AMS-Oberösterreich-Chefin Birgit Gerstorfer beim KURIER-Interview.

© /Josef Ertl

Interview
03/06/2016

"Asylwerber sind noch kein Problem"

Der Zuwachs bei den Asylberechtigten am Arbeitsmarkt ist moderat, sagt Birgit Gerstorfer, Chefin des Arbeitsmarktservice OÖ (AMS).

von Josef Ertl

Birgit Gerstorfer (52) ist Landesgeschäftsführerin des Arbeitsmarktservice. Sie begann ihre Laufbahn vor 25 Jahren als Teilzeitsekretärin am AMS Eferding. Sie ist im Gespräch als Nachfolgerin von Soziallandesrat Reinhold Entholzer (SPÖ). Sie präsentierte diese Woche gemeinsam mit Wirtschaftslandesrat Michael Strugl die Arbeitslosenzahlen vom Februar, die mit 7,5 Prozent (49.810) um 0,1 Prozent niedriger als vor einem Jahr sind.

KURIER: Sitze ich der zukünftigen Soziallandesrätin gegenüber?Birgit Gerstorfer: Ich ersuche Sie um Verständnis, dass ich dazu nicht Stellung nehmen will.

In Österreich sind derzeit mehr als 100.000 Asylwerber. Finanzminister Hans Jörg Schelling beziffert die Anzahl jener, die am Arbeitsmarkt vermittelbar sind, mit sieben Prozent.

Wir haben Ende Februar in Oberösterreich 12.000 Asylwerber gehabt. Davon sind 3000 unter 15 Jahren und 200 älter als 60. Rund 8700 sind im erwerbsfähigen Alter zwischen 15 und 60. Die jungen Menschen sind stark überrepräsentiert, sie werden sich am Arbeitsmarkt bewerben. Wenn ihr Asylansuchen positiv beschieden ist, wechseln sie nach vier Monaten von der Grund- in die Mindestsicherung. Das ist eine Bruchlinie, denn sie müssen sich eine Wohnung suchen und wechseln meist den Standort. Hier gibt es einen starken Trend in die Ballungszentren Wien und Linz. Sie gehen dort hin, wo die Arbeitsplätze sind. Sie finden dort Angehörige ihrer Volksgruppe, sie benötigen kein Auto, da die Infrastruktur besser ist.

Der Zuwachs bei den Asylberechtigten am Arbeitsmarkt ist bei uns ist moderat. Es sind rund 2500 Personen, die Arbeit suchen.

Sie sind am Arbeitsmarkt kein Problem?

Sie sind für uns noch kein Problem. Wir bieten inzwischen flächendeckend Kompetenz-Checks und Deutschkurse. Das ist alles ist bewältigbar. Wir überprüfen durch praktisches Tun, was die Asylwerber können.

Arbeitet der Großteil der Asylwerber in einfacheren Jobs?

Selbstverständlich. Auch wenn sie eine gute Qualifikation haben, steigen sie in einfachere Jobs ein, weil die Sprachbarriere da ist. Viele lernen in der Zeit, in der das Asylverfahren läuft, Deutsch. Der eine ist dabei schneller, der andere langsamer, wie es halt im Leben so ist. Dann kommen sie zu uns. Deutsch ist das Um und Auf für den Einstieg in den Arbeitsmarkt, denn man kann mit den Vorgesetzten und Kollegen nur so kommunizieren. In bestimmten Branchen geht das leichter als in anderen. Gängige Einstiegsbranchen sind die Reinigung, Bau und Baunebengewerbe, Gastronomie (Küche, Zimmermädchen). In diesen Bereichen ist auch noch ein Arbeitskräftebedarf da.

Die Arbeitslosigkeit ist seit mehreren Jahren relativ hoch. Wir haben auch nicht das nötige Wirtschaftswachstum, um sie deutlich abzubauen. Was kann man tun?

Wir haben eine hohe Arbeitslosenquote, aber wir haben gar noch so viele Menschen mehr, die arbeitslos sind. Für die Statistik ist die Suchdauer relevant. Sie ist von 2014 auf 2015 um 33 Tage mehr geworden. Dabei hatten wir 2015 um 2958 weniger Zugänge in die Arbeitslosigkeit.

Warum sind die Menschen länger arbeitslos?

Die Struktur der Arbeitslosigkeit verändert sich. 2009 hatten wir 3000 Zugänge mit gesundheitlichen Einschränkungen, jetzt haben wir 6000. Das ist einerseits wegen der Verschärfung des Zugangs in die Berufsunfähigkeitspension und/oder Reha-Geld. Viel stärker ist ausgeprägt, dass wir bis 2012 einen Pensionsvorschuss gehabt haben. Menschen, die sich selbst als arbeitsunfähig betrachtet und deshalb einen Antrag auf Pension gestellt haben, sind wegen des Pensionsvorschusses nicht im Register der Arbeitslosigkeit aufgeschienen.

Warum finden 50-Jährige so schwer eine Arbeit? Sind sie zu teuer oder zu unflexibel?

Wenn man mit plus 50 im Arbeitsmarkt ist, ist es kein Problem. Werde ich morgen arbeitslos werde, bin ich ein Problemfall. Wenn Menschen aus der Arbeit herausfallen, sind sie am Arbeitsmarkt sofort um zehn Jahre älter. Es ist ein emotionaler Schock, wenn man herauspurzelt. Wenn man es nicht schafft, über Bekannte, Freunde etc. einen Arbeitsplatz zu finden, ist man beim AMS. Damit muss man sich in den üblichen Wettbewerb begeben.

Dazu kommen oft noch gesundheitliche Nachteile, Mobilitätseinschränkungen und einseitige Qualifikationen.

Sind die Gehaltsvorstellungen zu hoch?

Nein, das glaube ich nicht. Die Menschen schrauben nach einer gewissen Orientierung am Arbeitsmarkt ihre Erwartungshaltungen runter.

Der deutsche Ökonom Thomas Straubhaar plädiert in seinem neuen Buch "Der Untergang ist abgesagt. Wider die Mythen des demografischen Wandels" für die Einführung einer Wertschöpfungsabgabe, weil der Sozialstaat aufgrund des technischen Fortschritts (Roboter, Industrie 4.0) anders nicht finanzierbar sei. Gleichzeitig soll der Faktor Arbeit steuerlich entlastet werden.

Ich glaube nicht, dass uns die Arbeit ausgehen wird. Das zeigt die Geschichte. Aber wir werden eine stärkere Segmentierung haben zwischen Menschen mit einer guten und einer schlechten Qualifikation. Bei den Gutqualifizierten werden wir einen Mangel, bei den Schlechtqualifizierten einen Überschuss haben. Das wird die Sozialsysteme in allen Facetten fordern. Man muss sich deshalb für die Finanzierung Alternativen einfallen lassen. Eine Möglichkeit ist die Wertschöpfungsabgabe, da es hier eine Schieflage gegenüber der Besteuerung der Arbeit gibt. Ich meine, dass die Diskussion in diese Richtung gehen muss.

Der amerikanische Star-Investor Warren Buffett schreibt in seinem jüngsten Börsenbrief, dass der technische Fortschritt selbst unter hart arbeitenden Amerikanern Verlierer produziert. Er schlägt soziale "Sicherungsnetze" wie Lohnsubventionen vor.

Lohnsubventionen sind unter bestimmten Voraussetzungen gute Maßnahmen. Wir haben zum Beispiel bereits den Kombi-Lohn, allerdings befristet. Wir finanzieren auch Transitarbeitsplätze in sozialökonomischen Beschäftigungsprojekten (zweiter Arbeitsmarkt). Das ist eine subventionierte Beschäftigung. Man diskutiert auch Eingliederungsbeihilfen.

Der tschechische Ökonom Tomáš Sedláček meint, wir müssen uns von hohen Wachstumsraten verabschieden und kleinere Kuchen backen. Das hat mehr Arbeitslose zur Folge.

Das sind Wünsche, die sich nicht realisieren lassen. Es ist nicht möglich eine Politik zu betreiben, die wachstumsmindernd bzw. nur stabilisierend ist. Ich kann mir keine Politik vorstellen, die sagt null Prozent Wachstum, wir bleiben dort, wo wir sind. Das kann man auch nicht auf den Staat übertragen.

Das heißt, das System strebt nachWachstum.

Ich glaube die Menschen streben nach Wachstum, nach Veränderung. Zumindest jene, die Verantwortung für Mitarbeiter, Systeme und Unternehmen übernehmen. Man kann einem Firmenchef nicht sagen, schau’, dass du die Ziele und Ergebnisse vom Vorjahr erreichst, du brauchst nicht mehr zu machen.

Aber es ist Realität, dass das Wachstum deutlich geringer ist.

Ja, das ist so, das braucht man nicht zu diskutieren. Aber aus Sicht der Beschäftigung muss man nach Wachstum streben. Wachstum produziert Beschäftigung, wenn gleich mit einer Zeitverzögerung. Wenn der Unternehmer Vertrauen in das Wachstum durch neue Aufträge bekommt, traut er sich neue Mitarbeiter einzustellen.

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