Richtung stimmt. Ich bin sehr zuversichtlich, dass es realisierbar ist, bis Ostern wieder voll fit zu sein.

Die Ärzte sagen, die Heilung von Burn-out dauert mindestens sechs Monate.
Burn-out ist keine einheitliche Krankheit, es gibt viele Arten. Manche Menschen schaffen es nach sechs Wochen und manche benötigen drei Jahre. Es braucht eben jeder so lange, wie er eben braucht. Ich bin sehr konsequent, auch im Ändern meiner Arbeitssituation.

Wie arbeiten Sie jetzt?
Es wird jede Woche ein Stück mehr. Ich nehme auch schon wieder Abendtermine wahr. Das geht schneller als ich geplant hatte. Ich erprobe andere Arbeitstrukturen und -organisationen. Das beginnt bei Handypausen bis zur anderen Aufteilung der Arbeit. Dazu gehört auch die Entscheidung, die Funktion des Landessprechers der Grünen aufzugeben. Das ist mir sehr schwer gefallen. Dieser wird im Mai neu gewählt.

Diese Funktion haben Sie derzeit noch inne?
Ja, ich habe sie inne. Ich fülle sie nach bestem Wissen und Gewissen aus, wie ich das schon seit 15 Jahren gemacht habe. Wir diskutieren derzeit intern, wie wir diese Funktion neu besetzen. Sie wird bei der Landesversammlung neu gewählt. Es kann sich jedes Grüne Mitglied bewerben. Es wird um eine Ergänzung gehen, weil ich ja weiterhin öffentlich präsent sein werde. Durch die Regierungsarbeit sind ja die Grünen Themen zentral abgedeckt. Es besteht aber die Chance, dass die Grünen breiter werden. Das Teilen von Regierungs- und Parteifunktion ist Grüne Kultur von Wien bis in alle deutschen Bundesländer, wo wir in der Regierung sind. Wir haben es 2003 bewusst nicht gemacht, weil die Koalition Schwarz-Grün intern nicht ohne Diskussionen abgelaufen ist. Von daher war es gut, dass das in einer Hand war. Es hat sich bewährt. Aber jetzt ist die Zeit, wo es uns gut tut, uns breiter aufzustellen.

Nachdem bei den Grünen ein Reißverschlusssystem üblich ist, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass eine Frau Landessprecherin wird.
Im Leitungsteam müssen gleich viele Männer und Frauen vertreten sein. Aber die Besetzung des Landessprechers kann auch anders zustande kommen. Es können sich Männer genauso bewerben. Es wird sehr stark um ein Erweitern, um ein Ergänzen gehen.

Wer wird in Zukunft im Vordergrund stehen? Sie als Landesrat oder der Landessprecher?
Es wird eine logische Arbeitsteilung geben. Ich werde die Regierungsthemen abdecken, von Anti-Atom bis zur Energiewende, vom Konsumentenschutz über den Umweltschutz bis hin zur Gentechnik. Die klassischen Parteiauseinandersetzungen wird der neue Sprecher wahrnehmen, ich kann mich daher noch stärker auf die Sacharbeit konzentrieren.

Das Atomkraftwerk Temelin steht in Tschechien völlig außer Streit. Es ist sogar ein Besuchermagnet mit mehr als 60.000 Gästen jährlich. Wird von Ihnen und den anderen Landespolitikern nicht zuviel Hoffnung bei den Oberösterreichern geweckt, dass man bei Temelin auch nur irgendetwas verhindern kann?
Dieselbe Frage habe ich gestellt bekommen bei den deutschen Atomkraftwerken vor zehn Jahren. Inzwischen ist der deutsche Atomausstieg festgeschrieben. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es auch in Tschechien eine Mehrheit in der Bevölkerung gegen Temelin geben wird. Derzeit gibt es sie nicht. Für uns gibt es einen ganz wichtigen Punkt, der unsere Chancen deutlich erhöhen wird, nämlich die Wirtschaftlichkeit. An den internationalen Spotmärkten sinken die Strompreise. Gleichzeitig wäre ein Ausbau von Temelin unglaublich teuer. Man spricht in Tschechien von 11 bis 15 Milliarden Euro. Das bedeutet, dass man in Temelin Strompreise haben wird, die um 40 bis 60 Prozent über dem Weltmarktpreis liegen. Man wird diesen Strom gar nicht verkaufen können, es sei denn, der Staat schießt zu. Das wäre eine verbotene Subvention, die mit dem Wettbewerbsrecht der EU unvereinbar ist. Die Wirtschaftlichkeit von Atomenergie ist in Europa nicht mehr vorhanden. Es geht uns um eine Risikominimierung und um eine eklatante Sicherheitsfrage für Oberösterreich.

Es stehen heuer einige Wahlen an. Landtagswahlen in Niederösterreich, Kärnten, Tirol und Salzburg, auf Bundesebene die Nationalratswahl. Wie werden die Grünen abschneiden?
Es besteht die historische Chance, dass 2013 das Jahr der Grünen wird. Die Voraussetzungen sind hervorragend. Die Grünen haben auf Bundesebene eine ausgezeichnete Rolle als Anti-Korruptionspartei gespielt. Ähnlich ist die Situation in Kärnten und in Salzburg. Wir haben die Chance, alle vier Landtagswahlen zu gewinnen und dann mit einem starken Rückenwind in die Nationalratswahl zu gehen. Davor ist noch die Wahl in Deutschland. Eva Glawischnig hat als Ziel 15 Prozent plus X. Das wäre ein Zuwachs von mehr als 50 Prozent. Das ist ein hohes, aber erreichbares Ziel. Wir haben damit die Chance in die Regierung einzuziehen.

Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass es nach der Wahl eine Drei-Parteien-Koalition geben wird, was das Regieren nicht unbedingt erleichtert.
Es ist mit dem Konzentrationsregierungsmodell auch in Oberösterreich nicht einfach, eine Zweierkoalition zu machen in einer Regierung, in der vier Parteien vertreten sind. Ich halte dieses Modell für veraltet. Man müsste längst umstellen auf ein normales Regierungs-Oppositions-Modell. Unser Ziel auf Bundesebene ist eine Zweierkoalition, deshalb müssen wir ordentlich zulegen.

Werden Sie ab Herbst Minister in Wien sein?
Ich habe ein Ziel, voll und ganz zu genesen. Das ist für mich die wichtigste Herausforderung seit Jahren. Derartige Fragen ehren mich, aber ich stelle mich ihnen nicht, weil ich die Arbeit in Oberösterreich gerne machen.