„Müssen das Heer technologisch neu aufstellen“

Brigadier Dieter Muhr
Der Kriegs Russlands gegen die Ukraine zeigt, dass auch unterlegene Länder erfolgreich sein können. Dafür braucht es modernste Technologien, sagt Oberösterreichs Militärkommandant Dieter Muhr.

Brigadier Dieter Muhr ist seit etwas mehr als zwei Jahren Militärkommandant von Oberösterreich. Der 60-Jährige wohnt in Kronsdorf.

KURIER: Der Eroberungskrieg Russlands gegen die Ukraine ist eine Zeitenwende. Die deutschen Generäle haben gemeint, ihre Armee wäre derzeit nicht in der Lage, ihr Land zu verteidigen, sollte Russland angreifen. Wären wir in Österreich dazu in der Lage? Oder sollten wir uns wie 1938 verhalten und der Gewalt weichen?

Dieter Muhr: Wir beschäftigen uns beim Bundesheer schon immer mit diesen und anderen Szenarien. Wir müssen mit so etwas rechnen. Das ist unser tägliches Geschäft.Deutschland ist nicht Österreich. Es hat ein Berufsheer und ist stark auslandsorientiert, also bei Auslandseinsätzen. Es ist Nato-Land, wir sind neutral. Wir haben eine Wehrpflicht. Unsere Kernaufgabe ist Territorialverteidigung. Sollte es in Österreichs Umfeld zu Unruhen und zu militärischen Aktivitäten kommen, die sich partiell auf Österreich auswirken, könnten wir einen Teil Österreichs davor schützen.

Wenn eine Weltmacht wie Russland Österreich angreifen würde, brauchen wir uns keinen Illusionen hingeben. So stark kann Österreich nie sein. Außer es ist stark hochgerüstet.

Den Schweizern gelingt das.

Der Schweizer Armeechef Thomas Süssli hat kürzlich in einem Interview eingestanden, die Schweiz wäre nicht fähig, sich gegen Russland zu verteidigen. Die Luftverteidigung könnte den Schutz nur einen Monat durchhalten.

Österreich ist im Sicherheitssystem der Europäischen Union integriert, in dem man sich gegenseitig unterstützt. Das ist noch von der NATO überlagert. Wenn Russland die EU oder die NATO angreifen würde, wäre aufgrund des Verbundes die Wahrscheinlichkeit sehr gering, dass es erfolgreich wäre. Man sieht aber, dass Russland aufgerüstet hat und sich neue Kapazitäten und Waffen besorgt hat. Der Westen hat darauf nicht reagiert. Der Westen und Österreich haben hier einen Nachholbedarf.

Das Heeresbudget wurde immer knapp gehalten, es wurde stets gespart, es liegt bei 0,65 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Bei den Nato-Staaten sollten es zwei Prozent sein, Bundeskanzler Karl Nehammer sprach von einer Erhöhung auf ein Prozent, Verteidigungsministerin Claudia Tanner von 1,5 Prozent. Was brauchen Sie an Personal und Waffen?

Wir brauchen eine zeitgemäße, moderne, für die Miliz und Wehrpflichtigen kompatible Ausrüstung, Infrastruktur, Waffen und Gerät.

Was heißt das konkret? Wie viele Soldaten benötigen Sie beispielsweise?

Unser Mobilmachungsrahmen für ganz Österreich beträgt 50.000 Mann. Würde Österreich der NATO beitreten, was eher unwahrscheinlich ist, ginge die Entwicklung eher in Richtung eines Berufsheeres, um NATO-kompatibel zu sein. Das wäre eine ganz andere Ausrichtung. Wir haben ein Milizheer, wir betreiben Territorialverteidigung und sind verteidigungsorientiert. Der derzeitige Personalrahmen von 50.000 ist eine gute Sache. Wir müssen in der Ausrüstung des einzelnen Soldaten, bei den Waffen und beim Gerät auf den modernen Stand kommen. Das bedeutet für den einzelnen Soldaten, dass er nachtkampffähig wird, dass sein Schutz verbessert wird, dass jeder über eine Kevlar-Ausstattung (schusssichere Westen) verfügt.

„Müssen das Heer technologisch  neu aufstellen“

Militärkommandant Dieter Muhr

Wir brauchen Panzerfahrzeuge, damit wir unsere Soldaten geschützt an ihren Einsatzort bringen können und dass sie dort geschützt patrouillieren und fahren können und auch wieder wegfahren können. Wir brauchen Panzerabwehrfähigkeiten. In der Ukraine sieht man, dass es moderne Entwicklungen gibt, die den russischen Panzern überlegen sind. Das war für die Russen selbst überraschend. Jeder einzelne Soldat sollte sich gegen Panzer verteidigen können. Wir brauchen eine Fliegerabwehr und Luftraumüberwachung. Das alles gehört auf den modernsten Stand gebracht. Wir haben das Bundesheer aufgrund der geringeren Bedrohung auf einen Kern zusammendampfen lassen. Und dass immer noch genügend Personal und Material da sind, um aus dem Kern heraus zu wachsen. Da brauchen wir nun neues Gerät. Wir sollten jetzt nicht anfangen, alte Sachen zu kaufen, was irgendwo übrig geblieben ist, weil es nicht die Wirkung erzielt. Wir sollten sofort in neue Entwicklungen einsteigen.

Sie sind kriegsentscheidend, wie man in der Ukraine sieht. So ist heute zum Beispiel eine Kriegsführung ohne Drohnen nicht vorstellbar. Man kann auch nicht mit einem Panzer fahren, der sich nicht vor Drohnen schützen kann. Die Drohnen sind ferngesteuert und brauchen ein Netz, damit sie fliegen und funktionieren können. Dafür braucht es eigene elektronische Netze.

Das heißt, Österreich muss sich materialmäßig völlig neu aufstellen.

Das ist die große Chance. Dieser Krieg ist die Zeitenwende. Eine Nachrüstung funktioniert nicht. Man muss das Heer technologisch neu aufstellen. Ich will mich mit personellen Zahlen nicht so stark beschäftigen, denn die Zahl der russischen Soldaten beträgt 150.000, die Ukrainer sind hingegen viel weniger. Sie verfügen aber über Drohnen und Panzerabwehrwaffen. Die Russen haben tausende Panzerfahrzeuge und werden der Reihe nach abgeschossen. Das Entscheidende ist nicht die Anzahl der Waffen, sondern die Überlegenheit in der Technologie. Die neuen Panzerabwehrrohre können aus jedem Fenster abgefeuert werden, sie kosten einige zehntausend Euro und schießen drei Millionen Euro teure Panzer ab. Wie reagieren die Russen? Sie schießen alle Häuser zusammen.

Der zweite Punkt ist, dass die neuen Technologien die Verteidiger stärken. Früher hatte der Angreifer die Überlegenheit an einer Stelle. Der Verteidiger hatte das Problem, dass er alle Räume schützen musste und an einem Punkt sind dann die angreifenden Panzer durchgebrochen. Jetzt haben wir die Aufklärung mit Satelliten und Drohnen, daher wissen die Verteidiger , von wo der Angreifer kommt. So haben die Ukrainer die Russen geschlagen. Man braucht die technologische Überlegenheit, um zu wissen, wann von wo der Feind kommt. Der Verteidiger konzentriert sich dort, wo die Entscheidung zu treffen ist. Umgekehrt haben die Ukrainer nun das Problem, dass sie die Angreifer sind, wenn sie die Russen aus den eroberten Gebieten werfen wollen. Da sind die Russen im Vorteil.

Was macht den Erfolg der Ukrainer aus?

Der unbändige Widerstandswille. Sie sind seit acht Jahren im Krieg. Viele Soldaten haben Kampferfahrung. Sie verfolgen einen sehr pragmatischen Weg zum Erfolg. Ähnlich wie die Israelis. Alles, was zum Erfolg führt, wird gemacht. Das ist eine völlige Dezentralisierung. Sie nützen das Gelände aus, sie sind eingebettet in der Bevölkerung. Bei den Russen läuft hingegen alles vorschriftenkonform ab. Sie haben die militärische Infrastruktur der Ukraine fast komplett zerstört.

Die Ukrainer haben damit gerechnet. Sie antworten mit einer dezentralen Struktur, sie agieren mit Nadelstichen und mit Territorialverteidigungen, wo sie Linien halten. Das funktioniert nur dann, wenn jeder Kämpfer und jeder Kommandant bis zum Letzten durchhält. Sie haben einen Wehrwillen und eine Opferbereitschaft, die von der Überzeugung getragen sind, das eigene Land verteidigen zu wollen.

Die Systemunterschiede lassen sich auch an den Auftritten von Wladimir Putin und Wolodymyr Selenski ablesen. Der eine sitzt im Anzug im Kreml, der andere ist bei seinen Leuten und im Kampfanzug. Es ist ein Krieg zweier Systeme. Da ist die Ukraine, die westlich und selbstbestimmt orientiert ist und frei sein will. Daneben das russische System, wo alles von oben nach unten angeordnet wird. Putin ist der Überzeugung, dass man die Russen (die Ukrainer sind für ihn Russen) nur autoritär führen kann. Die Ukrainer haben bewiesen, dass es anders auch geht.

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