Bernd Zierhut arbeitet Zeit seines Lebens in der Ölbranche: bei Mobil, BP und Doppler

© HERMANN WAKOLBINGER

Chronik Oberösterreich
05/30/2021

„Klimaneutralität nur durch massive Förderung möglich“

„Wir sind dabei, unsere Abhängigkeit von Öl durch die Abhängigkeit von Strom zu ersetzen“, warnt Bernd Zierhut, Geschäftsführer der Doppler-Gruppe.

von Josef Ertl

Bernd Zierhut (60) ist Geschäftsführer der Doppler Gruppe und Obmann der Sparte Energiehandel der Wirtschaftskammer Oberösterreich. Die Doppler-Gruppe mit Sitz in Wels ist der größte private Tankstellenbetreiber Österreichs mit knapp 200 Tankstellen. Diese werden unter den Marken Turmöl, Turmöl quick und BP geführt.

KURIER: Die Reduktion des -Ausstoßes wird bis 2030 verschärft. Österreich soll laut Bundesregierung bis 2040 klimaneutral sein. Laut Wirtschaftsforscher Karl Aiginger ist das nur durch ein Verbot von Verbrennermotoren ab 2030 zu erreichen. Dadurch ist das bisherige Geschäftsmodell der Tankstellen grundlegend infrage gestellt. Was wird Ihre Branche machen?

Bernd Zierhut: Wir stehen vor einem Umbau unseres gesamten Energiesystems. Wir haben uns in der Vergangenheit von Benzin, Diesel und Heizöl zu abhängig gemacht. Wir sind aber dabei, uns von einer Abhängigkeit in eine andere zu bewegen. Strom ist momentan für alles die Lösung. Vielfalt und ein Energiemix sind jedoch die sinnvollere Lösung.

In der Vergangenheit beruhten Energiewenden auf einem Kundenwunsch. Sie waren verbrauchergesteuert. Nun ist die Energiewende von oben gesteuert und von der Politik angestoßen.

Die Politik reagiert auf die Wissenschaft, die die Klimaerwärmung klar feststellt.

Dass eine Änderung notwendig ist, steht außer Frage. Man muss die Proportionen richtig sehen. Es handelt sich beim -Ausstoß um ein globales Problem. Das Problem wird nicht von neun Millionen Österreichern oder 100 Millionen deutschsprachigen Europäern allein gelöst. Wir brauchen eine globale Strategie.

Es gibt beim Heizen mit den Wärmepumpen und den Biomasseheizungen zwei Alternativen zu den Ölheizungen. Pellets sind auch für uns als Doppler-Gruppe ein Portfolio. Wir stehen dem positiv gegenüber. Wir stellen Pellets zwar -neutral dar, aber wir lügen uns da schon ein bisschen an. Denn wir importieren Holz. Wir sagen, der Baum ist zwar in Rumänien gewachsen und hat dort viel aufgenommen, und verbrannt wird er dann bei uns. Wesentlich cleverer sind für mich die Wärmepumpe und Strom aus erneuerbaren Ressourcen.

Der Ersatz von Gasheizungen wird nur durch massive Förderungen funktionieren.

Dass man es durch grünes Gas ersetzt?

Experten sagen mir, dass grünes Gas nicht im notwendigen Ausmaß produzierbar ist. Es kann fünf bis zehn Prozent des heutigen Gasverbrauches ersetzen. Es wird Strom oder Fernwärme sein.

Kommen wir zur Mobilität.

Strombezogene Fahrzeuge sind momentan die Zukunft. Mit der Einschränkung, dass die batteriegetriebene Technologie nur in Kurzstrecken voll einsatzfähig ist, vielleicht noch auf Mittelstrecken. Aber nicht auf der Langstrecke. Daher der Ruf nach Alternativen. Diese sehe ich in synthetischen Kraftstoffen. Oder in der Wasserstofftechnologie. Man sollte jedenfalls technologieoffen an die Dinge herangehen.

Es gibt derzeit nur fünf Wasserstoff-Tankstellen in Österreich und nur wenige Wasserstoff-Autos. Warum gibt es nicht wesentlich mehr Tankstellen?

Das ist eine Henne-Ei-Frage. Es gibt momentan nur 40 Wasserstoff-Fahrzeuge. Da sind fünf Tankstellen schon viel. Wir haben vor zehn Jahren versucht, Erdgas-Fahrzeuge zu promoten und ein Netz an Tankstellen aufgezogen. Es gab 160 Tankstellen insgesamt, alleine wir hatten 30. Die Nachfrage von den Kunden war nicht da. Es gab damals keine Förderung des Staates, es gab keine politische Unterstützung. Das ist auch das Drohpotenzial für die Elektromobilität. Wenn sie von heute auf morgen den Stecker der Förderung ziehen, ...

... verkaufen die Händler keine E-Autos.

Das ist die Wahrheit.

Wie groß sehen Sie das Potenzial für Wasserstoffautos?

Aus heutiger Sicht ist es eine reine Frage der Förderung. Denn der Kundenwunsch ist das Verbrennerauto. Es hat alles, was der Kunde will: Reichweite, Komfort, er kann überall tanken. Es ist aber umweltschädlich. Nun stellt man dem Kunden Alternativen zur Verfügung, die eigentlich schlechter sind. Das ist das echte Problem aller Alternativantriebe. Wir kämpfen selbst. Wir von Doppler haben 17 Schnellladestationen, die Frequenz ist bis heute nicht da.

Eine Alternative sind synthetische Kraftstoffe (E-Fuels). Sie funktionieren ähnlich wie Benzin oder Diesel bei Verbrennerautos.

Sie haben einen großen Pluspunkt, was für mich der Grund ist, sie zu fördern. Sie sind neben Wasserstoff die einzige Lösung für den Schwerverkehr. Und man kann die bestehende Infrastruktur nutzen. Das Problem bei den batteriegetriebenen E-Autos sind die fehlenden Ladestationen. In Linz kann ich nur in der Promenadengarage laden. Sonst kenne ich keinen Platz. Dort muss ich aber auch Parkgebühr zahlen.

Was macht der, der in Linz öffentlich parken muss, wenn er keine Garage hat?

Ich bin in Linz-Urfahr in der Hauptstraße aufgewachsen, im siebenten Stock. Was hätten meine Eltern mit ihren Autos gemacht? Es muss in jedem Fall zu einem wesentlichen Anschub in der Infrastruktur kommen, um die E-Mobilität groß und breitflächig ins Laufen zu bringen. Sonst wird das nicht funktionieren.

Wann stehen die synthetischen Kraftstoffe zur Verfügung?

Es gibt die E-Fuels-Appliance, die gerade in Gründung ist. Große Stake-Holder wie die OMV, der ÖAMTC, unsere Gruppe und die Wirtschaftskammer schließen sich in einer Arbeitsgemeinschaft zusammen, die sich das Ziel gesetzt hat, ein Werk zu errichten. Wie kann man E-Fuels wirtschaftlich und unter gewissen Rahmenbedingungen und in einer gewissen Größenordnung, 15 Millionen Liter, erzeugen?

Wie hoch ist der Gesamtbedarf in Österreich?

8,1 Milliarden Liter nur für die Mobilität. Die 15 Millionen Liter können nur eine Musteranlage sein. Wenn es wirklich in eine große Industrieproduktion geht, dann steht so eine Anlage in der Wüste, weil ja alles mit erneuerbarem Strom beginnt.

Wann stehen die synthetischen Kraftstoffe für die Kunden zur Verfügung?

In drei Jahren. Konzeptionell gibt es die Anlage schon, gefördert ist sie auch schon. In 12 bis 18 Monaten müsste der Bau begonnen werden. Wenn diese Kraftstoffe bis 2025 nicht zur Verfügung stehen, ist das keine Option mehr.

Doppler wird den synthetischen Kraftstoff an den Tankstellen anbieten?

Wir sind mitten im Umbau unserer Energiesysteme. Wir haben bereits 20 E-Ladestationen in Österreich errichtet. Sie werden aufgewertet, weil wir sie mit Fotovoltaik-Paneelen ausrüsten, damit erneuerbarer Strom für die Betankung sichergestellt ist. Gleichzeitig machen wir bei der E-Fuels-Alliance mit. Wir bieten Erdgas und Flüssiggas an. Und die konventionellen Kraftstoffe. Der Energiemix wird unser Leben in den nächsten 15 Jahren bestimmen.

Werden Sie auch Wasserstoff anbieten?

Hier haben wir noch keine Investitionspläne. Wir sehen momentan die Anzahl der Fahrzeuge nicht. Wir sehen sie ehrlicherweise auch in der Zukunft nicht. Wir wissen, dass die Technologie funktioniert, wissen aber auch, dass es hier nichts geben wird, solange die Politik nicht aufspringt. Wenn wir hier einsteigen wollen, können wir das relativ schnell machen, denn die Technologie ist da, aber der Bedarf nicht.

Sie sehen in den E-Fuels ein größeres Potenzial?

Ich sehe momentan ein größeres Potenzial im Strom, dann sehe ich die E-Fuels, weil wir die bestehende Infrastruktur nutzen können.

Auf wie hoch schätzen Sie den Investitionsbedarf Ihrer Gruppe in den nächsten zehn Jahren?

Das kann man ehrlicherweise nicht genau sagen, denn wir wissen nicht, wie der Fuhrpark der Zukunft aussehen wird. Wenn der Bedarf bei Strom extrem steigt, können wir ihn decken. Es muss bei den Energiegesellschaften, neben der Fotovoltaik, die Strom-Produktion aufgerüstet werden. Hier gibt es große Fragen, die ungelöst sind. Die Stromgesellschaften sind in Österreich alle in öffentlicher Hand, sie müssen den Strom zur Verfügung stellen, wenn man dorthin will.

Stellen Sie beim Verkauf von Heizöl schon einen Rückgang fest? So manche Ölheizung wird bereits umgestellt.

Der Heizölmarkt ist im vergangenen Jahr um sechs Prozent gestiegen. Die massiven Umstellungen können derzeit nicht wahrgenommen werden.

Der Gesamtverbrauch ist wie hoch?

Über eine Million Tonen, das sind 1,4 Milliarden Liter.

Halten Sie das von der EU vereinbarte Ziel einer -Reduktion von minus 55 Prozent bis 2030 für realistisch?

Das ist für mich ausschließlich eine Frage der Förderung.

Und die Klimaneutralität 2040?

Sie ist auch eine Frage der Investition und der Förderung. Allein wird es die Wirtschaft mit Sicherheit nicht schaffen, wenn nicht substanzielle Förderungen passieren, insbesondere in erneuerbare Stromkapazitäten. Wenn Förderung zur Verfügung gestellt wird, dann schon.

Die Frage ist, ob es politisch klug ist, wenn wir in der Energiewende immer Erster, Pacesetter (Tempomacher, Anm.) sein müssen. Oder, ob es gescheiter ist, fast Follower (schneller Nachahmer, Anm.) zu sein. Ich würde Österreich raten, kein Vorreiter zu sein, sondern zu sehen, welche Technologie gut funktioniert und dann die Schwerpunkte zu setzen.

Eine Möglichkeit, schnell eine Verbesserung herbeizuführen, ist der Einsatz von LNG-Gas bei den Lkw. Das ist verflüssigtes Erdgas. Es hat zwar den Makel, fossil zu sein, aber es wäre eine geeignete Brückentechnologie, die zu einer schnellen und massiven Reduktion des -Ausstosses führen würde. Das könnte man durch einfache Maßnahmen wie eine teilweise Befreiung von der Maut oder der Mineralölsteuer einführen.

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