Christian Ganser vor den Common-Rail-Injektoren, die in Linz hergestellt werden

© HERMANN WAKOLBINGER

Chronik Oberösterreich
06/07/2021

„Man kann auch den Verbrenner CO2-frei betreiben“

Der Linzer Bosch-Chef Christian Ganser plädiert für Technologiefreiheit und kritisiert die Politik, die nur die batteriebetriebenen E-Autos forciert

von Josef Ertl

„Das Testergebnis ist einigermaßen überraschend. Laut dem deutschen Autofahrerclub ADAC erzeugt ein VW ID.4, ein batteriegetriebenes Elektroauto, mittelbar 114 Gramm CO2 pro Kilometer und damit ungefähr so viel wie ein vergleichbares Diesel-Auto. Die 114 Gramm errechnet der ADAC auf Basis des mittleren Stromverbrauchs des ID.4 in der Höhe von 22,8 kWh auf 100 Kilometer und des deutschen Strommixes mit rund 500 Gramm CO2 pro Kilowattstunden.

Den gesamten Lebenszyklus sehen

Auch auf dem kürzlich stattgefundenen Internationalen Wiener Motorensymposium warnten Experten, dass eine effiziente Klimapolitik im Verkehr mehr braucht als die Elektrifizierung der Fahrzeuge. Lebenszyklusanalysen, die alle Abschnitte eines Fahrzeugs, von der Produktion, Energiebereitstellung, Nutzung, bis zur Entsorgung und dem Recycling umfassen, liefern andere Ergebnisse als nur der kleine Teil der direkten, unmittelbaren CO2-Emissionen während des Betriebs des Fahrzeuges.

Für eine umfassende Betrachtung des Lebenszyklus eines Autos plädiert auch Christian Ganser. Der 53-Jährige ist seit 32 Jahren bei Bosch und leitet das 240 Mitarbeiter umfassende Bosch Engineering Center in Linz. „In der CO2-Debatte wird immer nur über das letzte Stück der CO2-Entstehung, dem Fahrzeugbetrieb, diskutiert. in dieser Betrachtung ist das batterieelektrische Fahrzeug klar im Vorteil.“ Die Politik und auch die Gesellschaft seien aber im Sinne des Klimaschutzes gefordert, den gesamten Lebenszyklus zu betrachten.

E-Fuels neutral

„Heute gelten für Fahrzeughersteller Flottenziele mit bestimmten - Grenzwerten. Bei Überschreitung sind erhebliche Strafzahlungen zu leisten. Vom Gesetzgeber werden nur E-Fahrzeuge mit null CO2-Emissionen anerkannt, Verbrennungsmotoren mit erneuerbarem synthetischen Kraftstoff hingegen nicht. Das ist leider eine sehr verkürzte Betrachtung, weil bei den synthetischen Kraftstoffen vorher der Luft das entnommen wurde und der Betrieb der Fahrzeuge deshalb ebenso klimaneutral ist. Aus unserer Sicht wäre es viel besser, technologieoffen zu argumentieren, damit sich am Markt die beste Technologie für den jeweiligen Anwendungsfall durchsetzen kann.“

Wie funktionieren Fahrzeuge mit synthetischen Kraftstoffen? Ganser: „Für die Kraftstofferzeugung benötigt man „grünen Strom“ als Primärenergie. Damit produziert man Wasserstoff, entnimmt CO2 aus der Luft und macht daraus einen synthetischen Kraftstoff. Diesen Kraftstoff mischt man mit bestehenden Kraftstoffen oder verwendet ihn direkt.“ Der Vorteil: Man kann bestehende Fahrzeuge mit diesen -freien Kraftstoffen weiterhin nutzen, die Infrastruktur sei mit den Tankstellen ebenfalls vorhanden.

1 bis 1,40 Euro pro Liter

Aufgrund von Studien beziffert Bosch die reinen Kraftstoffkosten langfristig auf 1,00 bis 1,40 Euro pro Liter – ohne Steuern. Ganser hält „leistbare Mobilität“ ebenso für ein großes Zukunftsthema. „Wir brauchen alle verfügbaren Brückentechnologien, denn die derzeitigen im Markt befindlichen Fahrzeuge werden nicht von heute auf morgen verschwinden. Weltweit sind aktuell 1,3 Milliarden Fahrzeuge unterwegs.“ Die einzige Möglichkeit, diese in das CO2-Reduktionsziel zu integrieren, seien erneuerbare synthetischen Kraftstoffe. „Man würde dem Klima viel Gutes tun, wenn man die alten Verbrennerfahrzeuge durch moderne Antriebskonzepte ersetzt.“ Bosch befürwortet die ehrgeizigen Klimaziele. „Wir dürfen aber nicht den Fehler machen, einzelne Technologien auszuschließen. Wir sind der Meinung, der Gesetzgeber soll die Ziele vorgeben, und die Ingenieure entwickeln die besten Lösungen dafür.“

Der Erste am Mond sein

Er nennt dafür den ehemaligen US-Präsidenten John F. Kennedy als Beispiel. Er habe gesagt, wir wollen die Ersten am Mond sein. Er habe nicht gesagt, baut diese oder jene Raketen. Ganz wichtig seien auch die damit verbundenen Arbeitsplätze.

Arbeitsplätze

In einem Dieselantrieb sei die Wertschöpfung von zehn Bosch-Mitarbeitern enthalten, in einem Benziner von drei. Bei einem Elektroantrieb nur mehr einer. „Wir glauben aber nach wie vor sehr stark an die Elektromobilität und sind dort auch sehr erfolgreich. So haben wir im letzten Jahr 700 Millionen Euro in den Bereich investiert“, so Ganser.

Volkmar Denner, Vorsitzender der Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH – Bosch ist mit 395.000 Mitarbeitern der weltweit größte Automobilzulieferer – sieht das heurige Jahr als entscheidend für die europäische Autoindustrie. „Angesichts der zwei Gesetzgebungen, die verschärften CO2-Grenzwerte im Rahmen des Green Deal und die EU-7-Norm, wird 2021 zum Schicksalsjahr der europäischen Automobilindustrie.“ (Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 18. 5.).

Ganser sieht das ähnlich. „Die ersten Vorschläge der EU für neue Abgasnorm Euro 7 haben Grenzwerte aufgezeigt, die einem Verbot des Verbrenners gleichgekommen wären. Mittlerweile ist wieder etwas Bewegung in die Diskussion gekommen.“ Bis Jahresende will die EU eine Lösung für Euro 7 vorlegen.

Zuwenig grüner Strom

Ganser sieht unsere Gesellschaft vor großen Herausforderungen. „Wir alle brauchen künftig „grünen Strom“ in enormen Mengen, wir haben zurzeit aber weder genügend Produktion noch genügend Speicher noch genügend starke Leitungen zur Verteilung. Wir brauchen also Energieträger, die sich speichern und auch transportieren lassen.“ Hier sieht er gute Chancen für den Wasserstoff und die EU, in diesem Feld die Technologieführerschaft zu übernehmen.

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