Stefan Heinisch und Eva Maria Mair

© Marion Hörmandinger

Kulturhauptstadt
11/24/2019

Bad Ischl: Kultur als Gegenthese zur Kaiser-Verkitschung

Im neuen Jahr 2020 geht’s richtig los. Als Erstes wird die Kulturhauptstadtjahr GesmbH. gegründet. Das Programm muss umgesetzt werden.

von Josef Ertl

Das Salzkammergut wird 2024 Europäische Kulturhauptstadt. Eva Maria Mair (31) war mit Heide Zednik, Petra Kodym und Lisa Neuhuber für die Programmplanung zuständig. Stefan Heinisch (44) ist der Projektleiter des „Büro Salzkammergut 2024“. Die drei Leaderregionen Traunsteinregion, Inneres Salzkammergut und Ennstal-Ausseerland haben das Budget für die Bewerbung aufgestellt, die Stadt Bad Ischl war der Projektträger. Die Kosten für das Kulturhauptstadtjahr sind in Summe mit 30 Millionen Euro veranschlagt und werden – gedrittelt – vom Bund, den Ländern und den Gemeinden getragen.

KURIER: Die Entscheidung für das Salzkammergut ist gefallen, wie geht es nun weiter? Stefan Heinisch: Das Projekt der Bewerbung endet mit Ende Dezember. Der eigentliche Auftrag war ja, für die Leaderregionen für das Jahr 2030 eine Kulturvision zu entwickeln. Aus der Kulturvision ist ganz schnell die konkrete Bewerbung geworden.

Mit dem neuen Jahr beginnt der Gründungsprozess der Kulturhauptstadt GesmbH., die im zweiten Quartal operativ tätig werden wird. Bad Ischl, das die kleinste der bisherigen Europäischen Kulturhauptstädte ist, hat von der Europäischen Kommission den Auftrag, das Projekt, wie es in der Bewerbung beschrieben ist, umzusetzen.

Wer sind die Gesellschafter der GesmbH.?

Heinisch: Im Projekt ist Bad Ischl mit 25 Prozent vorgesehen, die drei Regionalentwicklungsvereine (Leaderregionen) jeweils mit 15 Prozent, dann die Länder Oberösterreich und Steiermark mit jeweils zehn Prozent, die Salinen AG oder ihre Tochter Salzwelten mit fünf Prozent. Dann sind noch fünf Prozent offen. Die Überlegung ist, das Salzkammergut Tourismus Marketing reinzunehmen. Die Saline ist ein Wunschsponsoring-Partner, wir haben in der Bewerbung sehr gut mit ihr kooperiert. Der Slogan Kultur ist das neue Salz ist dort auf sehr fruchtbaren Boden gefallen.

Welche Maßnahmen in der Infrastruktur sind notwendig?

Heinisch: Im Kulturhauptstadtprogramm gibt es nur eine zentrale Infrastruktur, das ist das Café Casino im Ischler Stadtteil Gries. Das Gebäude soll renoviert werden, es soll dort ein offenes Kulturhaus etabliert werden.

Eva Maria Mair: Es gibt in Gries relativ viel Leerstand, es soll ein dezentrales Kulturviertel und damit aufgewertet werden.

Sind darüber hinaus keine Infrastrukturmaßnahmen notwendig? Zum Beispiel Ausbau der Bahn oder der Straße? Heinisch: Es sind schon noch Maßnahmen notwendig, die aber nicht aus dem Programmbudget kommen. Zum Beispiel 7,5 Millionen Euro für das Ischler Lehar-Theater, 1,5 Millionen für die Überdachung des Schlosses Ort, weiters die Klimatisierung des Gmundner Stadttheaters und kulturtouristische Maßnahmen.

Wir wissen von anderen Kulturhauptstädten, dass es neben Leader und Interreg von der EU weitere Fördermöglichkeiten im siebenstelligen Bereich gibt. Der Titel Kulturhauptstadt ist eine Eintrittsmöglichkeit für weitere Fördertöpfe der EU. Wir werden dazu auch den Bund und die Länder benötigen.

Wie wird sich Bad Ischl 2024 den Besuchern präsentieren?

Mair: An der Oberfläche wird es gar keinen so großen Unterschied geben. Es werden alte Gebäude neu bespielt werden. So steht zum Beispiel das historische Post- und Telegraphenamt bis auf die Postfiliale leer, das Gries-Viertel hat viel Leerstand. Die Hardware in den Region wird sich nicht ändern, es geht eher um das Feinstoffliche, wie sie genutzt werden, wie Menschen zusammenkommen, wie sie sich engagieren.

Wie soll das Engagement aussehen? Mair: In der Langzeitstrategie, die über das Kulturhauptstadtjahr hinaus führt, geht es um die Etablierung eines dezentralen Schul- und Werkstättenkonzepts, wo zum Beispiel das Stephaneum in Bad Goisern, das momentan leer steht, Werkstatt sein kann für Menschen, die ansonsten die Region verlassen würden. Sie haben jetzt nicht die Möglichkeit, Werkzeuge und Räume zu teilen, das finden sie nur in Städten vor. In der momentanen Kulturhauptstadt Matera (Italien) nennt sich das Open Design School.

Welche Veranstaltungen werden stattfinden? Mair: Ein Projekt nennt sich Tavern Lab, Wirtshauslabor. Die Wirtshäuser sind da, aber sie stehen leer. Wir wollen verschiedenen Gruppen, zum Beispiel der Kunstuniversität Linz, einen Studier- und Experimentierraum zur Verfügung stellen, um neue Konzepte zu entwickeln, wie Wirtshäuser funktionieren könnten. Vielleicht gibt es Konzepte, an die bisher noch keiner gedacht hat.

Ihre Vision geht über 2024 hinaus und zielt auf 2030 ab. Wie soll Bad Ischl 2030 sein? Heinisch: Ischl soll eine der gefragtesten kulturellen Enklaven Europas sein. Im Tourismus ist die Allianz bereits gelungen, da hat man die Regionalisierung geschafft. Es geht um um die Vernetzung von Kultur und zeitgenössischer Kunst. Es ist uns gelungen, dass man über Jugend- und Mobilitätskultur redet. Kultur kann ja nur Akupunktur betreiben und unangenehm sein.

Der zentrale Punkt ist die Kultur.

Heinisch: Genau. Aber der Kulturbegriff geht von der Volkskultur, von der traditionellen Kultur bis zur Gegenkultur und Strömungen, die man eher im Städtischen vermutet. Kultur ist das neue Salz, das Salz war die Tradition. Der Kulturbegriff ist ein sehr breiter, denn es sollen sich alle wiederfinden. Durch die Bewerbung ist eine Präzisierung des Begriffs auf ein konkretes Programm erfolgt, das bereits vor 2024 beginnt.

Einer der Kritikpunkte der Kulturhauptstadt-Vergabe an Ischl ist, dass sich die Stadt primär als Kaiserstadt präsentiert und damit rückwärts gerichtet nur an Touristen interessiert ist: Kaiservilla, Kaisergeburtstag, Mehlspeisenkönig Zauner. Mair: Das war sogar der Anlass der Bewerbung. Es hat geheißen, wenn wir noch lange so weiter machen, sind wir bald ein Freiluft-Disneyland. Das Kaiserimage ist eine erfolgreiche Marketingstrategie und Marke des Tourismus. Beim Kaisergeburtstag sind aber viele Ischler gar nicht auf der Straße. Man beschäftigt sich nicht damit, wenn man hier lebt.

Heinisch: Es braucht den Tourismus, wir haben ihn auch dazu geholt, er will inhaltlicher und finanzieller Partner sein. Aber selbst Johannes Aldrian (Aufsichtsratsvorsitzender des Tourismusverbandes) hat gesagt, Ischl ist nicht Tourismushauptstadt, sondern Kulturhauptstadt. Es geht genau um die Gegenthese zur Kaiserverkitschung.

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