"Leute holen, die etwas bringen"

Djerassi im Arbeitszimmer seiner Wiener Wohnung. Seine weiteren  Wohnsitze sind London und   San Francisco.
Foto: Gerhard Deutsch

Österreich soll sich ein Beispiel an der Einwanderungspolitik der USA nehmen, rät der gebürtige Wiener Carl Djerassi.

Carl Djerassi ist Chemiker und gilt als Erfinder der Anti-Baby-Pille. Seit 1986 ist er auch Autor und Schriftsteller. Der 87-Jährige, der in Wien geboren wurde und als Jude 1938 vor den Nazis fliehen musste, hielt die Festrede bei der Eröffnung der Salzkammergutfestspiele in Gmunden.

KURIER: Was kann man gegen den Geburtenmangel tun, Herr Djerassi?
Carl Djerassi: In Österreich beträgt die Geburtenrate 1,4 Kinder, in Europa 1,5. Das führt dazu, dass Österreich in 200 Jahren die Größe von Liechtenstein hat. Dazu kommt, dass wir überaltert sind. In 40 Jahren werden mehr als 30 Prozent der Bevölkerung älter als 60 sein. Die Österreicher werden alle Sozialleistungen haben wollen, Pensionen, soziale Absicherung, Pflegegeld. Aber wer wird die Arbeit machen, wer wird das bezahlen?
Entweder werden das die Immigranten sein oder jene, die die FPÖ wählen, werden durchschnittlich drei Kinder haben müssen. Die xenophobischen Tendenzen (Ausländerfeindlichkeit, Anm. d. Red.), die teilweise versteckt, aber auch ganz offen da sind, sind nicht nur arg, sondern auch blöd. Die FPÖ plakatiert Österreich für die Österreicher. Die Österreicher nehmen an, dass sie eine Insel sind, wo man gut Gulasch, Beuschel und Knödel essen kann, und der Rest der Welt spielt keine Rolle.
Es ist nicht die Frage des Geldes, warum so wenig Kinder geboren werden. Österreich ist eines der reichsten Länder. Der Geburtenmangel ist ein Problem, das völlig ignoriert wird. Ich sage jetzt nicht, dass Österreich lauter Nigerianer und Pakistani aufnehmen soll, denn das sind weltweit die Länder, die bevölkerungsmäßig am stärksten wachsen.
Nigeria wird 2050 mit 300 Millionen dieselbe Bevölkerungsanzahl wie die USA haben. Äthiopien wird 2050 das zwölfgrößte Land der Welt sein. Es wird kein europäisches Land geben, das unter den bevölkerungsreichsten 15 sein wird. Das ist eine Sache, die man einfach nicht ignorieren kann. Man muss sich für die Einwanderung entscheiden, es führt kein Weg an einer intelligenten Immigration vorbei.

In Österreich hat es ja viele Jahre keine wirkliche Einwanderungspolitik gegeben. Sie wurde nur dem Zufall überlassen.
Die Immigrationspolitik war einfach ein Laissez-Faire. Legale oder illegale Immigranten kommen hierher, weil sie einfach hierher kommen wollen. Weil Österreich ein schönes, ein reiches und anständiges Land ist. Ich vergleiche Österreich immer mit Bulgarien, nicht nur, weil mein Vater ein Bulgare war. Bis vor rund 20 Jahren hatten beide Länder rund acht Millionen Einwohner.
Bulgarien wird 2050 nur noch 5,5 Millionen haben. Stellen Sie sich vor, was das wirtschaftlich bedeuten würde, hätte Österreich in 40 Jahren nur noch 5,5 Millionen Einwohner! Niemand will nach Bulgarien gehen, weil es eines der ärmsten Länder Europas ist. Österreich wird 2050 rund 8,7 Millionen Einwohner haben.
Man soll versuchen, Leute nach Österreich zu bringen, die dem Land wirtschaftlich etwas bringen. Zum Beispiel jüngere Leute aus westlichen Ländern, denn sie können sich leichter integrieren. Oder Menschen aus Osteuropa. Die Osteuropäer haben bei den Habsburgern eine große Rolle gespielt. Die Tschechen, die Slowaken, die Ungarn, die Slowenen. Schauen Sie die österreichischen Namen an, viele sind nicht deutsch.

Diese osteuropäischen Länder haben dieselben Probleme mit dem Geburtennachwuchs wie Österreich.
Natürlich haben sie dieselben Probleme. Ich sage auch nicht, dass alle Rumänen und Bulgaren nach Österreich kommen sollen. Ich nenne Ihnen das beste Beispiel, das ist Amerika. Amerika ist wegen der Zuwanderung so stark gewachsen. Es ist das einzige industrielle Land der Welt, das einwohnermäßig stärker wird. Die amerikanische Einwanderung war immer ein Quotensystem, das sich auf den Geburtsort bezog.
Ich bin in Wien geboren. Deshalb konnte ich viel früher nach Amerika emigrieren als mein Vater, der in Bulgarien geboren ist. Er durfte erst zehn Jahre später einreisen. Die USA hatten ein total eurozentrisches Einwanderungssystem, das gegen die asiatischen und die afrikanischen Länder gerichtet war. Die USA sind ein rassistisches Land, das ist ganz klar. Das war aber auch hier in Österreich der Fall.
In den 60er-Jahren haben die USA beschlossen, das Quotensystem zu ändern und einige Hunderttausend Inder aufzunehmen. Warum? Die USA haben gesagt, es gibt Inder, die gut ausgebildet sind, Ärzte, Wissenschafter, Professoren, Ingenieure. Für sie gab es eine Extraquote.
Was ist das Resultat? Nehmen wir als Beispiel meine Universität, die Stanford-University in San Francisco, die eine der besten in der Welt ist. Als ich Anfang der 60er-Jahre dort zu unterrichten begonnen habe, habe ich einen Inder in meiner Klasse gehabt. Jetzt sind mehr als ein Drittel der Studenten aus Asien. Unsere Universität ist nicht nur teuer, sie nimmt auch nur ein Zehntel der Bewerber. Tausende besuchen den Campus von Google. 80 Prozent der Leute sind unter 30 Jahren. Und die Hälfte davon sind Asiaten. Viele davon sind Inder. Sie sind bereits hier in den Staaten geboren und aufgewachsen, sie sind die Töchter und Söhne der Eltern, die zugewandert sind. Die Eltern selbst hatten bereits Universitätsabschlüsse, sie haben dafür gesorgt, dass auch ihre Kinder studieren. Das ist so ähnlich wie bei den jüdischen Emigranten, die wegen der Nazis nach Amerika auswandern mussten. Ein Drittel der amerikanischen Nobelpreisträger sind jüdische Emigranten.

Eine Lösungsmöglichkeit für den Geburtenmangel sind die Einwanderer. Sehen Sie auch Möglichkeiten, dass die Österreicher wieder mehr Kinder bekommen?
Das ist kein österreichisches Problem, sondern ein europäisches. Die Antwort ist ein teilweises Ja. Frankreich und die skandinavischen Länder beweisen es.

Was ist hier der Knackpunkt?
Die Frauen glauben nicht mehr an die drei Ks, Kinder, Küche, Kirche. Die meisten Frauen wollen nicht mehr nur zu Hause bleiben. Ihnen stehen heute fast alle Bereiche offen. Sie wollen Kinder und Beruf miteinander vereinbaren. Aber die Zeit der Kindermädchen ist vorbei. Die einzige Möglichkeit sind heute Kindergärten, die in unmittelbarer Umgebung sind, Kindergärten in den Unternehmen selbst.
Das Ideal wäre, wenn die Kindergärten so nahe sind, dass die stillenden Mütter während des Tages hinkommen können. Wenn die Geburtenrate über zwei wäre, hätte man das Problem für die nächsten hundert Jahre gelöst. Momentan geht es in die falsche Richtung.

Es gibt neue Möglichkeiten der Reproduktion, indem man beispielsweise Eizellen dem Körper der Frau entnimmt und sie dann in späteren Jahren, zum Beispiel mit 45, einsetzt.
Ich bin überzeugt, dass wir in diese Richtung gehen, aber das ist nicht die Lösung. Das ist eine andere Lösung. Das ist die Lösung für Frauen, die das Kinderkriegen verschieben.

Ist eine multi-ethische Gesellschaft realistisch?
Es kommt auf die Erziehung und auf die Ausbildung an. Und darauf, wie sich die Politiker benehmen. Wir haben dasselbe Problem wie in den USA. Aber hier ist es so komisch politisch.
Österreich war doch einmal das beste Beispiel, dass eine multinationale Integration möglich ist. Schauen Sie sich die Wiener Küche an. Was wäre sie ohne die Einflüsse aus Böhmen und Ungarn? Wo würde das Gulasch sein, die Knödel, die ich so sehr liebe, die Palatschinken, das Schnitzel?

Was ist aus Ihrer Sicht das größte Problem?
Für mich ist das größte Problem der Welt der zunehmende Fundamentalismus. Nicht nur der religiöse. Der ärgste ist wahrscheinlich der islamische Fundamentalismus. Und in Amerika sind es die fundamentalistischen Christen. Ex-Präsident George W. Bush könnte auch ein Aytollah gewesen sein, wenn er im Iran geboren wäre. Diese Leute behaupten, die direkte Telefonnummer zu Gott zu haben. Die ultraorthodoxen Juden sind eines der größten Probleme in Israel, sie haben zehn Kinder pro Familie, sie werden immer mehr. Sie glauben nicht einmal, dass Israel das Recht hat zu existieren. Das ist eine der verrücktesten Geschichten von allen.
Immigration hat Vorteile, auch genetische. Schauen Sie sich die Habsburger an. Sie haben immer untereinander geheiratet, was ist passiert? Die spanischen Habsburger sind ausgestorben. Es wäre viel besser gewesen, wenn sie ab und zu eine nigerianische Braut gehabt hätten (lacht).

Sie haben die Festspieleröffnungen in Gmunden und Bregenz besucht. Was ist Ihr Eindruck?
Es ist überall wunderschön. Deshalb habe ich mir in Wien wieder eine Wohnung genommen. Kulturell ist es sehr angenehm. Die Oper spielt täglich, außer im Juli und August. In San Francisco spielt sie nur von Mitte September bis Anfang Dezember und im Juni. Die meisten Städte haben überhaupt keine Opern. Gmunden hat ein Stadttheater, es gibt die Festspiele. So etwas gibt es in keinem vergleichbaren amerikanischen Nest. Es ist wirklich sehr beeindruckend.

(kurier) Erstellt am
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