Chronik | Oberösterreich
20.08.2017

"Am Blick sieht man, ob etwas geht"

Profikäufer spähen jeden Sonntag schon ab 3.30 Uhr früh nach Gebrauchtem.

"Ich habe heute um vier Uhr früh einen Goldring um 100 Euro verkauft. Vielleicht behält ihn der Käufer selbst, vielleicht wird er teurer veräußert", erzählt ein Hobbyverkäufer aus Wels.

"Der frühe Vogel fängt den Wurm" ist das Motto für den sonntäglich stattfindenden Megaflohmarkt am Parkgelände des Linzer Einkaufszentrums Interspar. Während Nachtschwärmer schön langsam heimwärts ziehen, liegen Profikäufer bereits im unteren Parkdeck gespannt auf der Lauer. Ab 3.30 Uhr, wenn die ersten Aussteller auspacken, spähen sie nach Ware, die sie günstig einkaufen können, um sie dann später teuer weiterverkaufen zu können. "In der Früh wird hauptsächlich Schmuck gehandelt", erklärt ein Hobbyverkäufer aus Wels, der nicht namentlich genannt werden wollte.

Günstiger Einkauf

Offiziell startet der Flohmarkt in der Linzer Industriezeile um acht Uhr. Nur kurze Zeit später marschieren die ersten Einkäufer, voll bepackt mit Pastiksackerln, die Prinz-Eugen-Straße Richtung Stadtzentrum wieder nach Hause. Viele von ihnen haben migrantischen Hintergrund und nutzen den Flohmarkt für einen günstigen Einkauf.

Zeliha Yardim lebt seit 28 Jahren in Österreich. Sie offeriert gebrauchte Vorhänge aus Istanbul. Ihre Stoffe liegen in einer Preisklasse von zehn bis 30 Euro. Zakaria Hajar aus Syrien kommt das zu pass. "Ein reguläres Geschäft ist sehr teuer. Unsere Wohnung ist daher nur mit Sachen vom Flohmarkt eingerichtet", erklärt er.

Altes Gewand, Haushaltsgeräte und Büromöbel, gut aufbereitet für den Kunden: Adolf Horvat und sein Sohn Manfred aus Alkoven haben ein breit gefächertes Sortiment. Sie sammeln von Freunden gebrauchte Ware und fahren damit des öfteren zum Flohmarkt. Gerade hat er das letzte Stück verkauft. Mit einem Einkaufswagen bringt er nun das Leergebinde zum Auto. Die Einnahmen bekommen die Enkel. Einen Preisnachlass gibt es bei den Horvats nicht. "Viele Profiverkäufer oder Kunden, die den Preis drücken wollen, kommen immer wieder zu uns an den Stand. Wir geben aber nichts unter unseren Preisvorstellungen her."

Peter Schürz aus Puchenau hat in der Nähe der Horvats seinen Stand aufgebaut. Bücher, Bilder, Gläser und Gartengeräte brachten ihm bereits 100 Euro ein. Handeln ist erlaubt. "Ich achte nicht auf den Preis. Die Hauptsache ist, wieder etwas losgeworden zu sein. Ich habe bereits ein Bild um sieben Euro verkauft und dann wieder entdeckt. Einige Meter von meinem Stand entfernt kostet es nun 30 Euro. Diese Vorgehensweise ist legitim, daher kann ich damit leben." Während Schürz diese Geschichte erzählt, hat sich ein Käufer für einen Brockhaus, Jahrgang 1980, gefunden. "Bücher kosten bei mir zwischen 50 Cent und einen Euro. Ich bin froh, wenn Leute lesen, daher bekommen sie meine alten Bücher beinahe geschenkt."

Für die Linzerin Veronika Foitl sind Flohmarktbesuche mit Nervenkitzel verbunden. "Wenn ich in ein Geschäft gehe, weiß ich, wonach ich suche. Der Flohmarkt hält immer wieder Überraschungen bereit", sagt die 60-Jährige. Gerade ist ihr ein Ständer voll mit secondhand Kleidern aufgefallen. Nun wird um den Preis gefeilscht, denn als routinierte Flohmarktkäuferin beherrscht sie das ABC des Handelns bestens. "Irgendwie merkt man es schon am Blick des Händlers, ob mit dem Preis etwas geht. Beim Handeln sind zwei bis drei Euro drinnen. Es kommt darauf an, wie wertvoll das Stück ist."

Dem kleinen Medin sind Preisverhandlungen egal, das überlässt er seinem Vater. Viel lieber fährt der Zweijährige mit Modellautos. Vor einigen Tagen hat er seinen Geburtstag gefeiert. Nun bekommt er ein nachträgliches Geschenk. Medins Vater hat einen Mini–BMW gefunden. "Im Fachhandel würde das Auto 260 Euro kosten, jetzt habe ich es um 160 Euro gekauft."

Zeitreise

Zwei regelmäßige Flohmarktgeher aus Traun hatten auf den ersten Blick nicht so viel Glück. "Hier findet man kaum, was man sich von einem traditionellen Flohmarkt erwartet. Es gibt zu viel Neuware und zu wenig Gebrauchtes." Am Ende haben die Gäste aus Traun dann doch noch etwas bekommen. Einen Email-Kochtopf, Turnschuhe und Vinyl-Platten. Nun kann zuhause die Zeitreise beginnen. Wer suchet, der findet.

Autor: Peter Pohn