„Wie in Texas“: Rekord-Dürre zwingt Bauern, Tiere von Weide zu holen
Die Tiere des Weidevereins Rabensburg müssen die Weideflächen in der Thaya-Au verlassen: Wo sonst saftige Wiesen sind, ist die Dürre eingezogen. Die Tiere haben kein Futter mehr.
„Wir müssen unsere Tiere von der Weide heimholen. Am besten kommst du mit, wie es dort aussieht, muss man selbst sehen.“ So sah die Einladung von Demeter-Bäuerin Martina Fink aus Enzersdorf im Thale (Bezirk Hollabrunn) an den KURIER aus, beim viel zu frühen „Almabtrieb“ dabei zu sein.
Sechs ihrer insgesamt 50 Montafoner-Kühe stehen auf einer Weide in der Rabensburger Au. Die Au liegt im Bezirk Mistelbach direkt an der Thaya. Normalerweise stehen die Montafoner-Damen der Finks mit den Tieren des „11er Hofs“ aus Hausbrunn (Bezirk Mistelbach) von April bis Ende Oktober im Auengebiet. Heuer nur bis Ende Juli.
Almabtrieb im Juli, das gab's noch nie
„Das gab's noch nie. Auch die älteren Bauern, mit denen ich gesprochen hab, können sich an so eine extreme Situation nicht erinnern“, erzählt Markus Ulrich vom 11er Hof. Im Duden wird eine Au als ein flaches Gelände beschrieben, das an einem (fließenden) Gewässer liegt, mit saftigen Wiesen und verstreuten Büschen oder Bäumen.
Die saftigen Wiesen sucht man in Rabensburg vergeblich. Alles ist staubtrocken. Die Sonne brennt auf die sogenannten „Bauernwiesen“ in den Rabensburger Thaya-Auen. Wenn die Bauern rufen, kommen die verbliebenen sieben Tiere angaloppiert. „Und das bei der Hitze“, ist Martina Fink beeindruckt von den Tieren, als sie mit ihrem Mann Siegfried am Donnerstag ihre letzten drei Damen abholt. Ferdinand der Ochse dient als Ruhepol, damit die Kühe ruhig in den Anhänger gehen.
Trächtige Kühe sind schon zuhause
Er und drei weitere Tiere bleiben noch etwa eine Woche in der Au. „Die trächtigen Kühe haben wir schon vorige Woche geholt, das geht nicht mehr“, sagt Matthias Klaunzer, Betriebsführer des 11er Hofs. Der Ochse, die beiden Kalbinnen und Anika, eine pensionierte Kuh und ehemalige Schönheitskönigin, kommen mit weniger Nährstoffen aus. Unten an der Thaya gibt es noch eine Stelle, an der sie für die kommenden Tage ausreichend Futter finden.
„Es ist sonst so paradiesisch hier, dass einem das Herz aufgeht“, sagt die Demeter-Bäuerin, deren Herz jetzt blutet. Denn die Situation der Landwirte ist dramatisch. Der Niederschlag fehlt überall. „Bei uns hat es im Mai zum letzten Mal richtig geregnet“, erzählt Ulrich. Heuer ist die Heuernte um 75 Prozent geringer als im Vorjahr. „Mit nur 25 Prozent müssen wir nicht nur die Tiere durch den Winter bringen, sondern jetzt auch drei Monate länger füttern, weil sie nicht mehr auf der Weide stehen können“, erklärt er.
Alte Rassen sind robuster
Im Juni hat sich die extreme Situation bereits abgezeichnet. Die alten Kuh-Rassen des 11er Hofs und die Montafoner aus Enzersdorf im Thale seien robuste Rassen. „Normales Fleckvieh hätten wir schon lange holen müssen“, weiß Ulrich.
- „Es ist ein super nachhaltiges Projekt“, beschreibt Martina Fink das Weideprojekt.
- Die „Bauernwiesen“ in Rabensburg dienten bis in die 1970er Jahre als Weideflächen für Kühe. Die Tiere wurden am Abend immer nach Hause getrieben. Die Kühe fanden ihr Haus von allein. Heute gibt es in Rabensburg keine einzige Kuh mehr.
- Da die Aulandschaft nicht mehr beweidet wurde, breitete sich die Giftpflanze Herbstzeitlose aus. Sie sieht zwar schön aus, zählt aber zu den giftigsten Pflanzen Europas.
- „Die Herbstzeitlose wächst dort, wo gemäht wird, aber nicht dort, wo geweidet wird“, erklärt Markus Ulrich.
- Darum gibt es den Weideverein Rabensburg, seit sieben Jahren wird die Fläche wieder beweidet.
- Die Giftpflanzen sind verschwunden. Durch den Mist der Kühe leben wieder mehr Insekten dort, das wiederum lockt neue Vogelarten an.
- Der Mondhornkäfer galt als ausgestorben, wurde durch die Beweidung der Thaya-Au ebendort aber wiederentdeckt.
„Wir müssen die Klimaziele erreichen. Es geht um die österreichische Landwirtschaft, um unsere Grundversorgung“, blickt Fink fassungslos in die ausgedörrte Au. Sie will nicht jammern, erzählt aber ein Beispiel, das den Bauern zusätzlich das Leben schwer macht: Biodiversitätsflächen dürfen zwei mal pro Jahr gemäht werden. „Aber erst ab 1. August, sonst verlierst du die Förderung.“ Und die Mahd nach 1. August bringt gerade in einem Jahr wie diesem Einbußen bei der Qualität.
LK-Vizepräsident fordert mehr Flexibilität
„Wir arbeiten an mehr Flexibilität. Die brauchen wir. Wir arbeiten ja unter freiem Himmel, nicht am Schreibtisch“, sagt Lorenz Mayr, Vizepräsident der NÖ Landwirtschaftskammer. Doch dieser muss Brüssel zustimmen. Immerhin: Heuer gibt es eine Ausnahmegenehmigung. Wer vor dem 1. August Biodiversitätsflächen mäht, verliert nur die Förderung für die gemähte Fläche und nicht für die Gesamtfläche.
Als er beim KURIER-Anruf „Rabensburg“ hört, sagt er sofort: „Das ist der Ort mit dem wenigsten Niederschlag. Da schaut's aus wie in Texas.“ Wirtschaftlich sei das heurige Jahr katastrophal. Die Sommerernte fiel im Durchschnitt um 20 Prozent geringer aus, in Gegenden wie Rabensburg sogar um 70 Prozent. Sorgen bereitet ihm die Herbsternte, die könne nicht einmal „richtiger Regen“ mehr retten.
Bauern brauchen Unterstützung bei Dürre
„Die Landwirtschaftskammer fordert Unterstützungsmaßnahmen bei Dürre“, sagt der Vizepräsident. So soll die Sozialversicherung gestundet werden können; auch Dürrekredite würden helfen.
Denn Mayr bekomme zu oft Anrufe von Berufskollegen, die nicht wissen, wie sie sich Saatgut für nächstes Jahr noch leisten sollen. „Wir brauchen die Liquidität der Betriebe.“ Mayr befürchtet, dass im nächsten Jahr in einigen Regionen Pachtflächen aufgrund der Situation nicht mehr bewirtschaftet werden. „Rund um den Jauerling, aber auch im Bezirk Mistelbach und Gänserndorf.“
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