Karin Nachbagauer

© Harald Dostal

Chronik Oberösterreich
07/03/2022

„In zehn bis 15 Jahren massive Krise an Technikern“

Wir leben von einer wissensbasierten Wirtschaft. Bildung und Ausbildung brauchen einen höheren Stellenwert, sagt die Mathematikerin Karin Nachbagauer.

von Josef Ertl

Karin Nachbagauer ist seit 2016 Professorin für Angewandte Mathematik an der Fachhochschule Wels. Die 37-Jährige ist auch Gastprofessorin für Angewandte Mathematik an der Technischen Universität München. Sie hat an der Johannes Kepler Universität Industriemathematik studiert. Das Doktorat hat sie am Institut für Technische Mechanik absolviert.

KURIER: Was fasziniert Sie an der Technik? Für viele sind Mathematik und Technik eine Belastung.

Karin Nachbagauer: Ich sehe in der Mathematik den Schlüssel für die Technik. Ich war immer schon von der Technik fasziniert. Die Mathematik ist mir leicht von der Hand gegangen. Das ging immer ohne Lernen.

Kinder sind beim Spielen von der Technik fasziniert, aber je höher es die Schulstufen raufgeht, umso stärker gilt Mathematik als Belastungsfach. Woran liegt es? Ist es ein Systemfehler?

Ja, das glaube ich. Die Meinung in der Bevölkerung über Mathematik ist eine abwertende. Viele haben sich in der Schule damit schwergetan. Damit haben manche Eltern die Einstellung, wenn sich das Kind in der Schule hier schwertut, dann verstehen sie das. Das ist in anderen Gegenständen nicht der Fall.

Wird hier falsch unterrichtet?

Ich will das Schulsystem nicht grundsätzlich kritisieren, aber ich meine, dass die Mathematik viel zu theoretisch unterrichtet wird. Man müsste viel mehr vor- und herzeigen, wofür man die Mathematik braucht. Zum Beispiel am Roboter. Was heißt das, wenn der Arm eines Roboters ein Gelenk hat? Wie schreibt man das mathematisch nieder? Das sind ganz einfache Gleichungen. In der Schule werden lediglich Gleichungen gelöst, die oft sinnlos sind.

Ich unterrichte an der Fachhochschule auch Bauingenieurwesen. Ein gemeinsames Projekt im Studiengang war die Verlegung von Kanalrohren in einem Firmengelände. Jeder Lektor war angehalten, sich einzubringen. Mein Zugang aus der Mathematik war die Frage, wie kann man die Kanalrohre verlegen, dass es am billigsten ist? Ein Optimierungsproblem. Andere haben sich mit der Frage der Zuleitungen beschäftigt. Ähnliche Projekte über die Fächergrenzen hinaus wären auch gut für die Schulen. Die Auf- und Vorbereitung für solche Projekte ist sehr aufwendig. Daran dürfte es oft scheitern.

Man sollte also für die Ausbildung der Lehrer und für die Vorbereitung praktischer fächerübergreifender Projekte mehr Geld zur Verfügung stellen?

Technisch interessierte Lehrer sollen erfahren, wo zum Beispiel die Inhalte der Mathematik Anwendung erfahren. Wenn sie selbst davon begeistert sind, können sie die Begeisterung weitergeben. Die Lehrer brauchen mehr Freiraum und Spielraum, damit sie vom klassischen Lehrplan ein bisschen abweichen können. Ich verstehe die Lehrer, dass sie es nicht tun, denn es ist zusätzliche Arbeit und zusätzlicher Zeitaufwand.

Man könnte also mit relativ wenig Geld noch relativ viel bewirken?

Ich glaube schon. Man muss den zusätzlichen Aufwand auch anerkennen. Wenn eine Lehrkraft etwas mit Begeisterung macht, wird das oft nicht anerkannt. Bei uns auf den Fachhochschulen nicht, auf den Universitäten nicht und auch nicht an den Schulen. Mitarbeiter, die sich aus Idealismus zusätzlich engagieren, sollten wertgeschätzt werden. Oft ist es gar nicht das Geld, das fehlt, sondern die Anerkennung.

Was erwarten Sie sich von der neuen Technischen Universität (TU) für Digitalisierung?

Oberösterreich und Linz sollten als Leuchtturm dastehen. Sie sollten sich als Forschungsstandort für Digitalisierung entwickeln. Es wird Jahre dauern, dass auf internationalen Konferenzen einmal gesagt werden wird, dass es eine vorzügliche Digitalisierungs-TU in Oberösterreich gibt. Ich weiß nicht, ob das die Verantwortlichen so hinbringen. Es ist immer schlecht, wenn so ein Projekt mit einer Streiterei beginnt.

Professor Gernot Kubin, Senatsvorsitzender der TU Graz, vertritt die Meinung, die Studenten müssen in einem Fach wirklich gut sein, damit sie dann auch die Generalisten sein können, wie das die Industrie erwartet.

Diese Meinung ist meiner ähnlich. Man muss sich in einem Gebiet wirklich gut auskennen, damit man die richtigen Schlüsse für Projekte und Projektabläufe ziehen kann. Aber noch viel mehr fehlen die Fachkräfte, die die einzelnen Projektschritte auch wirklich vollziehen können. Wir brauchen Menschen, die in den einzelnen Fächern sehr gut ausgebildet sind. Wie Spezialisten in Mechatronik, Maschinenbau, Automatisierung, Mathematiker, Physiker etc. Aber immer weniger wollen diese technischen Studien absolvieren. Das Technikinteresse wird immer geringer. In zehn bis 15 Jahren werden wir eine massive Krise haben. Es werden nicht die Generalisten fehlen, sondern die Spezialisten, die sich in ihren Bereichen wirklich gut auskennen.

Warum hat die Technisch-Naturwissenschaftliche Fakultät (TNF) der Johannes-Kepler-Universität nicht mehr Zulauf? Sie hat einen guten Ruf.

Ich habe dort studiert und war immer begeistert. Das liegt nicht an der TNF, sondern das ist ein europaweites Problem. Wir an der Fachhochschule haben auch das Problem, dass wir genügend Studenten für Technikstudien ansprechen.

Es gibt zu wenig Interesse.

Und die Angst vor dem großen Lern- und Zeitaufwand. Das schreckt viele ab. Ich bin Mitglied der Gesellschaft für Angewandte Mechanik und Angewandte Mathematik im deutschsprachigen Raum. Das Problem, Menschen für ein Technikstudium zu begeistern, haben auch die Unis in München, Erlangen, Stuttgart etc. Man muss an diesem Problem gesellschaftspolitisch arbeiten. Man muss viel früher in der Bildung ansetzen, damit sich die jungen Menschen nicht von der Technik verabschieden, sondern man ihnen die Begeisterung mitgibt. Die Kinder spielen gern mit Lego, bauen mit Matador-Steinen oder spielen Puzzle. Sie spielen gerne Memory. Sie haben einen Zug zum analytischen Denken. Irgendwann ist es damit vorbei.

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