Axel Greiner, Präsident der Industriellenvereinigung

© honorarfrei/IV

Chronik Oberösterreich
04/22/2020

"Finanzpolitische Lage höchst prekär und gefährlich"

Absturz der oberösterreichischen Industriekonjunktur. Mit Fortdauer der Corona-Krise mehren sich die Anzeichen, dass die Kur schlimmer als die Krankheit ist.

von Josef Ertl

Die durch die Corona-Pandemie ausgelöste Wirtschaftskrise werde vermutlich die schlimmste sein, die wir in den vergangenen 100 Jahren erlebt haben, sagte Axel Greiner, Präsident der Industriellenvereinigung Oberösterreich (IV OÖ),  bei der ersten digitalen Industrie-im-Dialog-Veranstaltung „Schritte aus der Krise“ am Montag. Seine Aussage basiert unter anderem auf einer aktuellen Auswertung der Konjunkturumfrage der IV OÖ über das 1. Quartal 2020. Sämtliche Werte, die im 4. Quartal 2019 noch im Positivbereich oder nur knapp unter der Nulllinie lagen, fielen tief ins Minus. Besonders bei der Geschäftslage in sechs Monaten und der Ertragssituation in sechs Monaten gingen die Salden aus Positiv- und Negativmeldungen auf minus 68 bzw. minus 66 Prozentpunkte zurück.

Gesellschaftliche und politische Folgen

Die Wirtschaftskrise werde gesellschaftliche und politische Folgen haben, sagte Greiner. Auch wenn die wahren Ausmaße noch nicht absehbar seien, so sei doch eines sicher: "Alte Sozialismus-Rezepte wie z.B. neuen Steuerideen, Verstaatlichungen oder einem bedingungslosen Grundeinkommen führen nur noch tiefer in die Krise. Stattdessen braucht es Innovationen und die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Wir müssen uns aus der Krise ‚herausinvestieren‘ und benötigen dafür einen raschen Wiedereinstieg.“

 

W-förmige Erholung?

Teodoro Cocca, Wirtschafts- und Finanzwissenschafter der Linzer Johannes Kepler Universität, wies auf die weltweiten Ansteckungskurven hin. In praktisch jedem Land seien nach 25 bis 30 Tagen die Ansteckungsraten wieder deutlich abgefallen, der weitere Rückgang der Infektionszahlen erstrecke sich über eine Periode von ungefähr zwei Monaten. „Das ist deshalb interessant, weil damit der Zyklus deutlich kürzer ist, als die Virologen Anfang März noch prognostiziert haben“, so Cocca. Die Reaktion der Börsen könne als Aggregat der Meinungen vieler Presseinformation der Marktteilnehmer herangezogen werden.

Börse-Tiefpunkt im März

Bei den meisten Aktienindizes wurde der Tiefpunkt etwa Mitte März erreicht, seither gebe es einen Rebound, der bis heute anhält. Deshalb auf eine V-förmige Kurve der Börsen und der Weltwirtschaft zu hoffen, sei dennoch zu optimistisch. „Ich erwarte eher einen U-förmigen Verlauf, bei dem die Erholung deutlich länger dauert. Für eine V-förmige Kurve sind die wirtschaftlichen Verwerfungen und die Tiefe der aktuellen Rezession zu weitgehend.“ Laut Cocca könnte es auch zu einer W-förmigen Entwicklung und so manchen negativen Überraschungen kommen.

Gegen Steuererhöhungen

Auch aus finanzwirtschaftlicher Sicht sei die Situation derzeit alles andere als beruhigend. Zahlreiche Staaten hätten sich schon vor Ausbruch der Corona-Krise in einer heiklen finanziellen Phase befunden und die Notenbanken, die in bisherigen Krisenzeiten immer für Liquidität gesorgt haben, könnten nun an einen Punkt kommen, zu dem sie nicht mehr erholend eingreifen können. „Der schwächste Dominostein ist und bleibt natürlich Italien – die finanzpolitische Lage ist höchst prekär und gefährlich.“ Es brauche eine europäische Strategie, um den gestiegenen Schuldenberg abzubauen, und ein positives Signal an die internationalen Finanzmärkte. „Wenn die Investoren das Vertrauen in den Euro verlieren, haben wir eine Krise, die weit über die jetzige hinausgeht. So weit sollten wir es niemals kommen lassen“, betonte Cocca. „Eines ist jedenfalls klar: Wenn in Zeiten der Rezession Steuererhöhungen in den Raum gestellt werden, führt das zu einer Depression, die sich vielleicht sogar über das Jahrzehnt hinaus erstreckt.“
 

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