Bischof Manfred Scheuer

© HERMANN WAKOLBINGER

Chronik Oberösterreich
12/25/2021

Scheuer: „Wichtig, zu einer Abrüstung der Worte zu kommen“

Für den Linzer Bischof ist die Impfpflicht keine Frage des Glaubens, sondern der Verantwortung

von Josef Ertl

Manfred Scheuer ist Theologe, stellvertretender Vorsitzender der österreichischen Bischofskonferenz und seit 2015 Bischof von Linz. Zuvor war der 66-Jährige zehn Jahre Bischof von Innsbruck. Er stammt aus Haibach ob der Donau.

KURIER: Sie haben nach einem Besuch im Krankenhaus Braunau geäußert, die gesellschaftliche Lage sei wegen Corona prekär und gefährlich.

Manfred Scheuer: Corona bzw. die Frage der Impfpflicht bringt Spannungen unter die Menschen. In Familien, unter Freunde, in Vereine und auch in die Kirche. Es ist überraschend, mit welcher Heftigkeit das aufbricht. Am Rande kommt es auch zu sehr staatskritischen Worten, die Demokratie wird massiv infrage gestellt. Insofern ist das Zusammenleben und die Frage des Rechtsstaates durchaus virulent.

Halten Sie die Einführung der Impfpflicht für richtig?

Das ist keine Frage des Glaubens, sondern der gesellschaftlichen und persönlichen Verantwortung, sich selbst und andere zu schützen. Es ist eine Frage der Wissenschaft, welche Mittel die Besseren sind, und auch eine Frage der Politik, was angemessen, verhältnismäßig und zielführend ist. Das Urteil der Wissenschaft und der Politik ist es, dass die Impfpflicht die Ultima Ratio, der letzte Weg aus der Pandemie bzw. aus den Lockdowns und Sackgassen ist. Es sind alle einer Meinung, dass das an sich kein Wunschziel ist bzw. dass es keinen Zwang geben darf.

Aber der Staat bestraft die Impfverweigerung mit Verwaltungsstrafen.

Das zu beurteilen ist die Frage der Politik und des Rechtssystems. Beziehungsweise eine Frage, wie man am besten zum Ziel kommt, die Einzelnen und die Bevölkerung zu schützen.

Sie haben sich bereits mehrfach öffentlich zur Impfung bekannt.

Ja. Die Wissenschaft hat Neuland betreten. Es hat sich im Verlauf der Forschung entwickelt, was zielführend und weniger zielführend ist. Viele Fragen waren offen. Es ist eine Lernsituation für alle Beteiligten. Wir haben nicht auf der einen Seite die Wissenden und die Machthaber und auf der anderen Seite die Skeptiker und Zweifelnden. Es stellt sich die Frage nach einer gemeinsamen Verantwortung und was medizinisch-wissenschaftlich redlich und vernünftig ist. Gerade in der katholischen Tradition hat es immer ein ausbalanciertes Verhältnis von Glaube und Vernunft gegeben.

Die römisch-katholische Kirche hat sich in ihrer Geschichte stets zur Impfung bekannt. Sie hat Maßnahmen des Staates unterstützt. Zum Beispiel die Bekämpfung der Pocken.

Gerade unter Maria Theresia war die Kirche mehr Handlangerin des Staates. Im aufgeklärten Staat war der Staat der Chef und die Kirche die Magd. Die Kirche hatte für die Impfung zu predigen oder zum Beispiel für die Einführung der Kartoffeln. Es hat damals auch schon Widerstände gegeben, zum Beispiel den Tiroler Kapuzinerpater Joachim Haspinger (1776–1858). Er hat zum Aufstand gegen die Bayern und Franzosen aufgerufen und ist mit dem Kreuz vorangeschritten. Ein Grund war die Rekrutierung der jungen Tiroler für den Russlandfeldzug von Napoleon. Ein weiterer Grund war die Beseitigung religiöser Bräuche wie der Wallfahrten. Haspinger hat auch gegen die Impfpflicht gewettert.

Wie können wir aus der Spaltung, aus der prekären gesellschaftlichen Situation rauskommen?

Ich habe kein Rezept. Es geht nicht mit einfachen moralischen Postulaten wie ihr müsst, ihr sollt, ihr dürft nicht. Die Lösung kann nicht darin liegen, dass die einen total unrecht bekommen und die anderen oben auf bleiben. Es ist wichtig, jetzt nicht mit dem großen Pathos des Vorwurfs und der Empörung zu agieren, sondern mit Klarheit, aber auch einer gewissen Bescheidenheit. Damit das nicht mit einer Marginalisierung und einem Gesichtsverlust verbunden ist. Das lässt sich leichter sagen als vollziehen. Die Gewissensfreiheit ist die Instanz des einzelnen Handelnden. Sie wird dadurch aber nicht der allgemeinen Norm entbunden, zum Beispiel ein Gesetz einzuhalten und dem Recht zu entsprechen. Man muss das dann für sich begründen, aber auch mit den Konsequenzen leben, dass man gegen allgemeines Recht verstößt. Der Respekt vor der Gewissensfreiheit ist ein wichtiges Gut. Das Gemeinwohl und das Recht auf Sicherheit sind aber auch ein hohes Gut. Insofern hat der Staat auch das Recht, vom Einzelnen etwas einzufordern.

An der Impfpflicht entladen sich andere Konflikte, Enttäuschungen, Frustrationen und Aggressionen. Sie werden teilweise auch hochgespielt. Ich habe da und dort den Eindruck, das zu destabilisieren. Wem nützt das? Es geht um das Wie. Wie gehen wir gemeinsam vor? Es ist wichtig, zu einer Abrüstung der Worte und der Symbole zu kommen.

Die Kirche selbst ist von der Pandemie schwer getroffen, zum Beispiele die Gottesdienste. Erleidet die Kirche dauerhaft Schaden?

Kirche ist in vielen Bereichen eingeschränkt und teilweise auch beschädigt. Das teilen wir mit vielen anderen, da braucht es keine Wehleidigkeit, sondern Empathie für andere. Natürlich war es für die Liturgie, für die Gottesdienstgemeinden insgesamt schon höchst herausfordernd, so einen radikalen Lockdown zu haben. Ein Essen auf dem Bildschirm ist etwas anderes als ein Festmahl. Eine Umarmung ist etwas anderes als eine Bildschirmzusage. Die Leiblichkeit, die Sinnlichkeit und die Gemeinschaft sind so nicht gegeben. Die Symbole, die jetzt da sind, wie die Krippe im Dom, sind nun stärker als in den vergangenen Jahren. Der Advent war viel einfacher und karger. Das ist nicht nur ein Verlust, sondern in manchen Bereichen auch ein Gewinn.

Ich hoffe, dass wir als Kirche und Gesellschaft insgesamt in der Krise lernen, und dass es am Ende auch zum Segen wird. Es ist nicht so, dass das einfach gottgewollt ist. Unsere Hoffnung, unser Glauben und unsere Menschlichkeit stehen auf dem Prüfstand.

Papst Franziskus hat kürzlich ein Flüchtlingslager auf der griechischen Insel Lesbos besucht und dort vom „Weltproblem der Migration“ und vom „Schiffbruch der Zivilisation“ gesprochen. Gleichzeitig missbraucht der 65 weißrussische Diktator Lukaschenko Flüchtlinge, um Europa zu destabilisieren. Seine Aktionen lassen die Asylpraxis der EU scheitern, denn theoretisch hätte jeder Flüchtling das Recht, an der Grenze einen Asylantrag zu stellen. Stehen die europäischen Staaten und auch die Kirche in der Flüchtlingsfrage nicht mit ihrer bisherigen Politik an?

Die Situation ist höchst komplex. Flucht ist ein Ausdruck großer Not. Sie ist oft die Folge massiver Verletzung der Menschenrechte. Oft sind auch ökonomische Verhältnisse die Auslöser.

Das fällt eigentlich unter den Begriff Migration und weniger unter den Asylbegriff. Viele Flüchtlinge in Weißrussland sind aus dem Nordirak.

Die EU hat eine bestimmte Zahl von Afghanen aufgenommen. Österreich hat eine afghanische Community, die gar nicht so klein ist. In Österreich werden Asylwerber aufgenommen. Es gibt in Oberösterreich eine Bewegung aus der katholischen Aktion, aus dem Pastoralrat und den Pfarrgemeinden, die sagt, wir haben Platz für Flüchtlinge. Es gibt nach wie vor eine Aufnahmebereitschaft. Es gibt aber auf der anderen Seite manchmal auch die Schwierigkeiten, das zu organisieren. Es wird eine Daueraufgabe sein, die Wurzeln von Flucht anzugehen. Das sind die kriegerischen Auseinandersetzungen. Sie werden sich am Südrand der Sahara verschärfen. Die Frage ist, wie hier global eine Friedensordnung geschaffen werden kann. Das Zweite sind die ökonomischen Verhältnisse. Es soll sich dort eine eigenständige Wirtschaft entwickeln. Im Fall von Katastrophen hat man einfach auch zu helfen. Wenn ein Haus brennt, stellt sich nicht die Frage, wer schuld ist, sondern man muss löschen.

Der Papst verweist auf Wichtiges. Bei allen Fragen, die drängend sind, schaut er den Betroffenen in die Augen. Es ist entscheidend, ob ich mir in die Augen schauen lasse und ob ich mich in die Verantwortung nehmen lasse. Es ist mir auch klar, dass wir in manchen Bereichen müde geworden sind oder wir nicht immer mehr die Reserven haben. Gerade in solchen Situationen wachsen Kräfte zu, die wir nicht mehr vermutet haben. In den vergangenen 15 Jahren sind in Europa viele Flüchtlinge aufgenommen worden. Es gibt in der Integration gute Erfahrungen und es gibt Mühseligkeiten. Es gibt auch das kulturelle Scheitern. Das darf man sich auch eingestehen. Das ist aber kein Grund dafür, mit der Hilfe Schluss zu machen.

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