"Debatte über Drogen ist unsachlich"

06.11.2014, Linz, Institut Suchtprävention - pro m…
Foto: /foto-reiter.com | A. Reiter Christoph Lagemann ist Leiter des 30-köpfigen Instituts für Suchtprävention von Pro Mente in Linz.<span> </span>

In der Drogenpolitik ist seit den 1970er-Jahren alles beim Alten. Neue Erkenntnisse werden nicht umgesetzt, sagt Christoph Lagemann.

Christoph Lagemann ist Leiter des 30-köpfigen Instituts für Suchtprävention von Pro Mente in Linz. Er beschäftigt sich seit 1982 mit den Themen Sucht und Prävention.

KURIER: Die Neos treten für die straffreie Abgabe von Cannabis ein. Ist das eine gute Idee?Christoph Lagemann: Man muss in der Drogenpolitik wie in anderen politischen Feldern Ziele formulieren. Darauf abgestimmt sollte man entsprechende Strategien wählen. Es fehlt aber in der Drogenpolitik die Definition von klaren Zielen. Das Ziel sollte sein, dass möglichst wenig Jugendliche Cannabis konsumieren. Wir wissen, dass der Konsum im Jugendalter die Entwicklung verzögert. Ein weiteres Ziel ist, dass wir schauen sollten, dass im Straßenverkehr keiner bekifft herumfährt.

Ich bin skeptisch, ob wir mit einem Verbot die Ziele erreichen. Wir haben in Österreich eine groteske Situation. Im Gesetz ist zwar der Vertrieb von psychoaktiven Substanzen im Internet verboten, was man nicht wirklich kontrollieren kann, aber der Konsum von diesen Substanzen ist straffrei. Daher sagen sich viele, ich tue mir den Anbau von Pflanzen im Garten nicht an, denn dann kommt die Polizei und ich verliere den Führerschein, ich bestelle mir stattdessen die synthetischen Stoffe im Internet und mir passiert gar nichts. Aber diese synthetischen Stoffe sind viel gefährlicher als die Reinsubstanzen.

Was müsste man aus Ihrer Sicht tun?

Man müsste einmal alle, die mit dem Problem betraut sind, an einen Tisch bringen. Dazu gehört die Polizei, die Suchtprävention, die Medizin etc. Sie sollten die Ziele debattieren und analysieren, was das Bisherige gebracht hat.

Wenn die bisherigen Strategien die Ziele nicht erreicht haben, müssen wir die Strategien ändern. Ich vermisse eine seriöse sachliche Debatte. Es ist ein Tabuthema, mit dem sich die Politik nicht anpatzen will. Das Verbot findet bei der Bevölkerung so viel Resonanz, unter dem Motto die Repression wird schon stimmen, sodass eine seriöse, sachliche Debatte nicht geführt wird. Die Politik sagt, wir greifen das Thema nicht an, da können wir nur verlieren. Es ist aber die Aufgabe der Politik, die Jugend zu schützen. Es ist seit Jahrzehnten alles beim Alten. Kein Mensch fragt sich, ob das noch der heutigen Zeit entspricht. Niemand führt die Debatte darüber. Die Politik will sie nicht.

Länder, die mit dem Thema liberaler umgehen, haben teilweise niedrigere Kosumentenraten als wir. Macht jemand wie Matthias Strolz von den Neos einen Vorschlag, dann wird er durch den Kakao gezogen. Das ist grotesk.

Ist Cannabis-Konsum gefährlich?

Ist Alkoholkonsum gefährlich? Es hängt vom Ausmaß ab, es hängt davon ab, wer es konsumiert, wann er es konsumiert, mit wem er es konsumiert. Es hängt vom Umfeld ab, vom Setting, wie man das in der Fachsprache bezeichnet. Eine Droge abstrakt zu beschreiben, ist wenig sinnvoll.

Die Neos möchten Cannabis in den Apotheken abgeben. Es soll besteuert werden, dass auch der Staat daran verdient.

Es gibt einige Länder, die das so machen.

Wie sind die Erfahrungen?

Im US-Bundesstaat Colorado hat man noch zu wenig Erfahrungen. Holland hat Cannabis nicht legalisiert, es ist nicht erlaubt, aber es gibt dort im Rechtswesen das Opportunitätsprinzip. Sie sagen, solange es in den Coffeeshops konsumiert wird, schauen wir nicht hin. Die Zahl der Cannabis-Konsumenten ist in Holland niedriger als in Österreich. Es stellt sich nun die Frage, ob das eine holländische Eigenheit ist oder ob das mit der Politik zusammenhängt? Das sind alles Fragen, die sich aufdrängen. Ich bin froh über die Vorstöße der Sozialistischen Jugend und der Neos, denn damit findet eine Debatte statt.

Kardinal Christoph Schönborn hat den Vorstoß der Neos mit der Begründung zurückgewiesen, er habe in seinem familiären Umfeld erlebt, wie sich jemand durch den Drogenkonsum systematisch selbst zerstört habe.

Das lässt sich auch durch das Verbot nicht verhindern. Natürlich sagen Heroinabhängige bei Befragungen, dass sie als erste Droge Cannabis genommen haben. Wenn Sie Cannabis-Konsumenten fragen, ob sie jemals Heroin genommen haben, antworten 95 Prozent mit Nein. Die Vorstellung von Cannabis als einer Einstiegsdroge ist aus den 1970er-Jahren, die mittlerweile schon vom deutschen Verfassungsgerichtshof in Karlsruhe für obsolet erklärt worden ist. Man könnte genauso sagen, als Erstes habe ich eine Zigarette geraucht oder ein Glas Alkohol getrunken. Die Vorstellung, dass man aufgrund von Cannabis eine stärkere Droge braucht, stimmt nicht. Der Konsument muss, wenn er sich Cannabis besorgen will, in die Illegalität gehen. Er muss es sich beim Dealer besorgen. Die Holländer haben gesagt, wir wollen die Märkte trennen. Wenn sich jemand Cannabis besorgen will, wollen wir nicht, dass er über die Illegalität auch zu anderen Drogen kommt.

Cannabis-Konsum wird in Österreich zwar angezeigt, aber die Anzeige wird zurückgelegt.

Die Anzeige wird auf eine Probezeit zurückgelegt. Häufig wird aber den Jugendlichen der Führerschein abgenommen, was sie für sie eine massive Einschränkung bedeutet, weil das oft einem Arbeitsverbot gleichkommt.

Strolz beziffert die Cannabis-Konsumenten mit rund 500.000 Personen. Auf Oberösterreich umgelegt würde das rund 100.000 sein.

Das ist schwer zu sagen. Wir haben Abstand genommen von Telefonumfragen und führen Face-to-face-Umfragen durch. 19,6 Prozent der über 15-Jährigen haben angegeben, schon einmal in ihrem Leben Cannabis genommen zu haben. Das sind rund 276.000 Personen. Die Zahlen sind aber mit Vorsicht zu beurteilen. Die 500.000, die Strolz genannt, ist die Zahl der Konsumenten, die das regelmäßig nehmen.

Wie ist die generelle Drogensituation in Oberösterreich?

Wenn man die Menschen bei Straßeninterviews befragt, ob sie schon einmal Opiate genommen haben, kommt man auf ein bis zwei Prozent der Bevölkerung. In Oberösterreich sind das zwischen 4000 und 6000 Personen, die abhängig sind. De facto wird man das nie genau sagen können.

Wie sind die Trends? Wird die Drogensucht stärker, schwächt sie sich ab?

Wir führen hier im Haus mindestens ein Mal jährlich eine Art Monitoring durch. Wir laden alle ein, die mit Drogen zu tun haben. Die Kriminalpolizei, die Medizin, die Drogenberater, die Streetworker etc. Bei der vergangenen Zusammenkunft haben alle berichtet, dass sie den Eindruck haben, dass Crystal Meth am Zunehmen ist.

Crystal Meth ist eine künstliche Droge.

Es ist ein Amphetamin, das direkt ins Gehirn geht. Es ist eine sehr problematische und gefährliche Substanz, das Schädigungen des Gehirns hervorruft. Es macht sehr schnell abhängig. Wir erleben sowohl in Oberösterreich als auch in Bayern und Sachsen eine starke Zunahme, also in jenen Gebieten, die an Tschechien grenzen. Es wird in Tschechien produziert. Das war schon in der NS-Zeit so. Crystal Meth hieß damals Panzer-Schokolade oder Stuka-Pille. Heute wird es an den sogenannten Zwergerl-Märkten, die es an der Grenze gibt, billig verkauft und nach Oberösterreich geschmuggelt. Diese Droge macht sehr wach, leistungsfähig und aggressiv.

Crystal Meth ist im Vormarsch?

Ja, aber genaue Angaben gibt es leider nicht.

Steigt die Anzahl der Drogenabhängigen?

Das ist schwer zu sagen, aber ich glaube, dass wir im Opiat-Bereich summa summarum einen Rückgang haben. Heroin war die typische Droge der 70er- und 80er-Jahre. Sie ist heute nicht mehr so interessant.

Jede Zeit hat ihre Droge, die gut zur Werteskala und Lebenseinstellung der Menschen passt. Wir leben heute in einer schnellen, leistungsorientierten Zeit. Da sind Drogen, die aufputschen, beliebter. Wie Crystal Meth oder Kokain. Die Europäische Drogenbeobachtungsstelle in Lissabon hat festgestellt, dass die Politik, ob Drogen hart verfolgt werden oder nicht, kaum einen Einfluss auf die Zahl der Konsumenten hat.

(kurier) Erstellt am
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