© Thomas Leidig

Interview
04/17/2020

Wietske van Tongeren: „Unser Leben hat sich radikal verändert“

Der Musicalstar wäre eigentlich bei Cats im Ronacher zu sehen, momentan ist ihre Bühne jedoch ihr Zuhause im Bezirk St. Pölten.

von Marlene Penz

KURIER: Sie leben seit zwei Jahren mit Ihrer Familie am Land, sind Sie froh, gerade jetzt nicht mehr in Wien zu wohnen?

Wietske van Tongeren: Fast jeden Tag sagen mein Mann und ich zueinander, was wir für ein Riesenglück haben, hier in Gablitz zu wohnen. Wir können mit unseren zwei Kindern einfach hinaus in den Wald oder in unseren Garten gehen und ihn auf Vordermann bringen. Überall ist es ruhig. Neulich habe ich das zu meiner Nachbarin über den Zaun hinweg gesagt und sie meinte, das stimme, aber so sei es auch vor Corona-Zeiten schon gewesen. Diese Ruhe, die alles hier ausstrahlt, sorgt einfach für eine ungeheure Lebensqualität.

Und wie verbringen Sie Ihren Tag? Vor den Corona-Maßnahmen standen Sie noch als Grizabella im Musical Cats im Ronacher auf der Bühne.

Unser Leben hat sich radikal geändert. Jetzt bin ich 24/7 zu Hause. Mein Vertrag wäre bis Ende Mai gelaufen und ich war gerade in den Verhandlungen, ihn zu verlängern. Jetzt mache ich vier- bis fünfmal pro Woche ein Sportprogramm gemeinsam mit meinen Cats-Kollegen über eine Video-Konferenz-Plattform, damit wir fit bleiben. Das ist das Einzige, was mit meinem Beruf zu tun hat im Moment. Ansonsten verbringe ich mit meinem Mann und meinen Kindern den Tag – er ist auch Musical-Darsteller – da wir als Künstler nicht systemrelevant sind, machen wir uns relevant für unsere Kinder. Das bietet neue Perspektive und es ist auch herrlich.

Wie wäre es ohne Corona-Krise weitergegangen?

Das erste Drittel dieses Jahres war rappelvoll. Nachdem ich ein Jahr nach der Geburt meiner Tochter Amelie zu Hause war, habe ich im letzten Sommer beschlossen wieder zu arbeiten und ab November ging es los. Mein Mann wollte gerade seine Künstler-Agentur gründen und ich habe insgesamt drei Produktionen gleichzeitig gemacht. Es war schon viel, aber schön. Ich habe noch gesagt, ab März wird es ruhiger, weil dann nur noch Cats läuft, bevor dann Anfang Mai die Proben für Evita im Steinbruch Winzendorf in Niederösterreich anlaufen. Da wäre im Juli Premiere. Dass es plötzlich so ruhig wird, damit konnte niemand rechnen. Zuerst wurde eine Vorstellung von Cats abgesagt, dann eine zweite. Nun habe ich wohl Grizabella das letzte Mal gespielt, ohne dass es mir überhaupt klar war.

Haben Sie auch Existenzängste?

Am Anfang, als alles zugesperrt hat, hatten wir auch Existenzängste, ja. Aber egal, ob Corona oder nicht, in diesem Beruf gibt es immer wieder Existenzängste, weil Engagements nur auf einen bestimmten Zeitraum beschränkt sind und Verträge auslaufen. Trotzdem ist die jetzige Situation anders, weil ja ansonsten Theater gespielt wird und es Optionen gibt. Aber Panik ist ein schlechter Ratgeber, ich versuche grundsätzlich immer Zuversicht zu haben und denke, wenn ich positiv bin und das aussende, dann wird das auch so zurückkommen. Außerdem bin ich dankbar dafür, in welchem Land wir leben dürfen und dafür, dass wir gesund sind. Natürlich gibt es auch Situationen, die nicht einfach sind. Zum Beispiel, wenn mein Sohn Jonah traurig ist, weil er nicht in den Kindergarten gehen kann und ich ihm erklären muss, warum er auch nicht mit den Nachbarskindern draußen spielen kann. Oder, dass ich nicht weiß, wann ich meine Familie in Holland wiedersehe. Aber wir sitzen alle im selben Boot und müssen da jetzt einfach durch und das einzige, was dabei hilft ist, positiv zu bleiben und das beste aus der Situation zu machen.

Aber gibt es für Sie einen Plan B, also abseits der Bühne?

Es gibt immer mal Dinge, die einem durch den Kopf gehen und ich unterrichte auch gerne und denke, vielleicht liegt da noch ein Weg für mich. Ich bin mit 24 Jahren von Holland nach Wien gekommen als Zweitbesetzung der Hauptrolle in Elisabeth, das war direkt nach meiner Ausbildung. Ich hätte das nicht für möglich gehalten: Ich, vom Dorf, gleich auf eine Bühne in dieser großen, wunderbaren Stadt. Das erste Jahr dachte ich immer nur „Wow“, wenn ich in Wien hinaus auf die Straße ging. Die ganze Stadt hat das Stück Elisabeth geatmet. Und auch heute noch liebe ich meinen Beruf, ich liebe es, wenn ich auf der Bühne stehen, singen und spielen darf. Da bin ich von Freude und Glück durchflutet und ich hoffe wirklich, dass ich das noch lange machen kann und noch oft erleben darf.

Geboren am 26. Dezember 1980 in Holland, führte sie ihr erstes Engagement nach ihrer Ausbildung 2004 nach Wien. Sie übernahm die Zweitbesetzung der Titelrolle in Elisabeth. Es war der Startschuss einer erfolgreichen Karriere auf diversen Bühnen im gesamten deutschsprachigen Raum. 2020 war sie als „Grizabella“ in Cats und als „Rose“ in Aspects of Love zu sehen. Sie ist mit  Musicaldarsteller Martin  Pasching verheiratet. Sie haben zwei Kinder und leben seit 2018 in Gablitz.

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