© Sabine Oberzaucher

Chronik Oberösterreich
06/07/2021

"Helfen belohnt und schenkt Glücksgefühle"

Jede/r zweite Oberösterreicher ist ehrenamtlich engagiert. Die Wiener Verhaltensbiologin Elisabeth Oberzaucher erläutert, welche Vorteile ein derartiges Engagement bringt.

Landeshauptmann Thomas Stelzer lud vergangene Woche zu einem Expertenaustausch zur Frage, wie man in Oberösterreich das Freiwilligenwesen und den sozialen Zusammenhalt stärken kann. „Die Vereine und Freiwilligen leisten einen unschätzbaren Beitrag zum öffentlichen Leben und zum Kulturwesen. Es ist hoch erfreulich, dass mit den Öffnungen nun auch das Vereinsleben wieder möglich ist und für Zuversicht im Land sorgt“, so Thomas Stelzer. Der Expertenrunde gehörte auch die Verhaltensbiologin Elisabeth Oberzaucher von der Universität Wien an.

KURIER: Ist Ehrenamt/Freiwilligenarbeit eine reine Komponente des Menschen oder findet man Ähnliches auch in der Tierwelt bzw. Pflanzenwelt?

Elisabeth Oberzaucher: Es handelt sich beim Ehrenamt ja um eine Form der Kooperation, und das finden wir weit verbreitet bei Tieren, die in Gruppen leben. Da es sich hier um ein komplexes Miteinander handelt, haben sich auch im Laufe der Evolution Mechanismen entwickelt, die dafür sorgen, dass solche Helfersysteme auch langfristig stabil existieren können. Je komplexer die sozialen Gruppen, desto größer sind die Anforderungen an die Regelsysteme, die sicherstellen, dass es zu keinem Ausnutzen der “Gutmütigkeit” kommt.

Gibt es wissenschaftliche Erkenntnisse über das Entstehen des Wunsches nach Freiwilligenarbeit bzw. über die Effekte dieses Engagements auf den Menschen?

Das Ehrenamt ist eine Art formalisiertes Helfen. Und Helfen ist aus unterschiedlichen Gründen belohnend für uns: Es gibt psychologische Effekte, also etwas Gutes zu tun löst ein Glücksgefühl aus. Aber auch soziale Aspekte spielen dabei eine Rolle: Indem ich mich für andere engagiere, kann ich meine Reputation verbessern, und mache mich dadurch zu einer potentiell interessanten Partnerin für andere. Und nicht zuletzt kann dadurch die Wahrscheinlichkeit erhöht werden, dass auch mir geholfen wird, wenn ich es einmal brauchen sollte.

Empathie und Freiwilligkeit gelten als hohe oder höchste Entwicklungsstufen des Menschen. Was kann/wird die nächste Stufe sein?

Da trauen wir den Tieren zu wenig zu. Auch Empathie und Helfen ist bei vielen Tieren eine Grundvoraussetzung dafür, dass sie überhaupt erfolgreich in Gruppen zusammenleben können. Das, worin wir uns von anderen Tieren am ehesten unterscheiden, ist der hohe Formalisierungsgrad: Wir haben Vereine, Regelwerke, Gesetze, etc. die deshalb notwendig sind, weil wir in sehr komplexen sozialen Systemen leben. Letztlich sind wir ja global vernetzt, und da Fairness zu leben, überfordert unser Bauchgefühl. Deshalb müssen wir unsere kulturellen Errungenschaften und politischen Systeme dafür einsetzen, dass wir auch über den Tellerrand hinaus fair und gut agieren, um eine globale Gerechtigkeit zu erlangen. Da ist noch viel zu tun.

Sind Sie auch persönlich in einem Ehrenamt tätig? Welches Ehrenamt würde Sie ganz besonders reizen?

Ich versuche, das gesellschaftlich einzusetzen, wo ich meine besondere Stärke habe, nämlich wissenschaftliche Kompetenz und die Kommunikation wissenschaftlicher Erkenntnisse. Dies bringe ich auf unterschiedlichen Wegen in die Gesellschaft ein, ob in wissenschaftlichen Organisationen, mit Vorträgen, Workshops, etc. Interessieren würde mich viel mehr, als in einem (oder sogar mehreren) Menschenleben Platz hat, mit dem Fokus auf meine Kernkompetenzen kann ich aber den gesellschaftlichen Nutzen meiner Tätigkeit maximieren.

Wo sehen Sie als Verhaltensbiologin gänzlich neue Bedarfsfelder an ehrenamtlicher Tätigkeit entstehen? Ist der Kampf gegen Einsamkeit so ein Feld?

Die Notwendigkeit für neue ehrenamtliche Tätigkeiten entsteht aus gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen: Wenn die formalisierten Strukturen, und insbesondere die Politik darin versagen, benötigte Hilfe anzubieten, kann das Ehrenamt oft schnell und unbürokratisch das schlimmste Leid abfangen, wie beispielsweise 2015 in Form von ehrenamtlicher Unterstützung der Geflüchteten. Das heißt aber nicht, dass politische Institutionen sich auf den Schultern des Ehrenamtes ausruhen dürfen. Vielmehr ist die Notwendigkeit für ehrenamtliches Einschreiten ein Auftrag an die Politik, Rahmenbedingungen zu schaffen, die diese Notsituationen vorab abfangen.

 

 

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