„Jetzt gehe ich nach Kasachstan“

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Foto: Alfred Reiter Neuanfang an der Basis in Kasachstan mit 68 Jahren: Sr. Kunigunde Fürst.

Schwester Kunigunde Fürst tritt als Chefin der Frauenorden ab.

Schwester Kunigunde Fürst erhielt im Dezember den Menschenrechtspreis des Landes Oberösterreich. Am 20. Dezember wurde sie mit dem  Großen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ausgezeichnet. Mit Jahresende legt die 68-jährige Mathematikprofessorin und Doktorin der Theologie zwei Ämter zurück: Das der General- und Provinzoberin der Franziskanerinnen  und jenes der Präsidentin der Vereinigung  der Frauenorden Österreichs. Sie entstammt einer Mühlviertler Bauersfamilie aus Ried in der Riedmark und  sie hat sechs Geschwister. Einer ihrer Brüder ist Ernst Fürst, Leiter der Abteilung Statistik beim Land OÖ, ein anderer Johann Fürst,  Pfarrer in Mauthausen.


KURIER: Warum will kaum jemand mehr in Orden eintreten?
Kunigunde Fürst: Da müssen Sie andere fragen, nicht mich. Das Bild, das in der Öffentlichkeit von Orden existiert, ist denkbar schlecht.

Warum?
Ich muss jetzt die Medien angreifen.  Die Filme, die über uns Ordensfrauen existieren, machen uns fast alle lächerlich. Da kann man nur den Kopf schütteln. Es werden Klischees transportiert, die man  kaum aus den Köpfen der Menschen bringt. Vielleicht sind wir auch selbst schuld, weil wir zu wenig in die Öffentlichkeit gehen. Weiters hat die Kirche auch kein gutes Renommee. Früher konnte man im Orden Berufe erlernen, die die Menschen aus finanziellen Gründen sonst nicht hätten erlernen können. Das war in den 1960er-Jahren noch so. Wir selbst fragen uns oft, ob diese Menschen wirklich so viel Berufung verspürt haben. Andere Gründe sind der Gehorsam und die Verpflichtung zum Zölibat.  

Was ist der alternative Lebensentwurf?
Wir leben nicht  in einem Familienverband und daher nicht in der Freiheit, die andere haben. Bei uns ist es beispielsweise nicht üblich, dass man große Urlaube macht. Wir fahren entweder nach Hause oder eine Woche in die Berge.  Aufgrund unseres Armutsgelöbnisses ist eine Woche am Strand liegen nicht drinnen.
Ehelos zu leben macht uns frei für andere Dinge. Es gibt eine größere  Freiheit im Dienst. Der Gehorsam ist ein dialogischer. Wir reden die Dinge aus. Den Kadavergehorsam pflegen wir nicht. Ein Beispiel ist  mein Kasachstan-Projekt. Ich habe schon 1995 gesagt, wenn  ich mit dem Amt der Generaloberin fertig bin, dann möchte ich nach Kasachstan gehen. Jetzt kann  ich es tun, gesund bin ich.

Was ist hier Ihre Motivation?
1994 wurde ich Generaloberin. Da haben wir in Kasachstan begonnen. Ich habe dort Weihnachten erlebt mit einer   Kerze, einem kleinen Plastikchristbäumchen und mit einer Tafel Schokolade. Das war das schönste Weihnachtsfest, das ich je erlebt habe.  Da habe ich gesagt, ich kehre dorthin zurück, wenn ich als Generaloberin abtrete. Die Menschen dort brauchen eine Perspektive, damit sie besser leben können. Wir wollen keine Menschen zum Christentum abwerben, wir wollen bei den Menschen sein und mit ihnen  leben. Ich werde wahrscheinlich in der Schule unterrichten.


Wofür haben Sie den Menschenrechtspreis erhalten?
Ich habe mich gefreut und war auch etwas verwundert. Ich habe ihn stellvertretend  für den Einsatz des Ordens erhalten.  Wir haben am Haus der Frauen in Not mitgearbeitet, mit der Wohnungsloseninitiative und vielen anderen  Projekten.  Ich selber bin im Armutsnetzwerk aktiv. Wir arbeiten auch mit Flüchtlingen. Hier bin ich schon mit Ministerin Maria Fekter in den Clinch geraten.

Sie kümmern sich um die Armen und jene, die am Rand der Gesellschaft leben.
Sie sind uns ein Anliegen. Wir kümmern uns nicht nur um sie, sondern wir schauen auch, dass es ihnen gelingt, auf eigenen Beinen zu stehen. Das ist uns noch wichtiger. Sie sollen lernen, dass man das Leben anders gestalten kann, als sie es bisher gemacht  haben. Darin sehen wir unsere Aufgabe.

Wie geht es Ihnen mit der römischen Kurie?
Wir haben keine Erfahrung mit ihr. Wir haben ja nur mit der Ordenskongregation  zu  tun.    Ich verstehe vieles nicht, was da unten passiert. Zum Beispiel in der Frage der wiederverheirateten Geschiedenen, dass Frauen nicht predigen dürfen, dass Frauen nicht zu Diakoninnen geweiht werden dürfen.
Ich habe das Gefühl, das dort sehr stark fundamentalistische Gruppen das Sagen haben. Diese umgarnen den Papst, der in seinem Alter gar nicht mehr überschauen kann, was läuft. Die Einsager und Zubringer sind lauter Leute, die anders denken als wie wir hier im Norden.

Sie haben verschiedene Führungsfunktionen ausgeübt. Sie könnten ja ohne Weiteres auch Pfarrerin und Gemeindeleiterin sein.
Eine unserer Schwestern ist Gemeindeleiterin. Ich würde es trotzdem nicht machen,  weil ich  in  mir nicht spüre, dass ich das tun  soll. Für andere kann ich es  mir vorstellen. Es gibt Schwestern und Frauen, die am Altar stehen und der Gemeinde vorstehen möchten.   Vom Evangelium her steht dem nichts entgegen. Jesus hat in einer  für seine Zeit revolutionären Weise mit Frauen geredet. Das hat in der Kirche keine Tradition gefunden. Diakoninnen   hat es früher einmal  gegeben, Priesterinnen nicht. Ich meine, dass das sicher noch kommen wird. Wann, weiß ich nicht.

Was sollte in der Kirche passieren?
Wir müssen zur ursprünglichen, zur Anfangskirche zurückkehren. Die Kirche muss wieder ärmer werden. Wenn wir ärmer  werden, werden wir wieder menschennäher und glaubwürdiger. Jesus wollte den Menschen zeigen, wie man miteinander leben kann.  

Was heißt, die Kirche muss ärmer werden?
Sie muss sich mehr auf Gott verlassen und nicht auf sich selber. Das hat auch mit dem Materiellen zu tun.

(Kurier) Erstellt am
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