Chronik | Oberösterreich
09.12.2018

„Innerkirchliche Erneuerung ist ins Stocken geraten“

Die ORF-Korrespondentin Mathilde Schwabeneder-Hain in Rom über die Mafia-Verhaftungen, die Probleme von Papst Franziskus und über Matteo Salvini, den neuen starken Mann in Italien.

Mathilde Schwabeneder-Hain (62) erhält am Montag, dem Tag der Menschenrechte, den mit 8000 Euro dotierten Menschenrechtspreis des Landes Oberösterreich. Die gebürtige Welserin ist seit 2007 ORF-Korrespondentin in Rom und hat drei Bücher verfasst. 2013 erschien ihr Porträt über PapstFranziskus“, 2014 „Die Stunde der Patinnen“ und 2015 „Auf der Flucht“, das sie gemeinsam mit Karim El-Gawhary verfasst hat.

Von 1992 bis 1995 hat Schwabeneder-Hain für Radio Vatikan gearbeitet, von 1995 bis 2007 beim ORF in Wien. 2013 erhielt sie den KURIER-Fernsehpreis Romy.

KURIER: Wann und wo haben Sie in Ihrer Arbeit erfahren, dass die Menschenrechte besonders gefährdet sind?

Mathilde Schwabeneder: Ich hatte im Laufe meiner Tätigkeit als Journalistin die Möglichkeit aus vielen verschiedenen Ländern zu berichten. Und in fast allen war es um die Menschenrechte sehr schlecht bestellt. Einschneidend waren für mich persönlich die Erfahrungen im Sudan, der damals noch nicht geteilt war. Aber auch in Ländern wie in der Demokratischen Republik Kongo, wo der Osten auch heute noch zu den gefährlichsten Gegenden der Welt zählt, und in Guatemala, um nur einige zu nennen. Auch in meinen wiederkehrenden Begegnungen mit Flüchtlingen konnte ich immer wieder feststellen, wie oft die Menschenrechte mit Füssen getreten werden.

Papst Franziskus stand zuletzt unter Beschuss, weil er zu Vorwürfen geschwiegen hat, die der ehemalige Nuntius in den USA gegen ihn erhoben hat. Dieser hatte behauptet, Franziskus sei über die Tragweite des sexuellen Missbrauchsskandal in den USA sehr wohl informiert gewesen. Franziskus habe sich weder dazu geäußert noch etwas unternommen. Ist diese Kritik berechtigt?

Die Aktion des ehemaligen Nuntius Carlo Maria Viganò war eine von langer Hand geplante. Und seine Anklage wurde bewusst während der Irlandreise des Papstes lanciert. Da geht es also um mehr als ein berechtigtes Aufzeigen. Es geht auch um innerkirchliche Ressentiments.

Trotzdem muss man feststellen: Franziskus hat Fehler gemacht. Ich war selbst bei seiner Reise in Chile dabei und konnte feststellen, dass der Papst das Ausmaß des Missbrauchsskandals im Land falsch eingeschätzt hat. Später hat er seine Aussagen korrigiert, einen Sonderermittler geschickt, Missbrauchsopfer zu sich nach Hause (Santa Marta) eingeladen. Aber man hat den Eindruck, dass Papst Franziskus, der diese Skandale „geerbt“ hat, die weltweite Problematik nicht immer ausreichend bekannt war.

Angesichts des riesigen Missbrauchsskandale in der gesamten römisch-katholischen Welt sprechen sich zum Beispiel der Münchner Erzbischof und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken für die Zulassung von Frauen zu den Weiheämtern aus. Hat diese Forderung eine Chance zur Verwirklichung?

Papst Franziskus hat vor zwei Jahren eine Prüf-Kommission für das Frauendiakonat ins Leben gerufen. Diese Zulassung wäre ein erster guter Schritt. Frauen als Priesterinnen sehe ich aber nicht am Horizont.

Die gesamte römisch-katholische Welt ist in einem Diskussions- und Änderungsprozess. Ist Papst Franziskus in der Lage diesen Prozess zu steuern oder ist er eher ein Getriebener?

Gerade vor wenigen Tagen hat Papst Franziskus bei einem Treffen mit Jugendlichen wieder erklärt, warum er den Namen Franziskus gewählt hat. Weil dieser für seine Hauptanliegen steht: Einsatz für die Armen und für den Frieden. Da ist Franziskus unermüdlich. Wie auch in seinen kontinuierlichen Appellen für einen menschenwürdigen Umgang mit Flüchtlingen. Eine Vorreiterrolle in Sachen Umwelt hat Franziskus auch dank seiner Enzyklika Laudato si. Darin hat er 2015 den Zusammenhang von ökologischen und sozialen Fragen thematisiert. Topaktuell, wenn man die UNO-Klimakonferenz in Katowice betrachtet. Franziskus hat also die großen Themen im Blick.

Der innerkirchliche Erneuerungsprozess ist hingegen ins Stocken geraten. Der Gegenwind ist immer stärker. Franziskus wurde ja sogar von hohen Würdenträgern der Häresie bezeichnet. Angesichts der vielen Baustellen, riskiert er daher, dass ihm die Zeit davon läuft.

Sie haben ein Buch über die Frauen in der Mafia verfasst. Wie ist die Lage der Mafia heute in Italien? Ist sie in der Defensive oder sind ihre Macht und ihr Einfluss ungebrochen?

Gerade in den vergangenen Tagen hat es einige spektakuläre Festnahmen gegeben. So wurde zum Beispiel in Palermo der neue Boss der Bosse der Cosa Nostra mit 45 Getreuen verhaftet. Das ist die gute Nachricht.

Die schlechte ist: Diese Razzia zeigt, dass sich die über die Jahre stark dezimierte sizilianische Mafia wieder neu organisiert hat. Gleichzeitig scheint das organisierte Verbrechen in Apulien im Aufwind und die kalabrische ’Ndrangheta ist ohnehin auf der halben Welt präsent.

Wir haben es also mit einem Problem zu tun, das alle angeht. Denn wo viel Geld im Umlauf ist, versuchen die Mafien Fuß zu fassen, um ihr schmutziges Geld reinzuwaschen. Und sie tun das mit großem Geschick und Erfolg: im Tourismus, im Wettbusiness, im Bauwesen usw. Die Liste könnte lange fortgesetzt werden. Die Mafien sind also eine gut getarnte, illegale Wirtschaftsmacht, die die legale Ökonomie erstickt.

Als ausländischer Beobachter gewinnt man den Eindruck, dass Innenminister Matteo Salvini von der Lega Nord die treibende Kraft in der römischen Regierung ist. Steht die Bevölkerung tatsächlich hinter ihm und ist er wirklich der starke Mann? Und warum?

Matteo Salvini spricht die Bauchgefühle vieler Menschen an. Er verkörpert die Sehnsucht nach dem starken Mann, poliert mit seinem Motto „Italien zuerst“ das durch die lange Krise angekränkelte Selbstbewusstsein vieler Italiener auf und er scheint die Ursache für alle Probleme gefunden zu haben: Flüchtlinge und Migranten. Dabei ist der Innenminister im permanenten Wahlkampfmodus. Und dank der sozialen Medien auch omnipräsent. Seinen Regierungspartner Luigi di Maio lässt er dadurch ziemlich alt aussehen. Die Umfragewerte scheinen dem Lega-Chef aber – zumindest bis jetzt – Recht zu geben.

Wie ist das Verhältnis der Italiener zur Europäischen Union? Wollen Sie im Euro-Raum bleiben oder austreten? Und wie will Italien seine Schulden zurückzahlen?

Italien ist ein Gründungsland der Europäischen Union. Dessen sind sich auch viele Italiener bewusst. Ein Austritt aus der Union oder aus dem Euro ist daher kein mehrheitsfähiges Thema. Das hat auch eine jüngste europaweite Untersuchung zur Akzeptanz der gemeinsamen Währung gezeigt. So gibt sich die Regierung zwar sehr EU-kritisch, spricht aber nicht von Austritt.

Was die Haushaltsschulden anbelangt, da ist das Regierungsrezept der Stunde: Wachstum. Wie das allerdings funktionieren soll, das ist derzeit Gegenstand des Italien-EU-Disputes rund um den Haushalt 2019.