Helmut Sohmen

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Interview
03/30/2013

„Die asiatischen Investoren sind eine Chance“

Der Reeder aus Hongkong plädiert für die Zusammenarbeit von Asien und Europa. Man sollte die Chinesen auch Konzerne wie Siemens kaufen lassen.

von Josef Ertl

Der KURIER traf den gebürtigen Linzer und nunmehr 73-jährigen Reeder Helmut Sohmen im Mandarin Oriental Hotel im Herzen Hongkongs zum Interview.

KURIER: In China gibt es eine neue Führung. Gleichzeitig hat ein wirtschaftlicher Aufschwung eingesetzt.
Helmut Sohmen: Die zwei Dinge kommen zufällig zusammen. Es gibt eine neue Führung, die wahrscheinlich die nächsten zehn Jahre im Amt bleiben wird. Die Wirtschaft hat sich scheinbar wieder erholt. Wirtschaftlich ging es nie schlecht, die europäische Krise hat sich hier nicht so ausgewirkt. Es kam zu einer Abnahme des wirtschaftlichen Aufschwungs, das Wachstum hat sich von elf Prozent auf 7,8 Prozent abgeschwächt. Im Großen und Ganzen geht es China wirtschaftlich nicht schlecht.

Wie wirkt sich das auf Hongkong aus?
Hongkong hängt sehr von der chinesischen Entwicklung ab. Unter anderem durch den Tourismus von Festland-Chinesen, die Hongkong besuchen. Das beflügelt den Handel und die Luftlinien. Viele Firmen gehen in Hongkong an die Börse, denn sie haben hier Zutritt zu den internationalen Geldern. Hongkong wird der Börse von Schanghai vorgezogen.

Die Hongkonger Börse war bei den Neuemissionen im vergangenen Jahr weltweit die stärkste Börse, stärker als New York.
Das stimmt. Der Finanzplatz ist ein sehr wichtiger. Aber die Transporte über Hongkong zu verschiffen ist nicht mehr so günstig wie früher. Der Hongkonger Hafen nimmt an Wichtigkeit etwas ab.

Sie kennen Asien, Sie kennen Amerika. Wie sehen Sie die Lage in Europa?
Sie ist immer noch schwierig. Die Lösungen fehlen. Es muss an der Stärkung der Institutionen und des Bankensystems, der Bankenaufsicht gearbeitet werden. Die Arbeitslosigkeit hat stark zugenommen, sehr viele Banken stehen auf schwachen Füßen. Alle Lösungen waren bisher kurzfristige, keine strukturellen. Ich sehe noch viele Probleme und viele Zwistigkeiten unter den einzelnen Ländern. Die Briten überlegen, aus der EU auszusteigen. Das ist ein Rückschritt, weil sie in das europäische Wirtschaftssystem eingebunden ist. Das ist symptomatisch, denn in Europa haben die nationalen Strömungen zugenommen.
Es geht um Fragen der gemeinsamen Finanzaufsicht, um eine gemeinsame Außen- und eine gemeinsame Verteidigungspolitik. Hier ging in den letzten Jahren nicht wirklich etwas weiter. Die Struktur muss gestärkt werden, um den Traum der europäischen Einheit langfristig wirklich Realität werden zu lassen.
Die Finanzkrise muss gelöst werden. Die Amerikaner machen es sich selbst sehr schwierig. Das ist eine rein politische Streiterei zwischen den Demokraten und den Republikanern. Die Dinge sind lösbar. Ich habe da weniger Angst, dass man mit einer Krise rechnen muss. Der steigende Absatzmarkt in Asien und Lateinamerika ist ein Faktor, der sich positiv auswirkt.

Die europäischen Länder haben Probleme mit der Staatsverschuldung.
Das betrifft praktisch alle. Das ist ein Problem, das man sowohl gemeinsam als auch individuell lösen muss. Es braucht sehr viel Disziplin, die Staatsverschuldung zurückzudrehen. Die Politiker reden nicht gern von Disziplin. Man seht doch, dass in den vergangenen zehn bis 20 Jahren die Verteilungspolitik zu generös war. Die Leute dazu zu bekommen sich einzuschränken, ist sehr schwierig. Wenn die Leute einmal „Farbferngesehen“ haben, ist es schwierig zu Schwarz-Weiß zurückzukehren.

Die Europäer leben über ihren ihren Verhältnisse?
Ja, die Amerikaner auch.

In Asien herrscht vielfach die Meinung vor, dass in Europa die Gewerkschaften zu stark und die Sozialleistungen zu hoch sind. Das schreckt asiatische Investoren ab.
Die Verhältnisse in Europa sind eine Tatsache. Daran muss man sich orientieren. Jeder, der investiert, muss Marktstudien betreiben und diese Faktoren mitüberlegen. Dennoch investieren viele Nichteuropäer noch in Europa. Einen Markt mit 450 Millionen Menschen kann man nicht ganz vernachlässigen. Jene Unternehmen, die sich nicht trauen, über den eigenen Markt hinaus in Übersee zu reüssieren , bleiben klein. Viele Unternehmen, vor allem die Amerikaner, denken global und passen sich an die Vorgaben an. Man kann nicht sagen, dass Europa uninteressant ist.

Wo liegt der Hauptunterschied zwischen Asien und Europa?
Die Asiaten haben mehr Arbeitsdisziplin. Den Europäern ist schon viele Jahre zu gut gegangen. Man hat sich an das leichtere Leben gewöhnt. Die Wohlfahrtsstandards führen dazu, dass die Menschen diese als gegeben ansehen. Sie vergessen, dass die Konkurrenz in anderen Ländern stark ist. Die Asiaten wollen auch eine schöne Existenz führen. Jeder sieht das Lebensniveau in Europa und will dahin gelangen.

Besteht die Gefahr, dass Europa zu einem Disneyland für die Touristen aus Asien wird?
Das glaube ich nicht. Das ist lediglich eine Schlagzeile. Es gibt immer noch sehr tüchtige Leute in Europa, die sehr hart arbeiten.

Die Europäer sollten härter arbeiten?
Die Europäer müssen verstehen, dass die Regierungen nicht mehr ausgeben können, wenn die Steuereinnahmen geringer werden. Das Wohlfahrtssystem ist darauf abgestellt, dass es ständiges Wachstum und steigende Steuereinnahmen gibt, die man verteilen kann. Die Europäer müssen daran arbeiten, ihre Modelle an die Gegebenheiten anzupassen.

Wie sehen die Asiaten Europa?
Manche Asiaten glauben weiterhin, dass es in Europa gute Chancen gibt. Chinesische Firmen zeigen mehr und mehr Interesse, in europäische Firmen zu investieren. Das heißt, dass man es nicht als völlige Verlustzone betrachtet, sondern man versucht mit neuen unternehmerischen Vorsätzen ein Modell zu finden, das die Europäer selbst nicht sehen.

Das ist für die Europäer eine harte Erfahrung.
Ich habe schon vor ein paar Jahren die Frage gestellt, was passieren wird, wenn die Chinesen kommen und sagen, Frau Merkel, wir möchten Siemens übernehmen? Oder wenn sie in Frankreich jene Firmen kaufen, die die Atomkraftwerke herstellen. Was werden die politischen Führungen sagen?

Was würde passieren?
Man versucht durch die Gesetzgebung diese Möglichkeiten zu kontrollieren. Aber es ist schwierig, sich völlig abzusichern. Das ist wahrscheinlich auch falsch. Man sollte China einbinden. Man sieht immer nur das Negative, die riesige Bevölkerung, die politische und militärische Macht. Man sollte aber die Vorteile sehen, die neuen Investoren und die neuen Märkte. Je stärker die Verflechtungen sind, umso geringer ist die Gefahr kriegerischer Auseinandersetzungen. Man sollte die Chinesen diese Ressourcen einkaufen lassen, wenn sie das Geld haben. Ich sehe diesen Prozess positiv. Man sollte ihn nicht blockieren. Das wäre der alte Protektionismus. Man darf nicht vergessen, dass es zwischen dem Abendland und dem Morgenland die Belastung des Kolonialismus gibt. Manche Europäer sehen im Unterbewusstsein Asien noch immer als Kolonialregion. Man ist dann erstaunt, wenn sich die Asiaten auch unternehmerisch sehr kräftig betätigen und bei der Kaufkraft mit dem Abendland gleichziehen. Das ist keine bewusste Politik, spielt aber im Unterbewusstsein der Europäer noch immer mit. Es wird noch ein paar Jahrzehnte dauern, dass sich das löst.

Wie geht es Ihnen persönlich?
Es geht mir nicht schlecht, aber man wird älter. Ich muss daran denken, das Geschäft an die nächste Generation zu übertragen. Ich arbeite nach wie vor jeden Tag von 8.15 Uhr bis sechs Uhr abends.

Ihr Sohn ist auch schon im Geschäft?
Er hat die operationelle Verantwortung für das tagtägliche Geschäft. Mein Schwiegersohn leitet seine eigene Flotte. Er transportiert Eisenerz von Brasilien nach China.

Wie lange wollen Sie noch tätig sein? Bis 75 oder 80?
Bis 80 auf keinen Fall. Vielleicht noch ein, zwei Jahre. Man soll nicht zu lange warten.

Wie viel Urlaub machen Sie?
Relativ wenig. Zehn bis 14 Tage im Jahr. Meist hänge ich bei Geschäftsreisen ein paar Ferientage an.

Sie waren früher ein halbes Jahr weltweit unterwegs.
Mehr als ein halbes Jahr. Die Reisen habe ich jetzt auch reduziert. Weniger Interviews, weniger Vorträge, weniger Teilnahme an nicht essenziellen Dingen. Man muss das Alter leben. Man soll das machen, was man noch gut machen kann.

Ihr Hobby?
Immer noch wandern. Obwohl es auch immer langsamer geht. Hier in Hongkong kann man sehr gut wandern.

Der „Bill Gates“ der Schifffahrt

Am 25. Oktober erschien in der Financial Times ein Bericht über Helmut Sohmen, in dem er als „Bill Gates“ der Schiffahrt bezeichnet wird. Er ist 1939 in Linz geboren und hat hier die Bundesrealschule absolviert. Im Zuge seines USA-Studiums lernte er Anna Pao kennen, die älteste Tochter von Sir Yue Kong Pao, einem Reeder in Hongkong und einer der reichsten Männer Asiens. Mit 125 Schiffen ist die seit 1986 von Sohmen geführte World Wide Shipping Group die größte sich in privaten Händen befindliche Reederei der Welt, die im internationalen Öl- und Gasgeschäft agiert.

1991 gründete er die Sohmen-Fernost-Stiftung, die Studenten das Kennenlernen von Asien ermöglicht.

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