Nazis in Ried für 200 Morde verantwortlich

Buchautor Gottfried Gansinger
Gottfried Gansinger hat die Nazi-Zeit im Bezirk Ried aufgearbeitet.

Gottfried Gansinger hat das Ende des Zweiten Weltkriegs noch gut in Erinnerung. Zum Beispiel, dass am 3. Mai 1945 beim Einmarsch der Amerikaner in Ried/I. der gegenüber seinem Elternhaus liegende Stadl, der voll mit Wehrmachts-Gütern war, geplündert wurde. Die Volkssturm-Leute, die den Stadl bewachten, machten sich angesichts der US-Armee aus dem Staub. "Dann ging die Rauferei los. Es ist direkt ein Wunder, dass sich die Leute nicht gegenseitig erschlagen haben. Die Sachen fielen herunter, die Säcke platzten auf, die Menschen trampelten darauf herum", erzählt der heute 78-Jährige. "Für mich als Buben war das unvorstellbar."

Dann erlebte der damals Siebenjährige eine weitere "Unvorstellbarkeit". Es war ihnen als Kinder streng verboten, die Parkwiese der Familie Wilflingseder zu betreten. "Die kriegsgefangenen Franzosen rissen von dieser Wiese alle Blumen aus und steckten sie auf die Jeeps und Panzer der einrückenden Amerikaner." "Furchtbare Angst" hatte Gansinger auch kennengelernt. Vor allem am 21. Juli 1944, als Bomben gefallen sind. Nach dem Krieg kam ein Freund seines Bruders zu seinen Eltern. "Ich musste den Raum verlassen, denn die Eltern wollten nicht, dass ich seine Verletzungen sehe. Er war im KZ inhaftiert, wo sie ihm Löcher in den Körper gebrannt haben." Im Dokumentationsarchiv fand er später die Akten, denen er entnahm, dass dieser Dr. Wolf der österreichischen Widerstandsorganisation O 5 angehört hatte. Wolf war verhaftet und im KZ Mauthausen gefoltert worden.

Die Aufarbeitung der Ereignisse aus der Kindheit und weitere Auseinandersetzungen motivierten Gansinger, der in seiner Aktivzeit Direktor der Buch- und Papierhandlungen des Landesverlags war, ein Buch darüber zu schreiben. "Mein erstes Manuskript hat zwei Millionen Zeichen gehabt", erzählt er im Gespräch mit dem KURIER. Der Verlag lud ihn ein, die gesammelten Geschichten und Fakten um die Hälfte zu reduzieren. Daneben arbeitet er mit am Projekt der Stadt Ried, einen Lern- und Gedenkort zu gestalten. Weiters hat er seit seiner Pensionierung 2002 rund 140 Veranstaltungen mit verschiedenen Vereinen und Organisationen durchgeführt.

Was sind die wesentlichen Erkenntnisse seines Buches? "Es hat unglaublich viele Todesopfer gegeben. 200 im Bezirk Ried." Einige Soldaten sind wegen Widerstand oder Fahnenflucht erschossen worden. Beinahe 100 waren Euthansasieopfer. "Sie sind entweder in Hartheim vergast worden oder im Rahmen der wilden Euthanasie (im Krankenhaus ermordet) umgekommen." 34 Kinder kamen in einem speziellen Kinderheim in Utzenaich zu Tode. Es handelte sich um "Fremdvölkische", um Kinder von Zwangsarbeiterinnen. Die Säuglinge wurden ihnen weggenommen und ins Heim in Utzenaich gesteckt. "Dort starben sie an mangelnder Ernährung, Pflege und Hygiene." So wurde beispielsweise von den Mitarbeitern die Milch für eigene Zwecke abgezweigt. Weiters gab es politische Opfer, die sich aus den schwarz-kirchlichen und den kommunistischen Kreisen rekrutierten.

Gemeinsam mit ORF-Moderator Tarek Leitner präsentiert Gansinger sein 368-Seiten-Werk am Donnerstag, den 3. November um 20 Uhr im Stadtsaal Ried. Es trägt den Titel "Nationalsozialismus im Bezirk Ried – Widerstand und Verfolgung" und erscheint im Studienverlag ( 29,90 Euro).

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