Endlich am Ziel, nach elf Tagen und 16 Stunden

© Silke Kranz

Chronik | Oberösterreich
06/30/2019

Mit vielen Tiefs nach elf Tagen am Ziel

Markus Brandl erfüllte sich seinen Traum und beendete mit dem Race Across America das härteste Radrennen der Welt.

Es tut mir sehr leid, dass ich mich in der vergangenen Woche nicht wie versprochen aus den USA gemeldet habe. Sie erinnern sich: Ich war beim Race Across America Teamärztin von Markus Brandl. Zuerst das Wichtigste: Wir haben es von der Westküste der USA ins Ziel nach Annapolis in Maryland geschafft, und zwar letzten Sonntag Vormittag nach unfassbaren 11 Tagen, 16 Stunden und 25 Minuten. In seiner Altersklasse konnte er den hervorragenden neunten Platz belegen und gehört jetzt zum exklusiven Club derer, die das RAAM finishen konnten – das sind nach 37 Jahren immerhin noch nicht einmal 400 Personen.

Rund um die Uhr

Durch die Zeitverschiebung von sechs Stunden war es bei Ihnen schon Nachmittag, als Markus die Ziellinie überquerte. Das ist der erste Grund, warum ich Ihnen in der letzten Woche News schuldig blieb. Der zweite Grund ist, dass ich mit der Betreuung rund um die Uhr beschäftigt war. Bedingt durch den extremen Schlafmangel hatte Markus einen Einbruch, der sich zuerst durch Verwirrtheit und Halluzinationen zeigte und dann zu einem körperlichen Zusammenbruch führte.

Große Zweifel

Nach einer Pause von zwölf Stunden war er nicht nur erholt, sondern auch geistig wieder voll da und konnte berichten, dass er seinen Einbruch wie von außen beobachtet hatte, nur selbst nicht reagieren konnte. Er fuhr das Rennen weiter, begann allerdings immer mehr zu sinnieren und zu zweifeln, natürlich wiederum durch den neuerlichen Schlafmangel bedingt. An seiner sinkenden Motivation und Geschwindigkeit zerbrachen wir als Team beinahe, war er doch körperlich nach wie vor in einem ausgezeichneten Zustand. Nun ja, gewisse Körperstellen waren natürlich inzwischen beeinträchtigt, aber Markus hatte noch immer genug Reserven. Ich schreibe hier so leicht von Motivation und Zweifeln: Selbst wenn man live dabei ist und die Anstrengung beobachtet, kann man nicht nachempfinden, was der Athlet empfindet.

Ich kann nur vermuten, dass die Schmerzen auf dem Sattel nichts sind im Vergleich zu den Höllenqualen, die sich im Kopf abspielen. Nach einem weiteren Einbruch einen Tag vor dem Ziel konnte sich Markus noch einmal aufraffen und fuhr in den letzten 24 Stunden ein Rennen, das olympiaverdächtig war.

Zieleinfahrt zu "I am from Austria"

Man könnte ja meinen, dass die Höhenmeter nach den Rocky Mountains zurückgelegt waren, aber ganz zum Schluss warteten noch die Apalachen, die zwar nicht so hoch sind, aber viele steile Pässe liefern. Die letzten Stunden im Begleitfahrzeug werde ich nie vergessen: das Kämpfen, dann bei Sonnenaufgang endlich wieder das Blitzen in Markus’ Augen, weil er wusste, dass er seinen Traum nach vielen Tiefs doch noch verwirklichen konnte. Und schließlich die Zieleinfahrt zu den Klängen von „I am from Austria“, die Überreichung der Finisher-Medaille und ein Sprung in den Atlantik mit dem Team.

Ich selbst werde noch einige Zeit brauchen, bis ich die Erlebnisse alle eingeordnet habe, fürs Erste aber hole auch ich meinen Schlaf nach.

Autorin: Silke Kranz