Chronik | Oberösterreich
02.03.2013

„Steuern auf Chaos in Energiepolitik zu“

Energie-AG-General und ÖFB-Präsident Leo Windtner fordert von der EU mehr Koordination in der Energiepolitik. Im Fußball hofft er weiterhin auf ein modernes, neues Stadion für Linz.

Leo Windtner (62) ist seit 1994 Vorstandsvorsitzender der Energie AG und seit 2009 Präsident des Österreichischen Fußballbundes (ÖFB). Weiters ist er seit 17 Jahren Obmann der St. Florianer Sängerknaben.

KURIER: Tschechiens Industrieminister Martin Kuba hat erklärt, falls Österreich seinem Land bei Temelin Ratschläge erteilen will, „dann schalten wir es einfach ab. Und ich kann Ihnen garantieren, das es in Wien dunkel wird.“ Wird es dann auch in Oberösterreich dunkel?
Leo Windtner: Das ist eine frivole Feststellung. Wenn Temelin abgeschaltet werden würde, wird es in Österreich nicht dunkel sein und kein Licht ausgehen. Wir leben im europäischen Verbund. Daher sind grenznahe Kapazitäten sehr wichtig. Wir verfügen aber in Österreich über genug Reservekapazitäten.

Temelin wird von der oberösterreichischen Politik abgelehnt. Es wird dabei der Eindruck vermittelt, als könnten wir hier etwas bewirken. Ist das nicht realitätsfern?
Die Schlüsselrolle hat hier die EU. Sie kann sich beim Thema Energie nicht taub stellen.

Macht sie das?
Ja, sie ist in der Grundsatzfrage überhaupt nicht präsent. Sie erlässt stattdessen flankierende Gesetze, die zum Teil über das Ziel hinausschießen. Die Energiesparlampe war das größte Irrlicht, das von der EU ausgegangen ist. Man hätte hier auf die effizientere LED-Technologie setzen müssen. Wir sind weit entfernt von einer koordinierten europäischen Energiepolitik. Das ist das große Problem. Deutschland steigt bis 2022 aus der Kernenergie aus. Gleichzeitig schickt sich Tschechien an, die Atomenergie auszubauen. Daran kann man sehen, dass es zwischen den Staaten keine Abstimmung gibt. Oder wenn zum Beispiel Tschechien Spannungsschieber einbaut, um den überschüssigen Strom aus deutscher Windenergie abzuwehren, dann ist das ein Beleg dafür, dass die linke Hand nicht weiß, was die rechte tut. Die EU muss sich dieses Themas annehmen, sonst kommt nach der Finanzkrise zu 100 Prozent die Energiekrise.

Dafür ist EU-Energiekommissar Günther Öttinger zuständig.
Ja, aber es bedarf grundlegender rechtlicher Veränderungen auf EU-Ebene. Energiethemen sind nationale Themen, müssten aber grenzüberschreitend geregelt werden. Andernfalls steuern wir auf ein Chaos hin.

Sie müssen mit der momentanen Situation leben. Wie funktioniert das?
Der intensivste Stromaustausch erfolgt mit Deutschland. Mit Tschechien kaum. Aber letzten Endes sind wir physikalisch im europäischen Verbund. Wenn wir selbst mehr Strom aufbringen, wird immer weniger aus den Nachbarländern hereinfließen. Derzeit bauen wir aber keine konventionellen Kapazitäten. Das betrifft sowohl die Pumpspeicherkraftwerke als auch die Gas- und Dampfkraftwerke. Der Strom ist zu billig.

Das Pumpspeicherkraftwerk Ebensee wird vorerst nicht realisiert?
Es rechnet sich derzeit nicht. Wir treiben das Projekt aber voran, weil wir überzeugt sind, dass sich die Situation ändern wird. Deutschland setzt fast ausschließlich auf Wind und Sonne. Diese erneuerbare Energie braucht zwingend zum Ausgleich diese Pumpspeicherkraftwerke – speziell dann, wenn Wind und Sonne nicht ausreichen. Wir benötigen aber auch die hocheffizienten Gas- und Dampfkraftwerke. Wir brauchen die nächsten Jahrzehnte Gas als Brückentechnologie. Riedersbach ist genehmigt, geht aber momentan nicht in Realisierung, weil das Gas zu teuer und der Strom zu billig ist. Der Basispreis für Strom war 2008 auf 90 Euro pro Megawattstunde und liegt derzeit bei 42 Euro. Der Unterschied zwischen Spitzenstrom und Grundlast ist so niedrig geworden, dass nichts mehr erwirtschaftbar ist.

Im oberösterreichisch-salzburgischen Grenzraum gibt es große Mengen an Schiefergas. Sollte man diese heben?
Das ist eine grundsätzliche energiepolitische wie ökologische Frage. Die USA verschaffen sich hier einen gewaltigen industriepolitischen Vorteil. Sie zahlen nur ein Fünftel für das Gas, was wir hier in Europa bezahlen. Gas ist neben dem Öl der Leitenergieträger.

Von der Bevölkerung sehr gut angenommen werden die Fotovoltaikanlagen. Bringen sie wirklich etwas?
Ja. Man muss aber realistisch erkennen, dass es ein Beitrag ist und der wird es auch in Zukunft bleiben. Wir haben in unseren Breiten rund 1000 Sonnenstunden jährlich und ein Jahr hat 8760 Stunden. Alleine daran kann man erkennen, dass die Sonnenenergie eine Ergänzungsenergie ist. Sie wird nicht grundlastfähig werden.

Ist Oberösterreich heute in der Stromgewinnung ökologischer als vor zehn Jahren?
Ja, sicher. Es gibt zum Beispiel das Braunkohlekraftwerk in Timelkam nicht mehr. Es wird in den nächsten fünf bis zehn Jahren das Steinkohlekraftwerk Riedersbach vom Netz gehen. Der Ausbau der Wasserkraft ist vorangeschritten. In der Fotovoltaik ist schon einiges gekommen und jetzt sind ebenfalls einige Windkraftprojekte vorangeschritten.

Es soll im Innviertel von Ried nach Raab bzw. Andorf eine 110.000-Volt-Leitung gebaut werden. Da gibt es Widerstände in der Bevölkerung.
Es hat Widerstände gegeben. Daraufhin haben wir das Projekt vor fünf Jahren zurückgestellt. In der Zwischenzeit hat sich das Bewusstsein geändert, weil man die Leistung braucht, um neue Betriebe ansiedeln zu können. 14 Gemeinden fordern in einer Petition eine qualitative Stromversorgung. Daher wird ein neuer Anlauf unternommen.

Man könnte ja diese Leitung theoretisch auch unter der Erde führen.
Das ist theoretisch richtig. Aber es gibt technische Einschränkungen, die dies nicht möglich machen. Wir müssen zudem schauen, dass wir uns die technisch mögliche Verkabelung für den städtischen Bereich zurückhalten. Die Kosten der Verkabelung betragen weiters das Zwei- bis Dreifache. Freileitungen sind über Land in Europa Stand der Technik.

In welche Richtung läuft die gesamtstrategische Ausrichtung der Energie AG?
Wir wollen weg von den fossilen Energieträgern hin zur erneuerbaren Energie. Gas wird als Brückentechnologie bleiben. Wasserkraft wird die tragende Säule sein. Wir brauchen die intelligenten Stromnetze. Wir wollen das Pumpspeicherkraftwerk Ebensee realisieren. Ganz vorne wird auch die Energieeffizienz stehen. Wir werden uns vom Energielieferanten hin zum Energiedienstleister entwickeln.

Was heißt das konkret?
Die neuen intelligenten Netze (Smart Grids) schaffen ganz neue Möglichkeiten. Wir werden uns auch um die Elektro-Mobilität kümmern. Die Bereitstellung der Infrastruktur und die Abrechnung werden zentrale Bereiche werden. Wenn man das Elektrofahrzeug mit einer Chipkarte betankt, muss die Abrechnung über die nächste Stromrechnung erfolgen.

Wann wird es dieses Netz an Stromtankstellen geben?
Der derzeitige Horizont ist 2020. Es wird stark von den gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen abhängen. Wie entwickelt sich zum Beispiel der Ölpreis?

2014 steht Ihre Vertragsverlängerung als Generaldirektor der Energie AG an. Wie wir Sie kennen, werden Sie noch nicht in den Ruhestand treten.
Ich bin im nächsten Jahr 20 Jahre Generaldirektor der Energie AG. Das ist eine lange Periode. Man muss sich selbst fragen: Was macht es für einen Sinn weiterzutun? Dass mir die Aufgabe immer noch große Freude macht, ist erkennbar. Ich fühle mich fit und halte es hier mit dem ehemaligen ÖVP-Politiker Hermann Withalm: nihil petere, nihil recusare (nichts anstreben, nichts zurückweisen). (lacht)

Nun zum Fußball: 0:3 gegen die Elfenbeinküste, 1:2 gegen Wales – ist es nach den zwei Testspielpleiten bereits wieder vorbei mit der Euphorie um die ÖFB-Nationalelf?
Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass unter Marcel Koller professionell, präzise und effizient gearbeitet wird. Die Niederlagen in den Tests sind Wermutstropfen. Mir wäre es anders auch lieber gewesen.

In den nächsten WM-Quali-Spielen gegen die Färöer (22. 3.) und in Irland (26. 3.) müssen aber zwei Siege her!
Drei Punkte werden zu wenig sein. Es bringt aber nichts, jetzt schon so viel Druck aufzubauen. Die Qualität im Team ist großteils da. Es geht nur darum, gute Leistungen in Ergebnisse umzumünzen. Es bringt nichts, als hoch gelobter Verlierer vom Platz zu gehen so wie gegen Deutschland. Mir wären ein paar „hatscherte“ Partien lieber, die wir gewinnen.

Beim ÖFB wird immer vom erfolgreichen „österreichischen Weg“ gesprochen. Leistungsträger im Nationalteam wie Alaba, Arnautovic oder Harnik kann man damit aber nicht in Verbindung bringen, oder?
Doch, im Gegenteil. Ein Fußballer erhält bis zu seinem 15., 16. Lebensjahr die grundlegende Ausbildung. Alaba ist mit 16 von der Austria weggegangen. Die Wiener wollten ihn behalten, aber der Geldfluss ist nun einmal bestimmend. Es geht allen Ländern in unserer Größenordnung so, dass die Toptalente ins Ausland gehen.

Werden Sie sich im heurigen Juni der Wiederwahl als ÖFB-Präsident stellen?
Davon kann man ausgehen. Ich werde mich dieser Herausforderung stellen. Es ist auch wahrscheinlich, dass ich wiedergewählt werde.

Wie sehen Sie die nicht enden wollenden Diskussionen wegen des Liga-Formats?
Ich glaube, dass wir zu einer Lösung kommen werden. Bis Ende März wollen wir das Thema vom Tisch haben.

Hat Österreich überhaupt das Potenzial für mehr als 20 Profivereine?
Das ist eine Grundsatzfrage. Wir wissen, dass in der Ersten Liga einige Klubs finanzielle Probleme haben. Und aus den Regionalligen wollen ja die meisten Vereine gar nicht aufsteigen.

Aber es ist verständlich, wenn die drei Regionalliga-Meister direkt aufsteigen wollen, oder?
Das ist ein ganz legitimer Wunsch, den ich voll verstehe. Es geht da ja auch um die Planungssicherheit und die sportliche Wertigkeit eines Meistertitels.

Das neue Musiktheater in Linz wird bald eröffnet. Ein neues Fußballstadion wird es hingegen in absehbarer Zeit keines geben. Blutet dem Fußballfan Leo Windtner da nicht ein wenig das Herz?
Ja, das ist wirklich schade. Basel hat vorgezeigt, wie es funktioniert. Es wurde ein Topstadion errichtet, die Zuschauerzahlen haben sich sofort verdreifacht und auch der sportliche Erfolg für Basel ist gekommen.

Das wäre dem LASK auch zu wünschen, oder?
Das emotionale Potenzial ist nach wie vor da, um dem LASK auf die Beine helfen zu können. In der jetzigen Struktur ist es aber unmöglich. Man muss eine neue Struktur für den LASK finden. Dann ist vieles möglich.