„Es wird viel zu wenig gesungen“

Josef Habringer ist Domkapellmeister und Leiter des Domchores
„Singt wieder mehr in den Familien!“, sagt der scheidende Domkapellmeister Josef Habringer. „Singen ist eine menschliche Uräußerung, die befreit.“

Josef Habringer geht nach 16 Jahren als Domkapellmeister im Herbst in den Ruhestand. Er wurde 1952 in Desselbrunn (Bez. Vöcklabruck) geboren und absolvierte das Kollegium Petrinum in Linz. Anschließend studierte er Theologie in Linz und Salzburg. 1978 hat er in der Katholischen Hochschulgemeinde als Pastoralassistent begonnen. Zu seinen Aufgaben gehörte es, einen Chor aufzubauen. Seine musikalische Ausbildung erstreckte sich vom Mozarteum Salzburg über das Brucknerkonservatorium in Linz bis zur Musikhochschule in Wien.

„Wir haben in der Familie sehr viel gesungen, auch mehrstimmig“, erzählt Habringer. „Mein Vater war Amtsleiter und Mitglied der Blasmusikkapelle und des Kirchenchors. Das war schon sehr prägend.“

KURIER: Im August gestalten Sie Ihren letzten Gottesdienst im Dom. Wie geht es Ihnen bei diesem Gedanken?

Josef Habringer: Ich habe die Dommusik mit Herzblut betreut. Ich hatte sehr viele Möglichkeiten. Vor allem die Gestaltung des 10-Uhr-Gottesdienstes an Sonn- und Feiertagen.

Wenn die anderen frei haben, haben Sie Ihre Hauptarbeitszeit.

Ja. Aber wenn man sich darauf einstellt, ist es halt so. Mir hat das wirklich Freude gemacht. Ich habe an die 1.000 Gottesdienste gestaltet. Von der Gregorianik bis herauf zu zeitgenössischer Musik. An den Feiertagen kann man mit dem Orchester arbeiten. Da sind es vor allem die Komponisten der Wiener Klassik wie Mozart, Hayden, Schubert, Bruckner. Und darüber hinaus andere Komponisten wie Kronsteiner, Sulzer, Reinthaler, Hochedlinger, Schacherl.

Neben der Wehmut ist sehr viel Dankbarkeit da. Ich hatte einen funktionierenden, 60-köpfigen Chor. Das ist nicht selbstverständlich, dass sie sich in ihrer Freizeit zur Verfügung stellen. Gerade in der Coronazeit. Wir konnten zeitweise gar nicht proben. Ich selbst habe mich gleich im März 2020 bei einem Probenwochenende mit dem Chor von St. Georgen an der Gusen angesteckt. Ich war mein Leben lang noch nie so krank. Es ist mir wirklich schlecht gegangen. Wir haben in der Zeit immer das ausgenutzt, was möglich war. Wenn nur vier singen durften, haben wir mit ihnen gesungen. Wir haben dann nur mehr im Dom geprobt. Wegen der enormen Räumlichkeit war nie die Gefahr für einen Cluster gegeben.

Wie koordinieren Sie Ihre musikalischen Vorstellungen mit dem Priester?

Der musikalische Vorschlag kam immer von mir, ich habe ihn mit dem Dompfarrer abgestimmt. Oder mit dem Zeremoniär des Bischofs, wenn Bischofsgottesdienst ist. Das hat immer funktioniert, ich habe nie Einschränkungen gehabt.

Sie leiten auch das Domorchester. Wie viele sind hier angestellt?

Niemand. Wir haben eine Liste von Adressen, Mitglieder des Brucknerorchesters, pensionierte Musiker und Musikschullehrer. Sie werden angerufen, wenn sie benötigt werden. Das sind sehr, sehr gute Musiker, das funktioniert sehr gut. Die Musiker und die Solisten werden bezahlt, der Domchor und das 20-köpfige Vokalensemble, das ich aus den besseren Leuten aus dem Chor noch nebenher habe, singen ehrenamtlich.

Ist Singen out?

Es ist heutzutage schwieriger, zum Singen zu kommen. Es wird in den Familien nicht mehr gesungen. Es wird in den Schulen viel zu wenig gesungen. Von daher ist es schwierigen, dass junge Menschen überhaupt einmal die Erfahrung machen, dass das etwas Schönes sein kann. Es gibt eine große Ausnahme, das ist das Linzer Musikgymnasium. Dort hat Singen einen hohen Stellenwert. In den Musikschulen ist der Instrumentalsektor sehr gut abgedeckt. Die Blasmusikkapellen profitieren sehr davon. Das Singen ist nicht so ein Schwerpunkt. Es gibt immer weniger singende Männer. Die Kinder erleben zu Hause kaum einen singenden Mann. Dann heißt es schnell bei jungen Leuten, Singen ist uncool.

Welche Effekte zeitigt Singen?

Es ist eine menschliche Uräußerung, die einem selbst sehr guttut. Das beginnt bei der Atmung.

Es ist ein Akt der Befreiung.

Ja. Und es hat sehr viel mit sozialem Verhalten zu tun. Wenn man in einem Chor singt, macht man etwas gemeinsam. Man muss konzentriert sein und schwingt dann aufeinander ein. Musik ist dadurch sehr, sehr verbindend. Ich erlebe oft, dass Menschen, die müde in die Chorprobe kommen, mit einer ganz anderen Grundgestimmtheit rausgehen, weil Singen guttut.

Singen ist gleichzeitig anstrengend. Wenn man mehrere Stunden singt, ist man erschöpft.

Ich spiele gerne Tennis. Es ist auch anstrengend. Wenn man es gerne macht, zahlt sich die Anstrengung aus. Wenn es beim Singen anstrengend ist, weil man etwas einstudiert, hat man nachher das Erlebnis, dass etwas gelungen ist, das die Anstrengung rechtfertigt. Mein Zugang ist, dass Singen und Musizieren nie nur anstrengend sein darf. Es braucht Auflockerungen, es darf auch lustig sein. Da habe ich etwas von meinem Bruder Rudi, der Kabarettist ist. Es ist wichtig, dass man mit einer gewissen Lust am Singen dran ist.

Welchen Stellenwert hat Kirchenmusik heute noch, wo doch sonntags nur mehr wenige in die Kirche gehen?

Ich sehe in der Musik eine Chance, Menschen zu erreichen, die mit der Kirche vielleicht gar nichts mehr zu tun haben. Ich erlebe das immer wieder bei Hochzeiten, Begräbnissen, bei größeren Veranstaltungen, wo Menschen in den Dom kommen. Wir haben im Dom nach wie vor einen relativ guten Kirchenbesuch, weil die Menschen wegen der Musik kommen.

Der Dom ist über die Turmsanierung sehr in den Blick gerückt. Der Dom hat seit dem Kulturhauptstadtjahr 2009 eine Aufwertung erfahren. Es kommen sehr viele Menschen, unsere Domführer können die Anfragen kaum bewältigen. Der Raum hat nach der Umgestaltung eine starke Wirkung auf die Besucher. Bei der Liturgie kommt zum Raum das Wort dazu. Wir haben mit dem Bischof und dem Dompfarrer gute Prediger. Dazu kommt die Musik als Medium, die einen aus der Alltäglichkeit rausholt.

„Es wird viel zu wenig gesungen“

Josef Habringer im Proberaum des Linzer Domchores

Der Dom ist nicht leicht zu bespielen, weil er sehr hallig ist. Aber wenn etwas aufgeht, können der Raum und die Musik etwas rausholen und über unsere alltägliche Welt hinaus- schauen. Die Musik ist ein Punkt, wo Himmel und Erde einander berühren, wo Zeit und Ewigkeit in einander übergehen. Arvo Pärt, ein moderner Komponist, hat gesagt, das Eigentliche in der Musik ist die Stille. Diese Rückmeldung bekomme ich oft von Begräbnissen. Dort, wo man mit Worten schnell zu Ende kommt, wird die Musik als das Tröstliche empfunden und sie öffnet ein Fenster in die andere Welt, wo Harmonie herrscht, wo man sich getragen und wohlfühlt, wo man sagt, so soll es sein.

Wo sehen Sie Verbesserungspotenzial? Was wünschen Sie sich?

Ich hätte gern, dass die Menschen wieder mehr von sich heraus singen. Dass mehr Menschen die Grunderfahrung eines sakralen Raumes machen, dass die Kirchen, die diesen sakralen Schatz verwalten, mehr in den medialen Mittelpunkt rücken. Es gibt bei den negativen Vorkommnissen auch viele positive Dinge. Die Bewahrung der Kunstschätze und der Kirchenmusik gehören dazu. Sie bieten etwas, was sonst kaum jemand bieten kann.

Was werden Sie künftig machen? Ein Künstler geht doch nie in Pension.

Mir kommt der Dom abhanden, nicht aber die Musik. Ich habe neben dem Domchor noch einen zweiten großen Chor, das Collegium vocale. Ich habe ihn 1978 in der Katholischen Hochschulgemeinde gegründet. Dann gibt es mit den Voices noch ein Vokalsextett. Das sind vier Frauen und zwei Männer, da singe ich auch noch mit. Mit der Stimme geht es mir noch gut. Kirchenmusikalisch sehe ich viele Baustellen, wo ich helfen kann. Ich bin seit meinem 65. Lebenjahr in Pension und habe zweimal verlängert. Die vielen Möglichkeiten, die ich am Dom gehabt habe, werden mir abgehen. Von daher ist eine gewisse Wehmut dabei.

Mein Wunsch ist, dass wir die Kultur nicht aus den Augen verlieren. In der Coronazeit war vieles nicht möglich. Hier habe ich gemerkt, dass für viele Menschen die Musik Nahrung für die Seele ist. Wer selber musiziert, weiß das. Momentan ist in der Gesellschaft die Digitalisierung das große Schlagwort. Alles muss auf dieser Schiene laufen, es erscheint am gescheitesten, wenn jeder schon im Kindergarten einen Computer hat. Die anderen, die kreativen Fähigkeiten, wozu auch das Singen und das Musizieren dazu gehören, kommen zu kurz.

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