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Chronik Oberösterreich
12/05/2011

"2012 wird so stark sein wie heuer"

Hohes Wachstum, Abwanderung aus den Randregionen und ein von Pendlern überforderter Zentralraum.

von Josef Ertl

Oberösterreich verzeichnet heuer ein Wirtschaftswachstum von rund drei Prozent, das sich aber laut Prognosen im nächsten Jahr deutlich abschwächen soll. Ein Gespräch mit Wirtschaftslandesrat Viktor Sigl.

KURIER: Die Unternehmen reden von vollen Auftragsbüchern, aber die Wirtschaftsforscher kündigen eine deutliche Abschwächung des Wirtschaftswachstums an. Wie hoch wird das Wachstum nächstes Jahr in Oberösterreich sein?
Viktor Sigl: Wir erleben eine Boomphase. Noch nie hat Oberösterreich so viel exportiert wie heuer. Wir werden die 30-Milliarden-Marke durchstoßen. Mit Anfang September verzeichnen wir bei den Lehrlingsaufnahmen ein Plus von sechs Prozent. Es wird mehr als 9000 Lehrverträge geben. Die Nachfrage nach Fachkräften ist enorm und wir haben zu tun, den Bedarf zu bedienen. Die oberösterreichischen Produkte sind auf den Wachstumsmärkten dieser Welt gut platziert. Es gelingt uns, diese Märkte zu identifizieren. Trotz aller Rezessionen und Probleme wird es immer Märkte geben, wo die Wirtschaft wächst. Auf diesen Märkte müssen wir präsent sein. Dann kann man auch schwierige Phasen gut bewältigen.

Trotz allem sind die Wirtschaftsaussichten nicht sehr rosig.
Man muss differenzieren. Es wird auch innerhalb Europas Branchen geben, die schneller wachsen. Dasselbe wird sich auch außerhalb Europas abspielen. China, Indien, Brasilien und Russland werden weiterhin stark bis sehr stark wachsen. Diese Märkte sind einer eventuellen Weltwirtschaftskrise entgegenzusetzen.

Wie stark wird das Wachstum 2012 in Oberösterreich sein?
Knapp unter oder über drei Prozent. Es wird ähnlich hoch dem heurigen sein.

Das wäre sensationell.
Das wird es auch sein. Ich kann das von der Auftragslage und von der Nachfrage nach Beschäftigten ablesen. Wir werden heuer über das Jahr verteilt 605.000 bis 610.000 Beschäftigte haben. Es waren noch nie so viele. Nicht einmal 2008. Wir werden die Beschäftigung halten können. Und wenn gleichzeitig die Produktivität zunimmt, werden wir nächstes Jahr wieder dort sein, wo wir heuer sind. Was 2013 sein wird, kann ich heute noch nicht sagen. Passiert 2012 in Griechenland Dramatisches, so kann uns das ein Prozent Wachstum kosten.

Leider sind wir in den von Ihnen benannten überseeischen Märkten nicht so stark vertreten. 82 Prozent der Exporte gehen nach Europa, lediglich 18 Prozent gehen nach Übersee.
Das ist genau die Chance, die wir haben. Russland wächst vor allem im technologischen Sektor, also in Bereichen, die für uns interessant sind. Wir sind zum Beispiel mit dem Flugzeugteilehersteller FACC sehr gut in der Lage, den Markt zu bedienen. Wir haben die richtigen Produkte für diese wachsenden Märkte. Wir müssen schauen, dass wir unsere Betriebe hier entsprechend begleiten.

Vor einigen Jahren wurden in allen Bezirken Technologiezentren gegründet. Zielsetzung war, jungen Unternehmen beim Start zu helfen. Inzwischen gewinnt man manchmal den Eindruck, die Technologiezentren sind zu Bürovermietern geworden.
Es gibt in jedem Bezirk innovative Geister. Deshalb wurden flächendeckend 20 Technologiezentren gegründet. In manchen Zentren ist es darum gegangen, die Auslastung und die wirtschaftliche Darstellbarkeit zu erreichen. Nun sind wir in der Phase zwei, bei der es um die Spezialisierung geht. Als Beispiel darf ich das Zentrum in Gunskirchen anführen. Es ist direkt bei Bombardier Rotax angesiedelt. Es wird Rotax im Bereich der Motorentechnik in die nächste Ebene begleiten, es geht um Prüfzentren für den Treibstoffverbrauch.
In Grieskirchen haben wir eine starke Ausrichtung zur Landwirtschaftstechnik. Daher wird sich das Technologiezentrum um diese Themen in Verknüpfung mit der regionalen Wirtschaft annehmen. Hier geht es nicht nur um die Firma Pöttinger, sondern auch um Zulieferbetriebe im Bezirk. Das Technologiezentrum Perg hat mit der Firma Engel einen starken technologischen Touch und mit der Habau einen bauwirtschaftlichen Schwerpunkt.
Wir sind nun in der Einzelprofilierungsphase. Wir werden möglicherweise bei dem einen oder anderen Zentrum zur Erkenntnis kommen, dass es eine Immobilie ist. Dann muss man auch als solches behandeln und man braucht dann keinen Technologiezentrumsmanager.

Rund 100.000 Beschäftigte pendeln täglich nach Linz ein. Das verursacht große Verkehrsprobleme, die nur schwer bewältigbar sind. Das ist doch auch ein Versagen der Raumordnungspolitik.
Der Club of Rome hat bereits vor 15 Jahren festgestellt, dass der urbane Raum bis 2030 stark zunehmen wird. Das ist ein weltweites Phänomen. Die Menschen ziehen der Arbeit nach. Wir müssen nun überlegen, wie wir die Arbeit zu den Menschen hinausbringen. Die Raumordnung ist hier gefordert, aber sie schafft es alleine nicht, weil dafür die Gemeinden zuständig sind. Das Land ist Aufsichtsbehörde.
Wir brauchen am Land Flächen, die mit dem urbanen Raum wettbewerbsfähig sind. Wir haben zurzeit 20 Modelle, wo sich mehrere Gemeinden zusammengeschlossen haben und gemeinsam interkommunale Betriebsbaugebiete anbieten. Das allein genügt aber nicht. Wir gestalten in den Regionen fünf Wirtschaftsparks. Der erste ist Perg-Machland, der zweite ist im Bereich Wels-Sattledt in Vorbereitung und wird Alpenvorland heißen. Es handelt sich jeweils um Flächen von 80 bis 200 Hektar, die wir mit der notwendigen Struktur ausstatten. Bis 2015 soll jedes Jahr ein neuer Wirtschaftsparks entstehen. Jeder dieser Parks soll mindestens 1000 Arbeitsplätze schaffen.

Der Ausbau der Infrastruktur, vor allem von Straße und Schiene, kommt doch viel zu spät. Linz hat beispielsweise bis heute nur eine Abfahrt von der Westautobahn.
Linz hat mit der Abfahrt Asten durchaus eine zweite Ausfahrt. Beim Bau der Wirtschaftsparks gehen wir von folgenden Komponenten aus: Hochrangiger Straßenanschluss, also mindestens Autobahn oder Bundesstraße, Schienenanschluss, Umspannwerk und Gas, also doppelte Energieversorgung, und Breitband. Da sind für uns die Voraussetzungen für einen Wirtschaftspark.

Aber die Staus und die überlasteten Straßen belegen doch, dass wir mit dem Straßenausbau hinten sind.
Man wird mit der Infrastruktur in einem erfolgreichen Wirtschaftsraum immer hinten sein, weil die Wirtschaft schneller wächst, als die Infrastruktur mithalten kann. Die entscheidende Frage ist, wie gelingt es, Wachstum von Regionen so zu koordinieren, dass die Infrastruktur zeitgerecht mitwachsen kann. Wir sind hier nicht so schlecht unterwegs.

Zum Beispiel?
Im Mühlviertel Richtung tschechische Grenze. Wir haben dort rechtzeitig erkannt, dass hier ein großes Arbeitskräftepotenzial für Linz vorhanden ist. Dieses Gebiet kann aber auch ein wirtschaftliches Hoffnungsgebiet sein, wenn die Infrastruktur gegeben ist. Mit der Schnellstraße S 10 sind wir gut unterwegs, wir hängen noch beim Ausbau der Bahn.

Es gibt aber Räume wie zum Beispiel die Bezirke Schärding und Rohrbach, die Abwanderungsbezirke sind.
Schärding ist von der Infrastruktur durch die Innkreisautobahn und die B 137 gut erschlossen. Das ist in Rohrbach anders, der neben Eferding der stärkste Auspendlerbezirk ist. Rohrbach ist ebenso wie Urfahr-Umgebung am Linzer Zentralraum orientiert. Wir müssen versuchen, im Raum Rohrbach Betriebe des Mittelstands zu begleiten. Wir haben viele gute kleine und mittlere Betriebe. Ich darf als Beispiel ÖkoFen nennen, der sich sehr gut entwickelt hat, weil er auch begleitet wurde. Mit begleiten meine ich auch, dass wir mit einer eigenen Arbeitsmarktstrategie den regionsbezogenen Fachkräftebedarf der Zukunft definieren. Wir eruieren, welche Betriebe mit welchem Potenzial da sind. Und wie es gelingen kann, dass sich die Menschen in ihrer Ausbildung an diesen Betrieben orientieren.

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