Ernestine und Michael Kirchweger vor dem Forsthaus im Bodinggraben

© Foto Jack Haijes

Chronik Oberösterreich
07/27/2021

"Wir sehen uns als Teil der Natur"

1983 begann Michael Kirchweger als Holzknecht, nun nimmt der Gebietsbetreuer, Förster und Berufsjäger mit seiner Frau Ernestine Abschied vom Bodinggraben.

von Josef Ertl

„Es war für uns eine ganz schöne Zeit. Ich bin glücklich.“ Ernestine Kirchweger wird gemeinsam mit ihrem Mann nach 13 Jahren das Forsthaus im Bodinggraben verlassen. Denn Michael (61) geht mit 1. August in Pension. Er ist Gebietsbetreuer der Bundesforste und ist als Förster und Berufsjäger für rund 7000 Hektar des insgesamt 20.000 Hektar großen Nationalparks Kalkalpen zuständig. Ernestine ist zwar schon seit zwei Jahren in Pension, macht aber als Rangerin Führungen für Nationalpark-Besucher.

Die Lambergs erbauten es

Das Forsthaus ist nicht irgendeine Waldhütte, sondern war ein Schlösschen der Grafen von Lamberg, die ihren Sitz in Steyr hatten und hier am Ende des Bodinggrabens, rund 15 km südlich von Molln, mit Gästen den Jagdfreuden nachgingen. Die Waldvilla ist heute eine Dienstwohnung der Bundesforste.

Die einzigartige Lage im Tal, umgeben von Bergen bis zu 1500 m Höhe, prägt. Was hat Michael erlebt? „Die Hirschbrunft im September ist ganz etwas Eigenes und Spannendes. Das Röhren geht einem durch Mark und Bein. Da haben wir die Hirsche direkt vor unserem Haus.“ Vor sieben, acht Jahren saß Michael mit Ernestine vor dem Haus, da sahen sie durch das Fernglas fünf Steinadler über dem Gipfel des Wildbergs kreisen. „Dann sind auch noch zwei Schwarzstörche durchgezogen. Da freut man sich.“ Mit den Birkhähnen habe er auch viel Freude gehabt. Wenn er über die Wiesen der Feichtau gehe, „spüre ich, dass ich mit den Tieren ganz alleine bin. Ich empfinde mich als Teil der Natur.“

Auch bei Ernestine haben Naturerlebnisse den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen. „Gleich im ersten Jahr hatten wir mit zwei Metern eine extrem hohe Schneelage. Das ist einfach sensationell. Es hat mich an meine Kindheit und an meinen Großvater erinnert.“ Als so viel Schnee gelegen sei, sei sie einmal mit dem Auto unterwegs gewesen. „Da hat ein Adler ein Gamskitz erl gerissen.“ Er habe sich beim Fressen überhaupt nicht stören lassen. „Als er mich bemerkt hat, ist er mit dem Kitzerl davon geflogen.“ Die Fütterung der Hirsche im Winter habe ihr auch immer gefallen. Michael geht bei Schneelage jeden Nachmittag zur Fütterungsstelle und gibt den rund 100 Hirschen, die von den Hängen runterkommen und ihn schon erwarten, Heu und Rüben. Manche Hirsche wie Seppi sind ganz zutraulich und nähern sich den Menschen bis auf einen Meter. Seppi ist leider schon an Altersschwäche verstorben.

Fernseher gibt es im Hause Kirchweger keinen. Aber die beiden schauen sich manchmal einen Film an. Sie hatten immer viel zu tun, immerhin haben sie acht Kinder, heute im Alter von 19 bis 39. „Wir sind voll zufrieden“, sagt Michael. Eine Tochter sei Krankenschwester, eine Harfenistin, eine sei in Graz Sonderschullehrerin, eine andere Schneidermeisterin im Heimatwerk, die Jüngste wolle Hebamme werden. Ein Sohn habe Bildhauerei studiert, einer habe die Firma Hammerklaviere in Oberndorf übernommen, ein Kind ist mit fünf Jahren verstorben. Es wachsen auch schon fünf Enkelkinder heran. Michael: „Das Wichtigste ist, dass die Kinder das tun, was ihnen Freude macht. Man muss so arbeiten, als wie wenn das sein Eigentum wäre. Man muss sein Herzblut hineinlegen und nicht nach Vorschrift arbeiten.“ Ernestine ist eine große Familie gewohnt. Sie hat sechs Schwestern.

Was hat sich im Nationalpark in all den Jahren verändert? „Die Struktur des Waldes verändert sich. Die Fichte stirbt ab, im Unterholz lauert schon die Buche. Kommt Sonne hinein, wächst die Buche heraus. Sie ist hier heimisch. Sie erobert sich ihren früheren Platz zurück.“ Die Fichten seien angepflanzt worden, weil sie der Brotbaum der Forstwirtschaft seien und als Bauholz einen viel höheren Ertrag bringen würden. Die Eschen würde wegen Pilzbefalls absterben, das sei aber keine Einzelerscheinung, sondern überall so.

Probleme für die Gams

Ist der Klimawandel spürbar? „Ja, es ist trockener als früher. Die Intensität der Unwetter nimmt zu, das sind die kritischen Punkte. An manchen Stellen regnet es sehr stark, an anderen weniger.“ Es gebe auch Veränderungen in der Tierwelt, so Michael. „Die Gämsen haben Probleme mit der Hitze, denn sie sind auf kalte Witterung ausgerichtet. Sie haben ein sehr dichtes Fell. Die Bakterien machen ihnen zu schaffen, vor allem den Jungen. Der Nachwuchs fehlt. Im Herbst sieht man die Kitz noch, im Frühjahr sind sie nicht mehr da, ein Teil fehlt.“ Das Rotwild ziehe sich in heißen Sommern in feuchtere Gegenden zurück, die Hirsche suhlen sich in Wasserlacken.

Das Geburtshaus von Marlene Haushofer

Michael hat sich nun viele Jahre um die Wälder, Tiere und Straßen im Bodinggraben gekümmert, was wird er nun in der Pension machen? „Es ist eigenartig“, sagt er, „einerseits freut man sich, weil die Verpflichtung wegfällt. Andererseits ist es komisch, wenn man nicht mehr vorne steht.“ Er werde nun mit seiner Frau aus dem Forsthaus aus- und in ihr Haus in der Ortschaft Effertsbach (Gem. Molln) umziehen, das sie 1986 gekauft haben. Es ist das Geburtshaus der Schriftstellerin Marlene Haushofer, deren Vater Förster bei den Lambergs war. Im Haus müsse einiges saniert werden und die Kinder warten auch schon, dass der Vater da und dort aushilft.

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