Der 33-jährige Theologe Stefan Kaineder gilt als Zukunftshoffnung der Grünen

© Harald Dostal

Chronik Oberösterreich
09/23/2018

„Heute vertreten die Grünen die christlichen Werte“

Stefan Kaineder. Der Theologe und Abgeordnete kommt aus einem schwarzen Haus, entschied sich aber wegen seiner christlichen Einstellung für die Grünen. ÖVP und FPÖ wirft er vor, die Gesellschaft in verschiedene Gruppen zu spalten.

von Josef Ertl

Stefan Kaineder ist Landtagsabgeordneter der Grünen und wohnt in Dietach bei Steyr. Der 33-Jährige ist verheiratet und Vater dreier Kinder. Er gehört zur jungen Generation, die die Grünen auf neue Beine stellen sollen.

KURIER: Auf Ihrer Homepage geben Sie an, ein leidenschaftlicher Sänger zu sein. Was singen Sie?

Stefan Kaineder: Ich habe lange Jahre Rock’n Roll gesungen. Zuerst viele Jahre in einer fünfköpfigen Band und zuletzt in der Beisl-Band „Schwech & Ater“. Unser Stammbeisl war das Chelsea in der Linzer Altstadt. Jetzt singe ich viel klassische Musik.

Die Homepage eröffnet dem Leser auch, dass Sie Schauspieler sind. Wo spielen Sie?

Jetzt gar nicht mehr.

Auf der Landtagsbühne?

Sie unterscheidet sich gravierend. Man hat keinen vorgefertigten Text. Es geht um kein Drama, sondern es wird das reale Leben besprochen. Das ist ein riesiger Unterschied.

Sie sind Theologe. Früher galten die Führungsleute in der römisch-katholischen Kirche als Schwarze. Jetzt, so behaupten zumindest die ÖVPler und die FPÖler, seien die kirchlichen Angestellten Grüne. Sie passen als Theologe und Grüner Politiker genau in dieses behauptete Schema.

Ich bin auch schon gefragt worden, warum ich nicht bei der ÖVP bin, weil ich Theologe bin.

Die Theologen sind heute eher Grün als Schwarz.

Das hat weniger mit den Theologen zu tun als mit der ÖVP. Ich bin auf einem kleinen Bauernhof im mühlviertlerischen Kirchschlag aufgewachsen und mein Opa war 23 Jahre lang ÖVP-Bürgermeister. Am Küchentisch ist immer politisiert worden. Die Werte der christlichen Soziallehre haben eine große Rolle gespielt, auch für meinen Opa.

Als ich politisch aktiv werden wollte, habe ich mir angesehen, wo diese Werte am ehesten vertreten werden. Das ist nicht mehr die ÖVP, sondern das sind die Grünen. Deshalb gibt es relativ viele Menschen innerhalb der katholischen Kirche und Menschen mit christlichem Glauben, die sagen, es geht nicht an, dass man eine Gesellschaft nach der Hautfarbe, Religionszugehörigkeit etc. unterscheidet. Das machen ÖVP und FPÖ gerade auf Bundesebene. Sie unterteilen die Gesellschaft in verschiedene Gruppen. Haben sie Deutsch als Muttersprache oder nicht? Sind sie muslimischen oder katholischen Glaubens? Das geht sich aber weder mit der Bundesverfassung noch mit der katholischen Soziallehre aus. Wir Grüne haben eine Trennlinie, die zwischen den anständigen und den unanständigen Menschen unterscheidet.

Das heißt, Sie sind als Grüner auf der Seite der anständigen Menschen und die Schwarzen sind auf der Seite der Unständigen.

Nein, gar nicht. Die Schwarzen und die Blauen unterscheiden zwischen denen, die Deutsch als Muttersprache haben, und zwischen denen, die einen muslimischen Glauben und jenen, die einen anderen Glauben haben. Es ist hochgradig unanständig, im Burschenschafterkeller Nazi-Lieder zu singen. Es ist auch unanständig, wenn Männer aufgrund ihres Glaubens meinen, dass Frauen nichts zu sagen haben.

Wer glaubt das?

Es gibt Leute, die aufgrund ihres Glaubens sagen, junge Frauen sollen keine Berufsausbildung machen.

Wenn man sich die Glaubenszugehörigkeit der Grünen Funktionäre ansieht, ist der Konnex zum christlichen Glauben nicht automatisch gegeben.

Nein, das wäre für eine politische Partei relativ ungeeignet. Es steht mir nicht an zu sagen, ob jemand, der christlichen Glaubens ist, schwarz oder grün wählen soll. Mein christliches Glaubensverständnis fußt auf Werten. Wenn ich mir eine Partei suchen muss, die diesen Werten entspricht, sind das eher die Grünen als die Schwarzen.

Den Grünen und wesentlichen Teilen der katholischen und evangelischen Kirche wird die Position zugeschrieben, alle Flüchtlinge aufnehmen wollen. Welche Position vertreten Sie persönlich in dieser Frage?

Die FPÖ unterstellt der Caritas die Position, dass diese schaut, dass alle ins Land hereinkommen. Das stimmt so nicht. Die Caritas sagt lediglich, wenn Hilfe gebraucht wird, haben wir zu helfen. Bei der Caritas entspringt das einem christlichen Selbstverständnis. Wir Grünen verfolgen diesen Grundsatz aufgrund unserer Bundesverfassung und aufgrund unserer Geschichte als österreichische Nation. Wir haben grundsätzlich den Auftrag zu helfen, wenn jemand Hilfe braucht. Jetzt wird das instrumentalisiert zur Frage, wie viele können kommen, wie viele sollen kommen.

Die Grünen haben überhaupt keine Freude mit Flüchtlingen. Ich hätte gern, dass es überhaupt keinen einzigen gibt.

Dass es allen Menschen so gut geht, dass sie zu Hause bleiben können.

Genau. So ist die Realität momentan nicht. Die Frage ist, was passiert mit jenen, die kein Zuhause mehr haben. Wir müssen zuerst dort ansetzen, wo Wirtschaftsbeziehungen Lebensgrundlagen kaputt machen. Guinea-Bissau hat beispielsweise mit der EU vor eineinhalb Jahren ein Abkommen über Fischereirechte abgeschlossen. Die EU zahlt einen einstelligen Millionenbetrag, dass die europäischen Fangflotten vor ihrer Küste fischen dürfen.

Ist das unmoralisch?

Das ist insofern unmoralisch, als es Lebensgrundlagen zerstört. Dann wundern wir uns, dass die dortigen Fischer wegzuziehen beginnen, weil sie keine Lebensgrundlage mehr haben.

Guinea-Bissau könnte sagen, wir verkaufen die Fischereirechte nicht, wir benötigen sie für die eigenen Fischer.

Es geht nicht nur um Guinea-Bissau, sondern das Problem ist, dass mit diesem Abkommen die Lebensgrundlagen aller Fischer an der westafrikanischen Küste zerstört werden. Das ist unmoralisch. Das sind Fluchtursachen. Wir brauchen fairen Handel, nicht freien Handel. Es braucht Handelsbeziehungen auf Augenhöhe. Die ÖVP und di e FPÖ sind überhaupt nicht bereit, hier aufzuwachen. Sie sagen lediglich, die Leute sollen zu Hause bleiben.

Alle, die nach Österreich wollen, sagen zwar Asyl, sind aber zu einem großen Teil Wirtschaftsmigranten, die ihre Lebenssituation verbessern wollen. Was verständlich ist. Nur ist das kein Asylgrund.

Definieren Sie mir den Wirtschaftsmigranten.

Er will sich seine Lebensverhältnisse verbessern. Am besten in Europa.

Das sind die Menschen, von denen ich gesprochen habe. Den Fischern dort fehlt die Lebensgrundlage. Sie werden bei uns als Wirtschaftsmigranten geführt, weil wir ihnen die Lebensgrundlage zerstören.

Ist die EU tatsächlich an an allem schuld? Es gibt in Afrika viele diktatorische Regierungen, die die eigenen Leute ausbeuten, das Geld in die eigenen Taschen wirtschaften etc.

Wir machen mit diesen Leuten solche Geschäfte, dass Millionen Menschen die Lebensgrundlagen entzogen werden. Warum machen wir Geschäfte mit einer korrupten Regierung? Warum machen wir freien und nicht fairen Handel?

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.

Kommentare