Chronik | Oberösterreich
10.06.2018

Hinteregger Alm: Idylle bei Rundtour im Toten Gebirge

Bergwandern. Eine anspruchsvolle Rundtour im Toten Gebirge führt durch Blütenpracht und Gipfelreigen zum Nazogl, der als Aussichtsbalkon des Ennstals gilt.

Am Pyhrnpass, genau an der Landesgrenze zur Steiermark, beginnt eine idyllische Frühsommerwanderung für Insider. Ab Parkplatz Kalkofen führt der Wanderweg 286 in eineinhalb Stunden zur Hintereggeralm.

Die morgendliche Luft auf knapp 1000 Höhenmetern ist angenehm kühl. So geht es flott durch den von einem Bächlein begleiteten Lexgraben. Rasch werden die ausgedehnten Weideflächen der Hintereggeralm erreicht.

Wie im „Himmel“

Bezeichnenderweise heißt der erste Almabschnitt „Himmel“. Und das mit gutem Grund. Von hier blickt man auf glückliche Kühe vor hübschen Almhäuschen, die meisten mit Holzschindeln gedeckt.

Es eröffnet sich ein herrlicher Blick auf die beiden Hochangern-2000er-Gipfel Nazogl und Angerkogel. Aber auch auf den majestätisch über das Ennstal wachenden wuchtigen Grimming und den kleineren, aber aufgrund seiner Spitzkegelform beeindruckenden Hochtausing. Bei der Rast auf der Kinkhütte erzählt der Hüttenwirt Franz Oberegger Interessantes über die Alm: „24 Bauern besitzen die Anteile der Hinteregger Almgenossenschaft. Ihre Hütten liegen weit verstreut auf dem 200 Hektar großen Plateau. Alle Hütten sind bewirtschaftet, 100 Rindviecher verbringen hier den Sommer.“ Der erfahrene Almhirt erinnert an frühere Zeiten, als auch die Weidegründe der Hochlagen voll genutzt wurden: „Das Vieh wurde auf die rund 1900 Meter hoch gelegene Angern-Alm gebracht. Diese Hochalm war für das Vieh schwierig zu erreichen. Je weiter man mit den Tieren zum Hochplateau kam, desto größer wurden die von den wundgetretenen Füßen der Kühe stammenden Blutflecken auf den scharfkantigen Gesteinsplatten.“ Diese Zeiten sind vorbei. Die Rinder bleiben hier auf der Niederalm.

Blütenreich

Jetzt heißt es sich zu entscheiden: Entweder in einer Gehstunde wieder gemütlich zurück zum Pyhrnpass oder weiter auf einer sportlichen Rundtour über das Hochangern-Plateau. Uns zieht es hinauf auf die Hochalm. Der Rundweg erfordert zwar eine Gehzeit von sechs Stunden, wird aber von Kennern als besonderer Geheimtipp gepriesen. Gutes Schuhwerk, ausreichend Wasser und stabiles Wetter sind dazu notwendig. So geleitet uns der Wanderweg 217 zuerst auf den Gipfel des 2057 Meter hohen Nazogl. Wer weiß, wie der Berg zu diesem Namen kam. Vielleicht hat sich einmal ein „Ig-naz“ auf diesen „Kogel“ verirrt und ihm seinen Namen beschert. Über viele Serpentinen gelangen wir immer näher zu den Felsabbrüchen des Berges. Langsam werden die Bäume rarer und die Heimat der Latschen beginnt. Die Blumenpracht ist den ganzen Aufstieg entlang überwältigend. Auf den 800 Höhenmetern begleiten uns zuerst Orchideen und Trollblumen, dann Alpenveilchen, Maiglöckchen, Enzian und das knallgelbe primelartige Petergstamm.

Auf dem Plateau angekommen, begrüßen unzählige Anemonen die Wanderer. Sie blitzen wie weiße Sterne auf dem golfplatzartigen Almboden. Daher wohl auch der Name „Angern“ für das Bergmassiv. Der Ausblick ist traumhaft, sowohl ins Tal als auch in die Berge ringsum. Der Nazogl gilt als der Aussichtsbalkon des Ennstals: Im Norden das Warscheneckmassiv und der langgezogene Hochmölbinggrat, im Osten Haller Mauern und Gesäuse-Berge und im Westen hinter dem schon vertrauten Grimming das Dachsteinmassiv. Einige outdoorerprobte Burschen aus Tschechien machen ein Gipfelfoto. Sie haben die letzte Nacht auf diesem Plateau nahe den Göttern genächtigt. Dann geht es, den vorzüglich angebrachten Markierungen folgend, auf lichter Höhe weiter zum Angerkogel. In wenigen Minuten kann er bestiegen werden. Dann aber führt die Route nordwärts und wir erreichen bald die mittlerweile verfallenen Gebäudereste der Angeralm. Wieder sind einige Minuten Rast angebracht.

4 slides, created on 08/Jun/2018 - 14:26:15

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Nazogl

Wandern im Märchenwald

Nazogl

Blütenpracht am Nazogl mit Blick auf Grimming und Hochtausing

Angern-Plateau

Blütenpracht am Angern-Plateau

Kalkfels

Bizarre Kalkfels-Formationen

Märchenhafte Natur

Rund um die verwitterten Holzbalken der früheren Almhütte hat sich auf 1900 Metern eine alpine Blütenpracht entwickelt.

Der Wegweiser zeigt Richtung Aiplhütte, vorerst über gemütliche Pfade. Was jetzt folgt, wäre in den USA schon längst in den Rang eines Disney Parks erhoben worden. Der Weg windet sich zwischen Kalksteinblöcken und geradezu antiken Lärchen- und Zirbenbäumen. Sie säumen den Weg wie verzauberte Riesen und Zwerge. Die Erinnerung an alte Märchen kommt hoch. Rübezahl könnte jederzeit auftauchen. Kein Künstler könnte die Vielfalt dieser Komposition überbieten. Staunen und Dankbarkeit überkommt den Wanderer bei diesem Anblick.

Aber es wartet noch ein besonderer Höhepunkt: Unzählige bizarre Felsformationen werden sichtbar. Wie in einem geologischen Lehrpfad hat sich das Kalkgestein in eine Vielfalt von Windungen, plastischen Strukturen und Abbrüchen verformt. Ein Kunstwerk der Natur, das in dieser Form einmalig ist. Über Millionen von Jahren hat die Natur dieses Meisterwerk geschaffen. Man fühlt geradezu das Tote Gebirge. Kurioserweise nennen die Einheimischen diesen Landstrich „bei der Rebhenn“. Von einem solchen Tier ist jedoch nichts zu sehen. Nur eine schwarze Kreuzotter huscht in eine Felsspalte.

Der Abschied von diesem Naturwunder fällt nicht leicht. Nun verläuft der Weg ostwärts durch ein kleines Tal bis zur einsamen Aiplhütte, die im Schutz eines mächtigen Steinwalls ruht. Ab hier geht’s wieder Richtung Süden auf einem Waldpfad bis zu einer Holzbank mit schöner Aussicht. War es bis hier vom Gipfel abwärts gemütlich, folgt nun der steile Abstieg durch den Wald. Über enge Serpentinen gelangen wir wieder zur Hintereggeralm.

Eine gemütliche Rast vor der Kinkhütte beendet die spannende Rundtour. Der Suppentopf und der Ennstaler Steirerkas schmecken vorzüglich.