Birgit Gerstorfer, Landesvorsitzende der SPÖ Oberösterreich und Landesrätin

© HERMANN WAKOLBINGER

Chronik Oberösterreich
03/14/2021

„Kirche, Militär und die bezahlte Medizin sind patriarchale Systeme“

SPÖ-Vorsitzende Birgit Gerstorfer tritt vehement für die Einführung einer verpflichtenden Frauenquote ein und kritisiert die Benachteiligung von Frauen im Landesdienst.

von Josef Ertl

Birgit Gerstorfer ist seit 2016 Landesvorsitzende der SPÖ und Landesrätin. Zuvor war die 57-Jährige Chefin des AMS Oberösterreich.

KURIER: Aus Anlass des Internationalen Tages der Frau erlaube ich mir, mit einer privaten Frage zu beginnen. Wie sieht Ihre gelebte Partnerschaft aus? Wer macht was, wer ist wofür zuständig? Birgit Gerstorfer: Ich bin für das Kochen zuständig, weil ich das sehr gerne mache. Mein Mann kocht auch, aber wenn beide zu Hause sind, koche ich. Er sorgt sich stark um die Enkel, was meist ein Frauenthema ist. Er macht auch klassische Männerdinge, wie den Mistkübel ausleeren oder die Papiertonne entsorgen. Die Gartenarbeit ist geteiltes Leid bzw. geteilte Freude. Ansonsten macht er alles, um das ich ihn bitte.

Sie machen sich stark für die gleiche Bezahlung von Frauen und Männern. Warum gehen so viele Frauen noch immer in klassische Frauenberufe wie den Handel, die Pflege, als Sekretärinnen, als Friseurinnen, die schlecht bezahlt sind? Warum emanzipieren sich die Frauen mit ihrer Berufswahl nicht?

Sie sind deswegen Frauenberufe, weil sie schlechter entlohnt sind. Und nicht deswegen, weil es Frauen dort besser gefällt. Würden die Metallfacharbeiter einen geringeren Lohn erhalten als die Handelsangestellten, wären die Männer im Handel. Man muss bei der Entlohnung ansetzen und nicht damit, die Frauen in die technischen Berufe zu schicken.

Wir müssen uns darum kümmern, dass die Arbeitsbedingungen in den klassischen Frauenberufen besser werden und dass die Frauen besser bezahlt werden. Dann wird man nicht mehr darüber diskutieren, ob das klassische Frauen- oder Männerberufe sind. Zur Umsetzung braucht es mehr Sozialdemokratie.

Frauen machen sehr viel unbezahlte Arbeit, deshalb drängen sie die bezahlte Arbeit zurück. Es ist kein Zufall, dass 52 Prozent der Frauen und nur zehn Prozent der Männer in Oberösterreich teilzeitbeschäftigt sind. Es geht in der Regel derjenige in Karenz, der weniger verdient.

Die Bloggerin und Feministin Meike Stoverock hat soeben das Buch „Female Choice. Vom Anfang und Ende der männlichen Zivilisation“ herausgebracht. Sie sagt zum Beispiel, dass „die Ehe immer ein Werkzeug war, um Frauen unselbstständig zu machen und in engen sexuellen Bahnen zu halten“. Stimmen Sie dieser These zu? (lacht). In der Historie war das bestimmt so. Anhängigkeiten in Beziehungen waren immer ein Thema, und das sind sie auch heute noch. Es gibt genug Frauen, die sagen, ich kann mich von meinem Partner gar nicht lösen, weil ich mein Leben wirtschaftlich nicht meistern kann. Noch viel schlimmer ist es, wenn dann noch Gewalt dazukommt. Es braucht mehr SPÖ, um beispielsweise mehr Frauenhaus-Plätze zu errichten und die Gewaltschutz-Beratung auszudehnen. Schauen Sie sich die Frauenberatung der ÖVP an. Dort ist das Wichtigste, Hürden für die Karriere aus dem Weg zu räumen.

Wir wollen Gleichberechtigung am Arbeitsmarkt. Hier kommt für mich zwangsläufig die verpflichtende Frauenquote zu tragen. Das sieht man auch daran, dass Österreich gemeinsam mit Luxemburg das letzte Land in der EU, wenn es um weibliche Vorstände geht. Wir haben Benachteiligungen auch im Landesdienst.

Aber Frauen und Männer werden doch im Landesdienst gleich bezahlt.

Auch das ist eine Mär.

Es gibt also im Landesdienst eine Ungleichbehandlung?

Im Gehaltsschema schaut das so aus, als ob Frauen und Männer gleich behandelt werden würden.

Können Sie mir ein Beispiel für diese Ungleichbehandlung nennen?

Ich möchte mein persönliches Beispiel anführen. Ich bin als Wiedereinsteigern mit 26 Jahren in das AMS gekommen. Ich hatte einen Kollegen, der so alt war wie ich. Er war um zwei Entlohnungsstufen weiter vorne, weil er keine Kindererziehungspause gehabt hat. Diese zwei Stufen hätte ich, wenn ich nicht Karriere gemacht hätte, mein Leben lang mitgeschleppt. Diese Benachteiligungen gibt es nach wie vor.

Jetzt werden diese Zeiten der Karenz bereits angerechnet.

Ja, aber nicht bei der Einstellung als Vordienstzeiten. Diese Benachteiligung gibt es nach wie vor in dem Moment, in dem die Frau Kinder bekommt.

Andrea Heimberger, die neue Direktorin der Arbeiterkammer, hält wenig von Frauenquoten. Sie bevorzugt Frauenförderprogramme in den Institutionen und Betrieben.

Es wird immer Menschen geben, die Quoten befürworten bzw. ablehnen. Auch innerhalb der Sozialdemokratie. Ich kenne die Quote aus dem AMS, wo sie Gesetz und gelebte Realität ist. Wenn es zwei gleich gute Bewerber gibt, zieht die Frau. Als ich 2010 das AMS übernommen habe, hat es gut 30 Prozent Frauen in Führungspositionen gegeben. Als ich sechs Jahre später gegangen bin, lag die Quote bei 48 Prozent. Die Frauenquote hat einen enormen Effekt auf die Frauen, die Unternehmen und die Gesellschaft. Studien belegen klar, dass gemischte Teams zu besseren Resultaten führen.

Meike Stoverock nennt als wesentliche Gründe für die Unterdrückung der Frauen die Religionen, speziell das Christentum und den Islam mit ihren patriarchalen Strukturen und ihren Vorstellungen eines männlichen Gottvaters, die sie auf die Gesellschaft übertragen. Teilen Sie diese Kritik?

Wir haben seit Jahrhunderten drei große patriarchale Systeme: die Kirche, das Militär und der bezahlte medizinische Bereich. Sie leisten noch immer Beiträge, dass Frauen nicht gleichberechtigt sind. Es ist erfreulich, dass der Papst sich diesem Thema stellt, aber möglicherweise im eigenen System nicht durchdringt.

Stoverock sagt, eine Welt, die von Frauen gestaltet ist, ist in jedem Fall gerechter.

Hier antworte ich eindeutig mit ja. Frauen führen und managen anders. Weibliche Führungskräfte bringen in Teams andere Sichtweisen ein. Auseinandersetzungen werden auf eine andere Art und Weise geführt. Männer neigen dazu, die Dinge nicht diskutieren zu wollen, und treffen dann Entscheidungen, die für Mitarbeiter nicht nachvollziehbar sind.

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