© Klemens Fellner

Chronik Oberösterreich
12/05/2011

Es gibt keine Willensfreiheit

Der freie Wille ist eine Illusion, sagt Hirnforscher Wolf Singer. Es sieht so aus, dass wir nicht so frei sind, wie wir uns wähnen.

von Josef Ertl

Mit verblüffenden Ergebnissen seiner Hirnforschung überraschte Wolf Singer diese Woche die Zuhörer bei der Internationalen Akademie Traunkirchen. Der 68-Jährige, der unter anderem Mitglied der 80-köpfigen Päpstlichen Akademie der Wissenschaften und Chevalier der Französischen Ehrenlegion ist, sagte, die menschlichen Gehirne funktionierten genauso wie die von Schnecken oder Schlangen.
Es gebe lediglich zwei Unterschiede. Die Großhirnrinde des Menschen, das Mehr vom Gleichen, mache den großen Unterschied. Dazu komme noch, dass die Art, wie die Gehirnteile verbunden würden, bei den Menschen ungleich komplizierter sei. Es gebe, so Singer, kein zentrales Ich, keinen Beobachter, keine übergeordnete autonome Instanz. Die verschiedenen Areale des Gehirns redeten miteinander, das Gehirn sei ein "small world network".

Funktionelle Architektur

Alles Wissen eines Menschen residiere in der funktionellen Architektur des Gehirns. Die Regeln, nach denen dieses Wissen erworben und angewandt werde, residieren ebenfalls in dieser funktionellen Architektur.
Alle, auch die höchsten mentalen Funktionen, beruhten auf neuronalen Prozessen. Diese Verbindungsprozesse gehorchten den Naturgesetzen.
Der Mensch könne sich nur vorstellen, was die Leistungen der Gehirne zu erfassen imstande sind. Diese Leistungen resultieren aus der Anpassung an jene Bedingungen der Welt, die für das Überleben wichtig sind. "Das ist aber nur ein winziger Ausschnitt der Welt." Deshalb seien wahrscheinlich auch die Denkstrukturen begrenzt.

Gehirn vorgeprägt

"Die Konstruktion des Wahrgenommenen erfordert Vorwissen. Dieses Wissen und die Regeln, nach denen Vorwissen mit Sinnessignalen verrechnet wird, bestimmen, was wir wahrnehmen."
Drei Prozesse bestimmten die funktionelle Architektur des Gehirns: Die Evolution, erfahrungsabhängige Entwicklung und lebenslange Lernprozesse. Die in der funktionellen Architektur gespeicherten Erwartungen bestimmen unsere Wahrnehmungen. Was wir wahrnehmen, hängt von Annahmen ab, von deren Existenz wir nichts wissen. Wie wir wahrnehmen, werde auch durch Wissen bestimmt, das wir durch frühe Prägung erworben haben. Wir wissen nicht, dass wir es haben. Trotz nahezu unveränderter genetischer Anlagen unterscheiden sich unsere Gehirne nachhaltig von denen unserer Vorfahren in den Höhlen. Anders als das evolutionär erworbene Wissen ist das Erfahrungswissen von der jeweiligen Kultur abhängig. Das bedeutet, dass Menschen aus unterschiedlichen Kulturen soziale Realitiäten verschieden wahrnehmen, aber jeder erlebt das Wahrgenommene als wahr. "Diese Erkenntnis erfordert eine Erweiterung unseres Verständnisses von Toleranz."

Keine Willensfreiheit

Die Schlussfolgerungen, die Singer aus seinen Forschungen zieht, haben es in sich. "Der nächste Zustand eines sich selbst organisierenden Systems ist vollständig durch den unmittelbar vorangehenden determiniert. Es sieht so aus, dass wir nicht so frei sind, wie wir uns wähnen." Der freie Wille sei deshalb eine Fiktion, die man aufrechterhalte, die aber an der Verantwortlichkeit des Menschen für seine Taten nichts ändere.

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